Aachen - Einstein-Teleskop: Niederlande fördern Spitzenforschung mit 30 Millionen Euro

Einstein-Teleskop: Niederlande fördern Spitzenforschung mit 30 Millionen Euro

Von: Heiner Hautermans
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Dem Inneren der Erde auf der Spur. Foto: Andreas Herrmann
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Wissenschaftler aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden haben im limburgischen Hügelland jetzt erste Bodenmessungen für das Einstein-Teleskop vorgenommen. Foto: Andreas Herrmann
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Die kilometerlange unterirische Messstrecke für Gravitationswellen, die dort entstehen könnte, ... Foto: Animationen: Nikhef
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... könnte mit einem Besucherzentrum überbaut werden. Foto: Animationen: Nikhef

Aachen. In der Theorie war schon klar, dass sich das Dreiländereck für die Errichtung des sogenannten Einstein-Teleskops eignet. Die geologische Formation des Hügellandes im südlimburgischen Hügelland besteht aus einer relativ weichen Oberfläche und hartem Fels in der Tiefe, so dass dort stattfindende Messungen äußerst empfindlicher Instrumente nicht gestört würden.

Erste Untersuchungen haben nun in der Praxis auch zu positiven Ergebnissen geführt, so dass die beteiligten Wissenschaftler guten Mutes sind. Allerdings sind noch weitere Bohrungen bis in eine Tiefe von 300 Metern und Prüfungen erforderlich, um zu endgültigen Ergebnissen zu kommen. Die Provinz Limburg und die niederländische Regierung setzen sich klar für das Riesenprojekt ein.

Wissenschaftsministerin Ingrid van Engelshoven hat vor wenigen Tagen 30 Millionen Euro für wissenschaftliche Einrichtungen von Weltformat bereitgestellt und dabei ausdrücklich auf das Einstein-Teleskop abgestellt. Sie hofft, dass das große Vorhaben in Zusammenarbeit mit Deutschland und Belgien verwirklicht werden kann, wo ebenfalls Vorbereitungen im Hinblick auf die Verwirklichung getroffen werden. In Terziet, einem Weiler in der Gemeinde Gulpen-Wittem, kurz vor der niederländisch-belgischen Grenze, sind schon verschiedene Messreihen vorgenommen worden, beauftragt von der Provinz Limburg und dem niederländischen Forschungsinstitut Nikhef.

Ein unterirdischer Tunnel

Vor Ort erläutert der Geo-Hydrologe Bjorn Vink, der seit vier Jahren mit dem Projekt beschäftigt ist, dass nicht nur der Untergrund geeignet ist, sondern auch die gesamte Infrastruktur. In der Umgebung befinden sich zahlreiche renommierte Universitäten und Forschungseinrichtungen, die die Datenfluten der zu erwartenden Messungen auswerten könnten, hoch qualifizierte Unternehmen, die neue Technologien entwickeln könnten, Flughäfen und Straßen. Die sind beispielsweise wichtig bei der Errichtung des unterirdischen Tunnel-Dreiecks, für das rund eine Million Kubikmeter Fels aus der Tiefe geholt und abtransportiert werden müsste. Doch das sei zu bewältigen. Vink: „In Maastricht ist aus dem doppelten Tunnel mehr Erde herausgeholt worden.“

Und für die TGV-Strecke nach Lüttich habe man einen sechs Kilometer langen Tunnel in ähnlichem Gestein gebohrt, ergänzt Prof. Lucien Halleux von der Universität Lüttich. Er ist mit seinen Studenten angerückt, um eine der beiden Messreihen zu verfolgen. Zunächst werden durch kleine Detonationen seismische Signale in die Tiefe gesendet, später durch elektrische Geräte der Widerstand des Bodens gemessen: „So bekommt man ein schönes dreidimensionales Bild des Bodens.“ Der Geophysiker bestätigt, dass auch die belgische Seite sehr interessiert am Entstehen des Einstein-Teleskops sei.

„Damit kann man in den Ursprung der Zeit schauen“, erläutert Bjorn Vink die Faszination des Vorhabens aus Sicht der Wissenschaftler. Natürlich ist die Grenzregion Aachen-Maastricht-Lüttich nicht der einzige Bewerber in Europa. Als Hauptkonkurrent aus ursprünglich 15 geplanten Standorten habe sich inzwischen Sardinien erwiesen, wo man auch schon mit vorbereitenden Bodenuntersuchungen begonnen habe und vom zuständigen Ministerium 18 Millionen Euro zur Verfügung gestellt worden sind. Vink betont, dass idyllische limburgische Hügelland durch wissenschaftliche Großeinrichtung so gut wie nicht beeinträchtigt würde, auch gingen davon keine Strahlungen an die Oberfläche aus: „Dadurch kommt viel Geld in die Region.“

Einen Prototypen aufbauen

Auch Prof. Achim Stahl, Leiter des III. Physikalischen Instituts der RWTH, ist sehr angetan von einer eventuellen Verwirklichung des Einstein-Teleskops im hiesigen Bereich: „Ich denke, die Chancen stehen gut. Die allerwichtigste Frage ist, ob die Lage geeignet ist.“ Die zweite Frage sei dann eine forschungspolitische.

Die Provinz Limburg und die niederländische Regierung hätten sich klar für das Einstein-Teleskop ausgesprochen. „Wenn es uns gelingt, die deutschen Forschungspolitiker zu überzeugen, da mitzuziehen, sind unserer Chancen in der Tat sehr gut“, sagt der Wissenschaftler weiter. Zunächst wolle man in ein bis zwei Jahren einen Prototypen aufbauen, um neue Technologien auszuprobieren. Statt zehn Kilometer Spiegelabstand verfüge dieses Miniaturmodell nur über eine Länge von zehn Metern, was nach seiner Vorstellung gut in Maastricht platziert werden könnte. „Unser Ziel ist es, in fünf Jahren alle technologischen Entwicklungen soweit im Griff zu haben, dass wir einen vollständigen Projektplan zur Entscheidung vorlegen können. Dann könnte es wenige Jahre später mit dem Bau losgehen.“ Fünf Jahre werde der Bau wegen den notwendigen Tunnelarbeiten benötigen, dann könnten die Messungen beginnen. „In diesem Projektplan werden dann auch die Eckpunkte des dreieckigen Teleskops festgelegt werden. Weit weg von Aachen werden sie nicht sein.“

Die Physikinstitute der RWTH, so Prof. Stahl weiter, beschäftigten sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung unseres Universums. „Wir suchen nach den Quellen kosmischer Strahlung mit extremen Energien oder nach den Neutrinosignalen, die Sterne zusammen mit Gravitationswellen ausstoßen, wenn sie am Ende ihrer Lebensdauer kollabieren.“

Die Fragestellungen des Einsteinteleskops seien den Aachener Wissenschaftlern daher sehr vertraut, „aber die Technologie der Gravitationswellendetektoren ist Neuland für uns“. Stahl: „Wir haben angefangen uns mit dieser Technologie zu beschäftigen, aber das ist noch ein weiter Weg.“ Er geht davon aus, dass an der Elite-Uni für ein „Projekt dieser Dimension“ auch neue Professuren und Stellen eingerichtet werden, wie in Maastricht schon fest geplant. Überhaupt arbeite man gut mit den belgischen und niederländischen Kollegen zusammen: „Wir kennen uns seit vielen Jahren aus Zusammenarbeiten in anderen Projekten oder von der Ausbildung unserer Doktoranden.“

 

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