Aachen/Region - Einmal Bali und zurück: Aachenerin auf Mode-Mission

Einmal Bali und zurück: Aachenerin auf Mode-Mission

Von: Marie Ludwig
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Simone Frings kam die Idee für ihr eigenes Modelabel während dem Studium. Foto: Marie Ludwig
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Der Farbton muss stimmen: Agent Ketut, der auf Bali für die Aachener Modedesignerin Simone Frings arbeitet, schaut sich die Stoffbahnen genau an. Foto: Marie Ludwig
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Modeagent Ketut und Simone Frings arbeiten eng zusammen. Foto: Marie Ludwig
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Ketut parkt direkt in der Färbehalle. Foto: Marie Ludwig
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In seinem Element: Bayu färbt die Stoffe – von Schutzkleidung will er trotz der Chemikalien nichts wissen. Foto: Marie Ludwig

Aachen/Region. Die Sonne brennt vom Himmel. Auf den Straßen herrscht hektischer Betrieb. Ketut manövriert den Roller durch eine schlammige Pfütze nach ganz vorne an die Ampel. Er hat es eilig. In sieben Stunden wird er mit Deutschland telefonieren. Denn Ketut ist Agent: Modeagent.

Seit vier Jahren hat die gebürtige Aachenerin Simone Frings ihr eigenes, kleines Modelabel „So Mine“. „Die Idee hatte ich eigentlich schon, als ich damals in Maastricht studiert habe“, erzählt Frings und erinnert sich an ihr Kunststudium. Dort wurde ihr schnell bewusst, dass ihre Leidenschaft im Modedesign liegt. „Ich wollte meine Kunst nicht nur ansehen, ich wollte auch, dass man sie anfassen, spüren kann.“

Dann ging alles Schlag auf Schlag: Studienabschluss, ein Praktikum im Großmodeunternehmen Hugo Boss und das Angebot, dort als Kreativmanagerin mitzuarbeiten: „Das war wirklich eine aufregende Zeit.“ Frings nickt lebhaft. „Aber so richtig zur Ruhe kommen – das konnte ich dort nie!“, sagt sie und erinnert sich noch gut an die langen Arbeitstage und Geschäftsreisen durch halb Europa.

Doch trotz der Belastung durch den Job hat Simone Frings ihre eigene Modeschöpfung nicht aufgegeben: „Ich hab dann echt jede freie Minute an meinen eigenen Sachen gearbeitet“, sagt sie und nimmt einen großen Schluck aus ihrer Teetasse. Damals ist sie durch die ganze Welt geflogen und hat weit weg von Zuhause in Reutlingen bei Stuttgart gearbeitet. „Als ich dann zurückkam, ist mir aufgefallen, wie sehr ich meine Heimat vermisst habe“, meint Frings, die aus dem Aachener Stadtteil Laurensberg stammt.

Ihr war zwar die Stadt zunächst wichtig, aber heute genießt sie vor allem die ruhigen Spaziergänge mit ihrem Hund Shadow. „Es hat am Anfang richtig wehgetan, weil ich die Natur so vermisst habe“, sagt sie und zieht die Augen zusammen. Diese Natursehnsucht versucht sie nun mit ihrer Mode einzufangen: „Mein Traum ist es, den Menschen ein Stückchen Natur zurückzugeben – um ein Markenzeichen geht es mir dabei nicht!“

Als sich dann die Komplimente für die eigene Mode immer mehr häuften und sie sich selbst immer weniger im schlichten Stil von Boss wiederfand, hat sie die Entscheidung getroffen: „Schlussstrich – ich mache meine Mode ab jetzt selbst.“ Der Blick in die Vergangenheit bleibt jedoch positiv: „Ich glaube, erst der Job bei Boss hat in mir den Wunsch geweckt, etwas ganz eigenes zu verwirklichen.“ Der Name „So Mine“ bedeutet übrigens nicht nur „so meins“, sondern ist auch ein Wortspiel mit ihrem Vornamen.

