Einst stahl er Geld, heute berät er Pfarren

Von: Robert Esser
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Der Bankangestellte K. hat in der Eifel Wertpapiere und Münzen für über 90.000 Euro gestohlen. Jetzt arbeitet er für die Kirche. Symbolbild: dpa

Aachen. Würden Sie einem verurteilten Dieb Ihr Bargeld anvertrauen? Oder ihn als Finanzberater einstellen? Nein, natürlich nicht! Die Kirche offenbar schon. Wie der Fall des Bankfachwirtes K. (55) zeigt. Das Bistum Aachen hat K. spätestens ab 2011 unschätzbare Werte anvertraut.

Nachdem das Generalvikariat in einer Eifeler Gemeinde den Kirchenvorstand wegen heftiger Streitereien mit dem dortigen Pastor abgesetzt hatte, wurde K. dort als Vermögensverwalter inthronisiert. Über seinen Schreibtisch lief alles – von der Handwerkerrechnung über Barspenden bis zur Sonntagskollekte. K. war der Chef im Haus. Was er Jahre zuvor schon einmal war: 2005, als hoch angesehener Filialdirektor der Trierer Pax-Bank. Auf diesen Posten war er damals gerade von einem Eifeler Kreditinstitut aufgestiegen – bis das Wittlicher Amtsgericht den damals 47-Jährigen wegen Diebstahls zu einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung verurteilte.

Der Richter sah es im Oktober 2005 als erwiesen an, dass der Mann noch als Angestellter in der Eifeler Bank Wertpapiere für rund 90.000 Euro und fünf goldene Krügerrand-Münzen aus dem Schließfach eines verstorbenen Kunden gestohlen hat. Ein besonders schwerwiegender Vertrauensbruch. Zudem soll er Geld am deutschen Fiskus vorbeigeschleust haben – womit er etwa in Berichten des „Trierischen Volksfreundes“ auftauchte.

Als Filialdirektor der Pax-Bank, der katholischen Bank für Kirche und Caritas, war K. nach dem Urteilsspruch nicht mehr haltbar. Noch vor Jahresende erlosch seine Prokura. Doch K. fand schnell eine neue Arbeitsstelle im benachbarten kirchlichen Umfeld, bei der sein Wissen und seine Erfahrung im Finanzsektor gefragt waren: in einem Verwaltungszentrum (VWZ) des Bistums Aachen. Seit 2006 gehört er dem Fachbereich Finanzen des VWZ als Berater an. In den Regionen Düren und Eifel ist K. für die Vermögensangelegenheiten von zig Pfarren zuständig – wieder eine ganz besondere Vertrauensposition. Von seiner Vorgeschichte dort schien niemand etwas zu ahnen – schon gar nicht in der Eifeler Gemeinde, in der er als zwangsberufener Vermögensverwalter nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen worden war.

Doch die Verantwortlichen im Bistum, die K. eingestellt haben, wussten mehr: „Ein eventuell strafrechtlich relevantes Verhalten war bei seiner Einstellung Gegenstand des Bewerbungsgesprächs“, räumt Bistumssprecher Franz Kretschmann auf Anfrage unserer Zeitung ein. Aber: „Der Anstellungsträger, der Kirchengemeindeverband Düren-Eifel, kam damals zu dem Ergebnis, dass dies für die Einstellung von Herrn K. nicht hinderlich sei“, sagt Kretschmann. Und fügt hinzu: „Das bestehende Arbeitsverhältnis ist seitdem von guter fachlicher Kompetenz und gegenseitigem Vertrauen geprägt.“

Verwunderung

Verwunderung löst aus, dass die VWZ-Chefs trotz der „strafrechtlich relevanten“ Bedenken beim Einstellungsgespräch vor der Anfrage unserer Zeitung keinerlei Anstalten machten, Unterlagen zur Vorgeschichte von K. anzufordern, um dessen Vertrauenswürdigkeit einschätzen zu können. Dazu teilt das Bistum mit: „Bis heute liegt dem Anstellungsträger kein Urteil über eine strafrechtliche Verurteilung vor. Aber der Träger wird klären, ob es ein solches Urteil gibt und es anfordern...“

Ob man gegebenenfalls Konsequenzen zieht, ließ der Bistumssprecher offen. Unserer Zeitung liegt das Aktenzeichen vor: 8003 Js 14893/03. Umgekehrt scheint K.‘s Loyalität gegenüber der hiesigen Kirchenführung jenseits der Bistumsgrenze zu enden. K. ist nämlich seit seiner Jugend auch ehrenamtlich in seiner Heimatgemeinde in der Vulkaneifel aktiv – und stieg im Bistum Trier, zeitgleich zu seiner VWZ-Anstellung im Bistum Aachen, bis zum Vorsitzenden eines Deka­natsrates auf. Als solcher übt er öffentlich, auch in Zeitungs-Interviews, zuweilen heftige Kritik, zum Beispiel an von oben befohlenen Dekanatsfusionen.

Die Fusion von Gemeinden war jedoch in Aachen eine der Voraussetzungen für die Einrichtung der Verwaltungszentren; dazu gehört auch das Verwaltungszentrum, von dem der verurteilte Gelddieb K. als Finanzberater bis heute sein Gehalt bezieht.

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