Region - Einmal im Monat übers Parkett: Tanznachmittage für Demenzerkrankte

Einmal im Monat übers Parkett: Tanznachmittage für Demenzerkrankte

Von: Andrea Zuleger
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Generationsübergreifend: Beim Tanznachmittag gibt es immer mal wieder Tanzeinlagen von Schülern der Tanzschule. Foto: Harald Krömer
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Immer wieder ein neuer Aufbruch: Demenzerkrankte drehen einmal im Monat ihre Runden übers Parkett – in einer Tanzschule in Köln. Foto: Harald Krömer
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Alle Augen sind auf Stefan Kleinstück gerichtet: Der Sozialarbeiter reißt die Damen mit: „Ich versuche sie so lange wie möglich auf der Tanzfläche zu halten.“ Foto: Harald Krömer
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Verstehen es, die älteren Leute zur Bewegung zu animieren: Stefan Kleinstück (rechts) und Hans-Georg Stallnig beim Tanzen für Menschen mit und ohne Demenz in Köln. Foto: Harald Krömer
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Geht doch: Wilfried und Christine sind extra aus Nümbrecht gekommen: Beim Tanzen merkt man körperliche Gebrechen kaum. Die Füße bewegen sich fast von allein. Foto: Harald Krömer
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Keine Berührungsängste: zusammen tanzen, Wange an Wange. Tanzen ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch fürs Herz. Foto: Harald Krömer
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„Tanzen nach Herzenslust“ findet am Samstag, 22. April, von 18 bis 22 Uhr im Kuku am Grenzübergang Köpfchen, Eupenerstraße 420, in Aachen statt. Foto: Kukuk
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Bietet auch eine Tanzveranstaltung an: Uli Tischler von der Alzheimer Gesellschaft der Städteregion Aachen. Foto: privat

Region. „Sie haben diesen jungen Mann hier gewonnen“, tönt Tanzlehrer Hans-Georg Stallnig volles Rohr ins Mikrofon und zeigt auf Stefan Kleinstück. Der hochgewachsene Mann steht grinsend wie ein Honigkuchenpferd auf der Tanzfläche, hat schon rote Bäckchen vom Schwofen und schreitet auf die nächste Tanzpartnerin zu.

Marlene schiebt ihren Rollator Richtung Wand und sieht Stefan Kleinstück voll froher Erwartung an. Dann machen sich die beiden auf ins Getümmel, drehen ihre Runden über das Parkett. Ein bisschen langsamer vielleicht, als es der Status-Quo-Song „Rockin’ All Over The World“ vermuten lässt, aber sie tanzen. Und Marlene hat dabei ein Glück im Gesicht, das sie augenblicklich um mindestens zehn Jahre verjüngt.

Sie ist wie viele hier auf der Tanzfläche an Demenz erkrankt, aber bei Rock’n’Roll, Walzer oder Foxtrott spielt das keine Rolle. Anders als der Kopf bewegen sich die Füße von allein, die Tanzschritte – vor vielen Jahren gelernt – sind wie Atmen, denken muss Marlene nicht. Sie mag sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, wie sie vor einer halben Stunde in die Tanzschule gekommen ist, aber wie Cha-Cha-Cha geht, weiß sie.

Es ist rund zwölf Jahre her, dass der Leiter des Demenz-Servicezentrums Region Köln, Stefan Kleinstück, die Idee hatte, einen Tanznachmittag für Demenzerkrankte zu entwickeln, der auf einem richtigen Tanzparkett stattfinden sollte und nicht im „Mehrzweckraum des Altenheims“, wie es Stefan Kleinstück formuliert.

Der diplomierte Sozialarbeiter und Hobbytänzer bat seinen Tanzlehrer Hans-Georg Stallnig von der Tanzschule Stallnig-Nierhaus um Unterstützung. Er wollte Menschen mit Demenz ein Stück Normalität zurückgeben und sie gleichzeitig zur Bewegung animieren.

Dass sie dabei auch die Hürde überwinden mussten, die sicheren vier Wände ihrer Wohnung oder des Seniorenheims zu verlassen, sieht Kleinstück nicht nur als Nachteil: „Viele bleiben unter ihren Möglichkeiten und richten sich dann einfach in diesem Leben ein, in dem nichts mehr passiert“, sagt er. „Eine Hürde zu überwinden, kann ja auch mal gut sein.“

Für das Konzept des Tanznachmittags, den es in dieser Form nun seit genau zehn Jahren gibt, sei es wichtig gewesen, dass es im „echten Leben“ stattfindet, nicht im Altenheim. Und da klingt dann auch Kritik an mancher Senioreneinrichtung an, die ohne nachzudenken noch den „röhrenden Hirsch an der Wand hängen hat und dazu Schlager als Hintergrund dudelt“, obwohl die jetzige Generation der Alten „in die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit geboren worden ist“, vielleicht Rolling-Stones- oder Beatles-Fans gewesen sei, zu Bill Haley getanzt habe und mit Elvis Presley groß geworden sei.

Der Tanzsaal in Köln ist in schummriges Licht getaucht, da fällt erst mal kaum auf, dass fast alle Tanzenden grau-weißes Haar haben und dass manche von ihnen seltsam entrückt von der Welt durch den Raum wandern. Ein älterer Herr folgt dem Takt seiner Füße und umkreist die Tanzenden wie ein Trabant den Erdball – seine Umlaufbahn ist vielleicht ein wenig einsam, weil er wenig Kontakt mit den anderen aufnimmt, aber auch er hat ein seliges Lächeln im Gesicht.