Grün. Der Motor des Rollers heult auf. Wie bei einem Formel-1-Rennen brettern Ketut und eine Horde Rollerfahrer los. Überholen – erlaubt. Hupen – erlaubt. Zu viert auf einem Roller, gar kein Problem. Doch Ketut hat eine Mission. Er biegt mit dem Roller in eine kleine Seitenstraße und hoppelt über die Schlaglöcher der staubigen Piste. Um eine Ecke noch, dann hat er sein Ziel erreicht.

Die ratternde Nähmaschine und eindringliches Bahasa-Indonesisch aus dem Radio empfangen Ketut, als er das Haus von Wayan und Dewi betritt. Das Ehepaar hat sich in der kleinen Stadt Canggu ein kleines Modeatelier im eigenen Haus eingerichtet. Seit 14 Jahren arbeiten die beiden nun schon als eigenständige Näher. „Zuerst haben wir sieben Jahre in einer deutschen Fabrik gearbeitet“, sagt Wayan und runzelt die Stirn bei dem Gedanken an seine alten Arbeitgeber: „Wir hatten keinen freien Tag und wurden dazu auch noch schlecht bezahlt. Ich bin echt froh, dass diese Zeiten vorbei sind“, sagt er und schaut aufrichtig erleichtert aus seinen freundlichen braunen Augen.

Kennengelernt haben sich Simone Frings und ihre Schneider über zig Ecken. „Angefangen hat alles vor vier Jahren mit einem Urlaub auf Bali“, erzählt sie. „Damals war ich mit meinem Bruder unterwegs.“ Eine befreundete Schmuckdesignerin stellte dann den ersten Kontakt zu einem Schneider her. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nicht mehr alles allein herstellen konnte.“ Frings beißt sich auf die Unterlippe und fährt lachend fort: „Da musste ich mein Baby aus der Hand geben.“

Ein Team aufbauen

Das Ganze funktionierte jedoch nicht ganz ohne sie. Deshalb beschloss Frings, erst einmal selbst ein halbes Jahr auf der Insel im Indischen Ozean zu verbringen, um sich dort ein Team aufzubauen. Dazu gehörten nicht nur die Schneider, sondern auch Färber und Stricker. Doch schnell wurde ihr klar, dass sie diese Aufgabe nicht alleine – und schon gar nicht alleine aus Deutschland – bewältigen konnte. Was sie brauchte, war jemand, der sich auf Bali auskennt, jemand, der Indonesisch spricht: einen Agenten eben.

Ketut streicht mit den Händen über einen weißen Stoff mit Pfauenaugen. Seit drei Jahren arbeitet er nun schon für Simone Frings. Die beiden wurden von der Qualitätsmanagerin Teresa zusammengebracht. Teresa ist groß gewachsen, gut gelaunt und Italienerin. Sie lebt schon seit 17 Jahren auf Bali, beherrscht die Landessprache perfekt und arbeitet für einige kleine Modeunternehmen – so auch für Frings.

Hinter einem großen blauen Tor in einem kleinen Hinterhof liegt Teresas Büro. Auf großen Tischen wird die Kleidung ausgemessen: Qualitätskontrolle. Sie und ihr Team vergewissern sich, ob die produzierte Ware startklar ist. Anschließend kommt die Mode dann nach Aachen. Ketut ist derjenige, der zu Schneidern, Färbern und Strickern fährt. Teresa ist diejenige, die Probleme löst und den Informationsfluss von Bali nach Aachen steuert. Doch obwohl die beiden viele Dinge für Simone Frings übernehmen, lässt es sich die Designerin nicht nehmen, ein- bis zweimal im Jahr selbst nach Bali zu kommen, um dort ihre neue Kollektion zu entwickeln.

