Aachen/Düsseldorf - Einige Tierheime vor finanziellem Kollaps

Einige Tierheime vor finanziellem Kollaps

Von: Emily Senf, Claudia Schweda und Christian Schwerdtfeger
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Die Suche nach einem neuen Zuhause: Jedes Tier wäre lieber heute als morgen nicht mehr im Tierheim. Doch für viele ist es eine notwendige Station, die ihnen in einer misslichen Lage hilft. Nur: Wer trägt die Kosten? Foto: dpa

Aachen/Düsseldorf. Ein Hund kostet etwa 25 Euro am Tag, eine Katze liegt bei zehn bis zwölf Euro. Mit diesen Beträgen kalkuliert das Düsseldorfer Tierheim, wenn es um Pflege, Unterbringung und Futter geht. „Hinzu kommen die Kosten für den Tierarzt“, sagt Frank Gassmann, Leiter des Tierheims.

Bei bis zu 600 Kleintieren, die er und seine Mitarbeiter aufnehmen können, sind die finanziellen Mittel, die jährlich dafür aufgebracht werden müssen, alles andere als gering: „2015 lagen unsere Kosten bei fast zwei Millionen Euro“, sagt Gassmann.

Auch die meisten unter den 78 Tierheimen in NRW müssen enorme Kosten aufbringen, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können. Fast jede zweite Einrichtung steht mittlerweile schon vor der Insolvenz. Gründe sind vor allem zurückgehende Spendenbereitschaft und mangelnde Unterstützung der Kommunen. Während die Einnahmen zurückgehen, steigt jedoch gleichzeitig die Zahl der Tiere, die abgegeben werden.

Immer wieder gibt es Aufnahmestopps – in diesem Sommer zum Beispiel in Velbert. Außerdem erhöht sich die Aufenthaltsdauer der Tiere in den Heimen, was zu weiteren Mehrkosten führt. „Die Unterbringung eines Hundes kostet im Landesdurchschnitt pro Woche rund 150 Euro, die einer Katze etwa 70 Euro“, erklärt Marius Tünte, Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes. Die jährlichen Kosten eines Heims belaufen sich auf rund 800.000 Euro.

Runder Tisch in Berlin

Der Verband fordert die Städte deshalb auf, endlich Verantwortung zu übernehmen und den Tierheimen mehr Geld zukommen zu lassen. Am 26. September wird es wegen der angespannten Situation einen Runden Tisch mit den kommunalen Spitzenverbänden und Vertretern des Tierschutzes in Berlin geben, zu dem der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt (CSU), eingeladen hat.

Teilnehmen wird auch der Deutsche Städtetag. „Wir schätzen das Engagement der Tierschutzverbände für den Tierschutz ebenso wie die Leistungen der Tierheime“, sagte ein Verbandssprecher.

Das Düsseldorfer Tierheim will nicht auf die Ergebnisse der Gespräche warten. Der Betreiber, der Tierschutzverein Düsseldorf, hat den Vertrag mit der Stadt gekündigt. Auch andere Tierheime – etwa in Krefeld, Remscheid und Moers – sind in der Vergangenheit diesen Schritt gegangen, um andere Modalitäten auszuhandeln. „Die Zahlungen entsprachen nicht den Leistungen“, erklärt Düsseldorfs Leiter Gassmann den Schritt.

Konkret bedeutet das: 350.000 Euro habe die Stadt jährlich gezahlt, die Kosten seien aber im Schnitt dreimal so hoch gewesen. Auch als das 1949 erbaute Tierheim im Stadtteil Rath 2008 wegen neuer Auflagen den Hundebau vergrößern musste, hätte man die Kosten von 3,5 Millionen Euro allein stemmen müssen. „Zum Glück hatten wir zwei gute Erbschaften“, sagt der Tierheimleiter.

Ähnlich ergeht es dem Aachener Tierheim. „Wir haben das große Glück, Erbschaften zu bekommen und Spender zu haben“, sagt Verena Scholz vom Vorstand des Tierschutzvereins Aachen. Ihr Verein hat die Verträge mit der Stadt und der Städteregion Aachen vor zwei Jahren ausgehandelt.

Seitdem seien die Kosten explodiert – auch wegen einer neuen Quarantäneregelung für Hundewelpen. Werden sie ungeimpft über die Grenze gebracht, landen sie nun sofort im Tierheim Aachen und bleiben dort mindestens drei Wochen, bis die Impfung wirkt.

Insgesamt nimmt Aachen pro Jahr etwa 800 Tiere auf. Das kostet laut Tierschutzverein etwa 800.000 Euro bis zu einer knappen Million Euro. Ohne die Erbschaften und Spenden würde der Tierschutzverein auf zwei Drittel der Kosten sitzenbleiben.

Im Kreis Düren hatte der Tierschutzverein vor vier Jahren mit dem Landrat und den Bürgermeistern eine Vereinbarung getroffen, um auskömmlich arbeiten zu können. Doch Ende des Jahres läuft der Vertrag aus, und es ist klar: Die 210.000 Euro pro Jahr sind inzwischen deutlich zu wenig für 120 Katzen, 50 Hunde, ein Rudel Damwild, vier Lamas, eine Schafherde, zwei Esel, zwei Pferde und jede Menge Kleinvieh.

Günther Olt­rogge, Vorsitzender des Dürener Tierschutzvereins, ist zwar guter Dinge, dass er bei den gerade laufenden Verhandlungen wieder „eine anständige Lösung“ finden wird. Aber er kennt auch die „verdammt verflixte Situation im Ruhrgebiet“, und er sieht die Verantwortung des Bundes.

Die fordert auch Bianca Mai, Vorsitzende des Tierschutzvereins im Kreis Heinsberg ein. Sie hat zwar gerade nach langen Verhandlungen eine kostendeckende Regelung für das Tierheim im Kreis Heinsberg mit den politischen Gremien vereinbart, formuliert aber trotzdem ein klares Ziel für die Gespräche am 26. September. „Es wäre sinnvoll, wenn man eine einheitliche Regelung finden würde, die auch vom Bund geregelt und bezuschusst wird“, sagt sie.

Manche zahlen nur für Fundtiere

Denn viele Kommunen geben den Heimen bislang nur für die abgegebenen Fundtiere einen bestimmten Betrag, der von Stadt zu Stadt jedoch stark variieren kann. Köln zahlt zum Beispiel für eine abgegebene Katze eine Pauschale von 100 Euro, für einen Hund 200 Euro.

Bei einem Hund ist das Geld dann nach zehn Tagen aufgebraucht – und das Tierheim muss sehen, wie es die weitere Finanzierung zustande bekommt. „Dadurch wird von den Kommunen durchschnittlich nur etwa ein Viertel der tatsächlichen Aufwendungen für Fundtiere abgedeckt“, sagt ein Sprecher des Tierschutzbundes.

Die meisten Kommunen weigern sich, den Tierheimen mehr Geld zu erstatten, geschweige denn für solche Tiere aufzukommen, die keine Fundtiere sind – dabei steigt deren Zahl besonders durch streunende Katzen dramatisch.

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