Dagegen hält die 80-jährige Hedi die 86-jährige Anneliese innig im Arm. Die beiden lassen so gut wie keinen Tanz aus. Hedi ist ein Kölner Urgestein mit beneidenswerter Energie und großem Herzen. Sie begleitet als Ehrenamtliche an Demenz erkrankte Menschen zum Beispiel zum Tanzen, früher hat sie sich für Obdachlose in Köln eingesetzt.

Zwischen zwei Tänzchen erzählt Hedi, dass sie vor ein paar Jahren noch Paragliding ausprobiert habe und immer noch im Karneval aktiv sei. „Ich bin immer da, wo was los ist. Solange ich noch etwas mache, bin ich lebendig. Ich weiß, dass mir morgen die Füße weh tun, aber das ist es mir wert“, sagt Hedi und schiebt Anneliese wieder vorsichtig in Richtung Tanzfläche. Dort formieren sich die ersten zur Polonaise: „Wir sind in Köln. Hier ist immer ein bisschen Karneval“, animiert Hans-Georg Stallnig.

Allzu viel Animation braucht es aber meist gar nicht, um die in die Jahre gekommenen Tänzer in Gang zu bringen. Sie seien nämlich viel wilder auf das Leben, als man ihnen unterstelle, so Kleinstück. Christine und Wilfried zum Beispiel kommen extra aus Nümbrecht nach Köln zum Tanzen. Ein Kleinbus vom Pflegedienst hat sie und sechs weitere Senioren hergebracht. Bei so großem Aufwand wollen sie so viel tanzen wie möglich.

Die Skepsis und Vorsicht käme in erster Linie von den Betreuern, die ihren „alten Leutchen“ zu wenig zutrauten und zu viele Ängste hätten. Denn selbst Menschen, die im Rollstuhl ankommen, könnten oft mehr, als man denke. „Zumindest können sie meistens mal aufstehen und ein paar Wiegeschritte machen. Ich schleudere solche Menschen ja nicht wie wild übers Parkett“, versichert Stefan Kleinstück. Aber oft sei es so, dass einem der Mensch aus dem Rollstuhl fast schon entgegenkomme, wenn man ihn zum Tanzen auffordere, dass aber der Betreuer dahinter eine abwehrende Bewegung mache: „Wenn meine Angst überwiegt, dann schränke ich jemanden ein. Demenz heißt nicht, dass ich nicht mehr in der Lage bin, Spaß zu haben und mich zu bewegen.“

Das ist sein eigentliches Ziel: Die Gesellschaft ein bisschen von den Alten-Klischees zu befreien. Das macht der 54-Jährige auch aus eigenem Interesse: „Man muss die Angebote für Alte überdenken. Da organisiert man dann im Heim zum Beispiel eine Männergruppe. Und was glauben Sie, was die da machen? Die bauen Vogelhäuschen! Also ich persönlich habe in meinem ganzen Leben noch kein Vogelhäuschen gebaut. Und ich habe auch nicht vor, damit anzufangen, wenn ich ins Heim komme“, sagt Stefan Kleinstück.

Der Trabant-Tänzer marschiert immer noch rund um das Parkett. Ab und zu wird er von seiner ehrenamtlichen Begleiterin eingefangen und sie tanzen ein paar Minuten gemeinsam weiter. Dann löst er sich wieder und zieht seiner Wege.

Eine andere Sozialarbeiterin erzählt von ihrem Schützling, dass er zu Hause ganz still und in sich gekehrt in seinem Stuhl sitze. „Er ist da in der eigenen Welt gefangen. Sobald ich ihm aber sage, dass es zum Tanzen geht, fängt er schon im Auto an, mit den Beinen zu wippen. Dann merke ich doch noch, dass da etwas ist“, erzählt sie.

Dass sich die Sache mit dem Tanzen so gut entwickeln würde, das hat sich der Demenzexperte vor zehn Jahren nicht träumen lassen. Mittlerweile gibt es in vielen deutschen Städten von Hamburg über Frankfurt bis Wolfsburg Veranstaltungen nach dem Konzept von „Wir tanzen wieder“. Inzwischen habe man neben Tanzschulen auch Vereine dazugewinnen können. „Das zeigt den Bedarf“, ist Kleinstück überzeugt.

Und so ganz unter sich bleiben die Senioren in der Tanzschule an diesem Nachmittag nicht. Schließlich ist ja normaler Lehrbetrieb. Auf dem Programm steht heute eine Jazz-Dance-Schülerin. Mal kommen aber auch die Hip-Hop-Jungs oder kleine Ballettmädchen: „Jede Tanzschule ist eigentlich ein Mehrgenerationenhaus. Und ein dankbareres Publikum als diese Senioren kann man sich nicht wünschen“, sagt Kleinstück.

Seit kurzem stellt er ein Phänomen fest, das ihn sehr freut: „Es rufen in der letzten Zeit immer mehr Menschen an und sagen: Ich habe ein Problem, ich bin nicht dement. Darf ich trotzdem kommen?“, erzählt Stefan Kleinstück. Und meint lachend: „Das sind dann Momente, in denen ich denke: Wenn wir so weit sind, dann haben wir es geschafft.“

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