Während der Produktionsphase kommt Ketut jeden Tag zu Wayan und Dewi Karnata. Oft transportiert er den Stoff von den Färbern auf seinem Roller. „Dann hat Ketut manchmal den Stoff vom Fußraum bis unters Kinn gestapelt und auf dem Rücksitz auch noch mal einen riesigen Berg“, erzählt Wayan und lacht. Dewi und Ketut stimmen in das Lachen mit ein, und für einen Moment sind alle in ihre eigenen Gedanken versunken. Irgendwo in der Nachbarschaft kräht ein Hahn, und der Ventilator in der Ecke lässt den seidigen Stoff auf dem Tisch sanft erschaudern. Von einem Foto an der Wand lächelt Simone Frings. Sie ist umringt von Wayan, Dewi und Ketut: „Wir haben eine sehr innige Beziehung – aus Arbeitssicht und auch menschlich gesehen.“

Auch Dewi ist zufrieden mit ihrem Beruf: „Morgens, da koche ich zuerst, und dann mache ich das Radio an und singe und nähe.“ Dewis ganzer Körper wackelt mit, als sie in einen erneuten Lachanfall verfällt. Doch obwohl die Stimmung so ausgelassen ist, sitzt jeder ihrer Stiche an der richtigen Stelle. Zwischen zehn bis 15 Teilen stellen die beiden pro Tag her – je nachdem, wie aufwendig das Kleidungsstück ist. „Na ja, ich mache das ja auch schon ein Weilchen“, sagt Dewi und grinst verschmitzt. Mit ihren knapp 25 Jahren Berufserfahrung weiß sie genau, wie die Nadel der Nähmaschine durch den Stoff tanzt. Und wenn es doch einmal zu viel wird, dann haben die Karnatas auch noch Freunde, die ebenfalls nähen können: „Hier auf Bali tauschen wir viel und helfen uns gegenseitig“, sagt Ketut.

Obwohl das feuchtwarme Wetter eher zum Nichtstun einlädt, schlüpft Ketut in seine Motorradjacke und saust auf seinem Roller los. Am Wegrand verkaufen einige Balinesen Durian – auch als Stinkefrucht bekannt. In Asien ist sie eine der beliebtesten Speisen und trägt den Namen „König der Früchte“. Der intensive Duriangeruch mischt sich mit dem von Benzin, das hier in alten Wodkaflaschen am Straßenrand präsentiert und verkauft wird.

Sie gibt die Preise nicht vor

Durch Landwirtschaft – vor allem durch Reis, Tee und Kaffee – und den Tourismus ist Bali im Vergleich zu anderen Gebieten in Indonesien noch relativ wohlhabend. Geringe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen sind jedoch der Normalfall. Dass Simone Frings sich Bali ausgesucht hat, liegt jedoch nicht nur an den geringen Produktionskosten: „Natürlich ist es günstiger, als beispielsweise in Europa zu produzieren. Aber Wayan und mein Färber Bayu sind selbstständig und geben ihre Preise vor – nicht ich“, erzählt Simone Frings und blickt ernst drein.

Ketut lässt seinen Roller am Flusslauf des Dorfs Pemogan langsamer werden. Gleich hat er sein zweites Ziel erreicht: die Färber. Moskitos tummeln sich in kleinen Schwärmen, und über der Färbehalle flimmert die Luft. Vorsichtig bugsiert Ketut seinen Roller in die Halle. Auf zwei 36 Meter langen Tischen legen Bayu und seine vier Auszubildenden gerade eine riesige Bahn Stoff aus.

