Einmal Weltmeister sein: Der WM-Pokal zu Gast beim FC Inde Hahn

Von: André Schaefer
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"Ehrenrunde" (DFB-Aktion mit WM-Pokal) in Aachen-Hahn
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"Ehrenrunde" (DFB-Aktion mit WM-Pokal) in Aachen-Hahn
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"Ehrenrunde" (DFB-Aktion mit WM-Pokal) in Aachen-Hahn
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"Ehrenrunde" (DFB-Aktion mit WM-Pokal) in Aachen-Hahn

Aachen. Und dann führt der Weg aus der prallen Mittagssonne in die Finsternis. Abrupt ist die eigene Hand vor dem Auge nicht mehr zu erkennen. Das einzig wahrnehmbare Geräusch: eine Stimme, die aus dem Lautsprecher schallt.

Sie ist nicht unbekannt, es ist die Stimme des deutschen Fußballnationaltrainers Joachim Löw, der „högschte“ Konzentration fordert. Als sich die Tür öffnet, ist es am Ende des Tunnels in der beleuchteten Glasvitrine sichtbar: das Objekt der Begierde, die wichtigste Trophäe des internationalen Fußballs. Wie der heilige Gral erstrahlt der WM-Pokal den Raum. Spätestens jetzt weicht die „högschte“ Konzentration der „högschten“ Disziplin. Schließlich wird jeder Schritt ab sofort vom aufmerksamen Leibwächter genau beobachtet. Nur gucken, nicht anfassen! Ein Schritt nach vorne, ein Lächeln, ein Foto. Danke und auf Wiedersehen. Genau 2014 Menschen haben sich am Montag in Hahn diesen einen besonderen Moment gesichert, den Moment, in dem sie sich wie Weltmeister fühlen durften – für ganze 120 Sekunden.

Die Freude ist ansteckend

Es ist 11 Uhr, als die Glocken der Hahner Pfarrkirche im Südosten Aachens zu läuten beginnen. Es scheint, als habe der Fußballgott ausnahmsweise Einzug erhalten in der neugotischen Kirche, die nur einen Steinwurf vom Ort des Geschehens entfernt steht. Der Ort des Geschehens, das ist an diesem Tag der kleine Marktplatz Am Fassenhof, an dessen Eingang Luise Kratzenberg seit dem frühen Morgen sichtbar aufgeregt hinter dem Kassenhäuschen sitzt. Die 81-Jährige ist Frühaufsteherin, schon bevor die beiden Trucks des Deutschen Fußballbundes (DFB) gegen 9 Uhr in der Früh um die Kurve fuhren, war Kratzenberg vor Ort.

„Ein bisschen aufgeregt ist man ja schon“, sagt sie und hält dabei ein Dutzend schwarz-gelber Luftballons in der Hand – die Vereinsfarben des FC Inde Hahn. „Dass dieser große WM-Pokal in unserem kleinen Dorf zu Besuch ist, das ist einfach super, das ist spannend, einfach unnormal.“ Kratzenberg wirft wild gestikulierend mit Superlativen um sich. Seit mehr als 50 Jahren ist sie Mitglied beim FC Inde Hahn, kaum ein Spiel hat sie seitdem verpasst. Ihre Freude ist ansteckend. So ansteckend wie die kollektive Glückseligkeit des 1000-Seelen-Dorfes.

Rund 800 Fußballvereine aus 21 Landesverbänden hatten sich vor Monaten um den Besuch des WM-Pokals beworben, 63 Amateurvereine erhielten den Zuschlag. Als einer von drei Vereinen aus dem Fußballverband Mittelrhein erhielt der FC Inde Hahn vor Wochen die frohe Botschaft. Der DFB wolle den WM-Pokal als Dankeschön auf eine Ehrenrunde quer durch die Republik schicken, „an die Basis, denn dort stehen die ‚Wiegen der Weltmeister‘“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Seit dem 26. Mai sind die zwei imposanten Lastwagen unterwegs, der kleine Ort im Münsterländchen war am Montag der 30. Stopp der Trucks, in deren Inneres die begehrte Trophäe wohlbehütet aufbewahrt wird.

