Einmal Bogotá und zurück

Von: Ralph Allgaier
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Einmal Bogotá und zurück

Bogotá/Madrid. Der Mensch neigt ja zum Verdrängen: Wird schon gutgehen, denken wir, als die CNN-Reporter im TV-Gerät unseres kolumbianischen Hotelzimmers von kaum etwas anderem mehr sprechen als jener „Ash Cloud”, der isländischen Vulkan-Wolke.

Warum sollte unser Flug zurück nach Deutschland ausfallen? Der ist doch erst in ein paar Tagen terminiert. Erst langsam wird auch uns klar, dass es diesmal verflixt kompliziert wird. Im Gegensatz zum gestrigen Tag, als sich der internationale Flugverkehr wieder zu normalisieren begann, weiß zu diesem Zeitpunkt keiner, wann wieder Flugzeuge in die Heimat starten werden. Und wir befinden uns in Bogotá, rund 9000 Kilometer von Aachen weg.

Alternativen: keine

Sonntagnachmittag, dem geplanten Abreisezeitpunkt, machen wir uns auf zum Flughafen Bogotás. Die Gesichter vieler Menschen sprechen Bände: Nach Europa geht vorläufig kaum etwas. Die Dame von Air France teilt uns kühl mit, dass unser für den 19. April gebuchter Flug nach Düsseldorf erst am 27. stattfinden könne. Alternativen: keine. Weitere Hilfsangebote: null. Die kolumbianische Airline nebenan hat nur Flüge nach Madrid im Angebot: ab dem 26. April.

Was tun? Ein Kollege empfiehlt, auch Unkonventionelles zu denken: Zum Beispiel nach Rio oder Lima zu fliegen und von dort aus einen Flug nach Europa zu ergattern. Ein wenig kühn. Wir sind gefangen. Ein eher mutloser Versuch bei Iberia, der spanischen Fluggesellschaft. Und dann das Wunder: Hier sind kurzfristig nun doch noch Plätze frei im gleich abhebenden Flieger nach Madrid. So fühlt sich Glück an. Ein schneller Abschied, und rasch zum Check-in. Wenn man erst einmal in der spanischen Metropole gelandet ist, wird sich der Rest schon finden.

Doch das war arg optimistisch gedacht. Genervte Menschen, riesige Warteschlangen, ratlose Mienen in Madrid. Und hat man sich irgendwo eingereiht, um jemanden zu sprechen, der einem weiterhelfen könnte, lautet die Antwort stets: Derzeit gibt es kein Angebot zur Weiterreise. Nach erfolglosen Versuchen im Flughafen geht es zum Bahnhof Chanmartin. Hier kann kaum jemand Englisch. „Domingo, full”, sagt die Bahnmitarbeiterin. Domingo, was heißt das doch gleich? Ach ja, Sonntag.

Sonntag? Bis Sonntag gibt es keine Tickets mehr für internationale Züge, lautet die Botschaft. Und heute ist erst Montagmorgen. Busse fahren auch nach Deutschland. Allerdings frühestens Donnerstag, Bleibt die Option Mietwagen: Zwei Anbieter haben vorläufig gar kein Auto mehr im Depot, beim dritten Unternehmen könnte man für einen horrenden Preis zunächst nach Bilbao, dort umsteigen und dann weiter nach Paris. Wir beginnen, uns mit einem längeren Madrid-Aufenthalt anzufreunden.

Ob wir überhaupt ein Hotelzimmer finden? Noch ein Anlauf nach mittlerweile fast sechs Stunden gescheiterter Versuche: Mit der U-Bahn zum Bahnhof Atocha am anderen Ende der Stadt. Hier kann uns die Dame im Autovermietungsbüro tatsächlich ein Fahrzeug offerieren, mit dem wir nach Straßburg fahren können. Wir reservieren kurzentschlossen, müssen aber warten, weil der Wagen gereinigt wird. Als wir zurückkommen, kostet das avisierte Automieten plötzlich mehr als das Doppelte. Die Dame am Schalter will sich an eine andere Angabe nicht erinnern. Langes bürokratisches Hin und Her, und plötzlich die überraschende Botschaft: „Wir haben auch ein Auto, mit dem Sie nach Deutschland fahren können.” Extrem teuer, aber letztlich ohne Alternative.

Nachts durch den Nebel

Warum denn nicht gleich so? Wir unterschreiben den Vertrag. Und dann geht es gegen 17.30 Uhr nach zuvor fast durchwachter Nacht im Flugzeug auf die weite Reise nach Deutschland. Nach sieben Stunden ist die spanische Grenze erreicht, es geht mitten in der Nacht über enge, nebelige Gebirgsstraßen. Ein paar Stunden Schlaf im Hotel müssen nun sein. Der Nachtportier ist so chaotisch, wie wir es am Tage auch bei etlichen anderen Menschen erlebt haben. Zuerst gibt es noch Betten für uns, dann wieder nicht, dann doch wieder. Emotionale Wechselbäder.

Die Fahrt durch Frankreich vorbei an schneebeckten Pyrenäen-Gipfeln und herrlichen Frühlingslandschaften könnte ein Genuss sein. Allerdings unter den genannten Umständen nur sehr bedingt. Aber im Grunde haben wir noch viel Glück gehabt: über 2000 Kilometer Fahrt ohne einen einzigen Stau. Und am Ende sind wir wohl deutlich schneller zu Hause als viele andere verhinderte Flugpassagiere.
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