Im Jahr 2000 hat der gebürtige Lombokaner – Lombok ist eine kleine Nachbarinsel von Bali – seine eigene Färbehalle erbaut. Über 500 Meter bedruckten und gefärbten Stoff produziert er hier pro Tag. „Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, dass Bayu bis zu den Ellbogen in der Farbe steckt“, sagt Frings, aber der Färber lasse sich in Sachen Schutzkleidung nichts sagen. Oberkörperfrei läuft er zufrieden zwischen den Farben und Chemikalien umher und ist geschäftig bei der Arbeit. „Bei meinen Sachen ist es sehr schwierig, genau die Töne zu treffen, die ich haben möchte“, meint Frings lachend. „Aber Bayu und sein Team färben auch gerne mal 20 bis 30 Proben für mich, um meine Pastellfarben perfekt zu machen.“

In der nächsten Kollektion möchte die 38-Jährige nun aber etwas ganz Neues ausprobieren: „Ich plane, einen Teil der Kollektion mit Naturfärbestoffen zu färben. Die Farbe wird aus Blättern gewonnen“, sagt sie, und ihre Augen leuchten begeistert auf.

Eine Garderobe aus Birkenbäumen und unter den Füßen ein knarrender Dielenboden. Im Lädchen von Simone Frings ist die Natur mit eingezogen. Ihre pastellfarbenen Kleidungsstücke reichen von einem tiefen Grau bis zu einem zarten Rosa und sind oft mit kunstvollen Strick- und Häkelelementen umwoben. Simone Frings’ Mode liegt irgendwo zwischen Indianerstil, skandinavischer Farbgebung und Motiven aus der Natur. Immer wiederkehrend: das Motiv der Feder. „Ja, die Feder ist mein Erkennungszeichen. Sie ist einfach das Leichteste und Zarteste der Natur“, sagt Frings und gesteht, dass sie jede Feder aufhebt, die sie findet.

Die Handwerkstechniken vom Stricken und Batiken bis zum Häkeln hat Simone Frings noch von ihrer Oma gelernt. Doch für diese aufwendige und zeitraubende Kunst hat sie in Deutschland zunächst niemanden finden können: „Ich wurde echt schief angeguckt, als ich mit den Batikideen zu einer deutschen Produktionsfirma kam ‚Batiken? Ne, so was machen wir hier nicht‘, das war die Antwort.“

Und auch bei den Häkel- und Strickarbeiten war die Rückmeldung abschreckend: „Die wollten, dass ich mindestens 500 Stück pro Größe kaufe – das ist doch Wahnsinn, oder?“, empört sich Frings. Andererseits stand auch ein günstiges Massenprodukt nie zur Debatte: „Ich verstehe nicht warum manche Leute sich zehn Shirts für jeweils 4,90 Euro kaufen.“ Sie schüttelt den Kopf, und ihre geflochtenen Zöpfe baumeln hin und her. „Meine Sachen sollen etwas Besonderes sein.“

Ob sie sich ihre Mode in einem Kaufhaus vorstellen könne? Nein, das werde es wohl nie geben: „Meine Mode wirkt nur im Gesamteindruck und nicht neben irgendwelchen Klamotten ohne Naturbezug“, sagt sie. „Ich will niemals, dass meine Schneider in einer Fabrik arbeiten müssen, lieber baue ich ihnen ein größeres Haus“, sagt Simone Frings leise und lächelt in sich hinein.

Ketut blättert durch die Seiten des Musterbuchs. Er zieht ein kleines Stück Tuch aus einer Klarsichthülle und hält es gegen den frisch gefärbten Stoff. Mit wachem Blick prüft er die Farbnuancen „Sehr gut“, flüstert er leise und verstaut das Buch ordentlich im Regal. Winkend ruft er Bayu noch etwas zu, steigt auf den Roller und fährt los.

Kurze Zeit später sitzt er im Qualitätsbüro am Telefon. Fröhlich plaudert er mit Simone über den Tag, erzählt von den Schneidern und den neuen Stoffen. „Selamat malam, Simone – bis bald, Simone“, ruft er in den Hörer. Bald wird sie selbst wieder auf Bali sein, und Ketut wird ihr alles Neue zeigen. Vergnügt geht er zu seinem Roller. Auf den Straßen herrscht hektischer Betrieb, und die Sonne brennt vom Himmel. Doch Ketut hat es nicht eilig. Er hat seine Mission erfüllt.

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