Düsseldorf - Einfach so von Bord gehen? Nicht mit ihm!

Einfach so von Bord gehen? Nicht mit ihm!

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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„Die alten Parteien haben den Anschluss an die Bürger verloren“, sagt Patrick Schiffer, NRW-Vorsitzender der Piraten. Foto: dpa

Düsseldorf. Die Liste derjenigen, die gegangen sind, ist lang. Die ehemaligen Piraten-Ikonen Marina Weisband und Katharina Nocun stehen darauf. Genauso wie Ex-Pirat Christopher Lauer, der jetzt bei Springer arbeitet. Oder Johannes Ponader, Ex-Geschäftsführer der Partei.

Und das sind nur einige der Rück- und Austritte, die für Schlagzeilen gesorgt haben. Die Piratenpartei – einst als die neue politische Kraft gefeiert – hatte zu ihrer besten Zeit im Herbst 2012 bundesweit knapp 34.000 Mitglieder. Aktuell sind es noch 19.000. Tendenz sinkend.

Patrick „Pakki“ Schiffer, graue Schiebermütze, Koteletten, Brille, ist geblieben. Seit zweieinhalb Jahren steht Schiffer, in Eupen geboren und in Aachen aufgewachsen, an der Spitze der Piraten in Nordrhein-Westfalen. Länger als jemals ein Vorsitzender in NRW zuvor. Was treibt ihn an? „Im tiefsten Herzen bin ich davon überzeugt, dass die alten Parteien den Anschluss an die Bürger verloren haben“, sagt der 42-Jährige, während er in der Parteizentrale in Düsseldorf sitzt.

„Da ist mir zu wenig wahre Demokratie. Die reden zwar immer davon. Aber wenn man genau hinschaut, lehnen sie alles ab, was mit direkter Demokratie zu tun hat.“ Der Bürgerdialog, bei dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere Spitzenpolitiker den Austausch mit der Bevölkerung suchen? Für Schiffer eine Farce. „Das ist eine reine Medienkampagne. Mehr nicht.“

Aber wie nah sind die Piraten noch an den Wählern? In den Wahlumfragen der großen Meinungsforschungsinstitute taucht die Partei schon lange nur noch unter „Sonstige“ auf. Im Frühjahr und Sommer 2012 lagen die Umfragewerte noch konstant im unteren zweistelligen Bereich. Der Einzug in den Bundestag schien ausgemacht. Doch dann kam der abrupte Absturz. Interner Richtungsstreit, Personalquerelen, Anfeindungen via Twitter.

„Das ist etwas, was der Wähler nicht sehen möchte. Und das ist auch etwas, was wir nun gelernt haben“, sagt Schiffer. Stattdessen gilt nun: konstant politisch arbeiten, bei den Kernthemen der Piraten – Netzpolitik, Menschenrechte, direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit – Stellung beziehen, das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen.

Wer verstehen will, warum Schiffer eigentlich gar nicht anders kann, als sich politisch zu engagieren, muss nur einen kurzen Blick auf seinen Lebenslauf werfen. Fünf Jahre hat er als Jugendlicher mit seiner Familie in der ägyptischen Millionenstadt Alexandria gelebt – eine Zeit, die ihn entscheidend geprägt hat. Führte der Vater, ein Deutschlehrer, politische Gespräche mit Kollegen, wurde zuvor in der Wohnung das Telefon ausgesteckt und in den Vorhängen nach Wanzen gesucht.

Wenn Schiffer die Wohnung verließ, sah er nebenan Kinder auf der Müllkippe spielen. Wenige Jahre später ging er in Deutschland auf die Straße, um gegen den zweiten Golfkrieg zu protestieren. Seither ist es für ihn „unvorstellbar“, sich nicht politisch zu engagieren.

Logisch, dass er Jahre später von Deutschland aus auch die Aktivisten des Arabischen Frühlings in Ägypten unterstützte. „Es ging um ein Zeichen. Die Revolutionäre sollten das Signal bekommen, dass sie nicht alleine sind.“ Schiffer organisierte juristischen Beistand und – piratentypisch – Modems, deren Einwahlnummern er verschlüsselt nach Ägypten schickte, um den Aktivisten den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Im März 2012 kam Schiffer dann zu den Piraten. Eigentlich hatte er sich geschworen, nie einer Partei beizutreten. Doch die Piraten waren anders. „Und ich will gestalten, das geht nur parlamentarisch.“ Aus „Pakki“, dem Politaktivisten, wurde „Pakki“, der Pirat. Dann ging alles sehr schnell.

Bundestagswahlkampf. Wahl zum NRW-Vorsitzenden. Seit kurzem ist er auch Vize-Vorsitzender der Pirate Parties International, dem weltweiten Dachverband der Piratenparteien. Und das alles, ohne dass seine berühmte Cousine, Topmodel Claudia Schiffer, die Werbeplakate der Piraten geziert hätte. Patrick Schiffer hätte diese Vorstellung gut gefallen. „Aber in ihrer Branche wird es nicht gerne gesehen, wenn man sich parteipolitisch engagiert. Und das akzeptiere ich natürlich.“

Sein Engagement bei den Piraten ist ehrenamtlich – zumindest größtenteils. Er ist persönlicher Mitarbeiter zweier Piraten im NRW-Landtag und kommt so auf acht bezahlte Arbeitsstunden pro Woche. Doch sein Arbeitspensum für die Partei geht weit darüber hinaus. Daneben ist Schiffer freiberuflicher Webdesigner und hat drei Kinder (14, zwölf und zwei Jahre alt). Wahrscheinlich ist es gut, dass der Wahl-Düsseldorfer zu den Menschen gehört, die problemlos mit wenig Schlaf auskommen, denn die Arbeit für die Piraten hält ihn oft bis tief in die Nacht wach.

Im Oktober werden die NRW-Piraten einen neuen Vorstand wählen. Mit 4800 Mitgliedern ist NRW der größte Landesverband. Schiffer will sich wieder zur Wahl stellen. Was ihm Mut macht, sind die Erfolge der Piratenpartei in anderen Ländern wie Island, Spanien und Tschechien und die guten Umfragewerte für die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses. Und überhaupt, sagt Schiffer, heiße Politik ja nicht nur weitermachen, wenn die Partei gerade erfolgreich sei.

Apropos Erfolg. Schiffers Herz schlägt, auch wenn er seit 2003 nicht mehr in der Region lebt, immer noch für Aachen und die Alemannia. 2004 – als die Alemannia im DFB-Pokal gar Bayern München schlug und die Rückkehr in die 1. Liga ganz knapp verpasste – gründete „Pakki“, der zu der Zeit in Berlin wohnte, mit anderen Exil-Aachenern den ersten Alemannia-Fanclub der Hauptstadt.

„Wir Oecher vom Bahnhof Zoo“ nannten sie sich – Rudelgucken in der Kneipe und Fahrten zu vielen Spielen inklusive. Schiffers Gesicht trägt noch heute ein breites Grinsen, wenn er daran zurückdenkt. Gute Zeiten, leider vorbei. Aber Schiffer ist kein Schönwetter-Fan. „Ich bin der Alemannia auch in der vierten Liga treu.“ Genauso wie er eben auch den Piraten im Umfragetief die Treue hält. Er hat mittlerweile gelernt: „Alemannia und die Piraten, das ist beides nichts für schwache Nerven.“

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