Ermöglicht hatte all dies ein munteres Bewerbungsvideo des frischgebackenen Landesligisten. Diese kreative Idee sei im Kollektiv entstanden, sagt Axel Stettner, der als sogenannter Vereinsdichter vor der Kamera ein emotionales Plädoyer für den Verein und seine 500 Mitglieder gehalten hatte. Mit Erfolg. „Dass dieses intensive Dorf- und Vereinsleben in Hahn mit dem Besuch des WM-Pokals belohnt wird, ist einfach klasse“, sagt er. Stettner, 46, hatte am Montag die Ehre, als erstes Vereinsmitglied den DFB-Truck zu betreten. „So nahe komme ich diesem Pokal nie wieder“, sagt er.

Zwei Minuten später weiten sich seine Augen. Es hat den Anschein, als habe dieser 36,8 Zentimeter große und knapp 6,2 Kilogramm schwere Pokal eine magische Wirkung auf den 46-Jährigen. „Das ist schon irgendwie eindrucksvoll“, sagt er. „Man kennt diesen Pokal, man hat ihn zigmal im Fernsehen gesehen. Und doch ist es ein ganz besonderer Moment“, sagt Stettner, eher er vom Mitarbeiter des DFB freundlich gebeten wird, den Truck zu verlassen. Exakt 2013 Schaulustige wollen Stettner an diesem Tag noch folgen. Der Andrang ist groß.

Während die ersten mit einem breiten Grinsen das Gesehene beim Verlassen des Lastwagens verarbeiten, steht Zaharia Raissi brav und ein wenig schwitzend in der Menschenschlange. Einen Moment lang bleibt sein Blick haften an einem Dirndl, das zunächst so gar nicht in den Kontext der Fußballfeier passen mag. Dass es sich bei dem Kleidungsstück um jenes Dirndl handelt, das Thomas Müller im Zuge einer verlorenen Wette beim Abendessen im Teamhotel tragen musste, weiß der 16-Jährige in dieser Sekunde nicht.

Stattdessen wirft er eine andere Frage in den Raum: „Ist das jetzt gleich der echte Pokal?“, fragt er in seinem verständlichen, aber noch etwas gebrochenen Deutsch. Dass es sich tatsächlich um jene mit 18-karätigem Gold umhüllte Trophäe handelt, die die deutschen Nationalspieler in der Nacht von Rio vergangenen Sommer küssten und in den Abendhimmel reckten, darüber wird er schnell aufgeklärt. „Super, ein ganz besonderer Tag für mich“, sagt er.

Es ist ein Satz, wie man ihn am Montag sehr oft in Hahn hörte. Doch Zaharia Raissi glaubt man die Wortwahl auf Anhieb. Vor zehn Monaten flüchtete er aus Afghanistan, seitdem lebt er im Kinderheim „Maria im Tann“ in Aachen, das vom Verein für jedes Kind ein Ticket für den Zugang zum Pokal erhalten hatte. Fußballspiele kennt der junge Flüchtling ohnehin nur aus dem Fernsehen. Ein Besuch im Stadion, das war in der Vergangenheit undenkbar. „Ich habe das Finale im deutschen Fersehen gesehen“, sagt er. „Ich habe den Deutschen die Daumen gedrückt.“ Seine Daumen gehen rund 45 Minuten später nach oben, der 16-Jährige kommt sichtlich beeindruckt aus dem DFB-Truck heraus. „Ich bin dankbar für diesen Tag“, sagt er. Wenig später verschwindet er in der Menschenmenge.

Ein bisschen sportlich ging es am Montag auch noch zu. 250 Meter über dem Marktplatz wurde auf dem Kunstrasenplatz Fußball gespielt und geschwitzt. Der FC Inde Hahn ließ das WM-Turnier im Kleinformat nachspielen. Der Sieger? Nein, nicht Deutschland. Am Ende jubelten die Portugiesen. Als Belohnung gab es dann auch einen Pokal. Und der war nicht nur zum Angucken, auch zum Anfassen.

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