Einem Geisterdorf wird neues Leben eingehaucht

Von: André Schaefer
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Noch steht das Ortsschild von Manheim. Im Jahr 2022 wird es ebenso verschwinden wie das komplette Dorf. Die verrammelten Häuser weisen bereits darauf hin, dass der Großteil der Manheimer den Ort schon verlassen hat. Foto: André Schaefer
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Noch steht das Ortsschild von Manheim. Im Jahr 2022 wird es ebenso verschwinden wie das komplette Dorf. Die verrammelten Häuser weisen bereits darauf hin, dass der Großteil der Manheimer den Ort schon verlassen hat.
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Noch steht das Ortsschild von Manheim. Im Jahr 2022 wird es ebenso verschwinden wie das komplette Dorf. Die verrammelten Häuser weisen bereits darauf hin, dass der Großteil der Manheimer den Ort schon verlassen hat. Foto: André Schaefer

Manheim. Dieter Bohlen lacht. Seit wann die Pop-Ikone mit dem Dauergrinsen auf der Reklamewand an der Bushaltestelle am Marktplatz schon steht, weiß niemand so genau. „Willkommen Zuhause“ steht auf dem Werbeplakat des TV-Senders RTL.

Zwei Worte, die vieles über einen kleinen, aussterbenden Ort bei Kerpen erzählen. Ein Ort, den viele nicht mehr ihr Zuhause nennen und auch bald nicht mehr können. Und ein Ort, der für andere wiederum zumindest vorübergehend tatsächlich so etwas wie ein neues Zuhause geworden ist. Willkommen in Manheim.

Dort, wo Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher mal seine ersten Runden auf der Kartbahn gedreht hat, lebten einst rund 1600 Menschen. Seit die Landesregierung 2011 den Braunkohletagebau Hambach genehmigte, wurden es immer weniger. Bis 2022 wird Manheim vollständig dem Tagebau weichen. Schon heute lebt nicht einmal mehr die Hälfte der ursprünglichen Manheimer in dem kleinen Dorf im Rhein-Erft-Kreis. Der Großteil von ihnen ist ins acht Kilometer entfernte, neu geschaffene Manheim-Neu gezogen.

Wer durch Manheim-Alt fährt, fühlt sich wie in einem Geisterdorf: verrammelte und verwaiste Häuser; Gärten, die kleine Dschungel geworden sind; heruntergelassene Rollos; Container voll mit Elektroschrott. Ein Geschäft sucht man hier vergeblich; es gibt keinen Bäcker, keine Gaststätte, keinen Arzt. Und dennoch: Vor mehr als einem Jahr wurde diesem Geisterdorf wieder neues Leben eingehaucht.

Ende 2014 zogen 80 Flüchtlinge nach Manheim, die Stadt Kerpen wusste einfach nicht, wohin mit ihnen. Zehn leerstehende Häuser hatte die RWE Power AG der Stadt für die Unterbringung der vom Westbalkan geflüchteten Menschen zur Verfügung gestellt. Seit der Ankunft weiterer Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan im vergangenen Dezember zählt das Dorf inzwischen mehr als 260 Flüchtlinge. Bis zum Ende des Jahres werden es 400 geflüchtete Menschen sein, die in Manheim leben. Untergebracht in leerstehenden Häusern. Mitten im Nichts.

Einer von ihnen ist Eid al Kalaf. Der 50-jährige Syrer lebt in einem der leerstehenden Häuser im Zentrum Manheims, ein schickes rotes Backsteinhaus mit einem kleinen Vorgarten, umringt von unbewohnten Häusern. Sieben Flüchtlinge teilen sich das Einfamilienhaus. Al Kalaf hat es sich mit seinem Sohn Ahmet im Erdgeschoss gemütlich gemacht. Sie sitzen auf einer schwarzen Ledercouch, die so gar nicht zu den restlichen Möbelstücken des provisorisch eingerichteten Wohnzimmers passen mag. Den beiden Syrern ist das egal, sie lächeln. „Uns geht es sehr gut hier“, sagt al Kalaf, während er wie im Akkord eine Zigarette nach der anderen mit Tabak stopft. „Hier ist nichts“, sagt er. „Aber wir haben alles, was wir zum Leben brauchen.“ Sein Sohn Ahmet, 13, nickt.

Für die beiden ist alles besser als das, was sie zuletzt erlebt haben. Über das Mittelmeer sind sie aus Syrien geflüchtet. Tagelang haben sie auf einem kleinen Boot ausgeharrt. „Das war sehr hart für uns“, sagt al Kalaf. Seine Frau und seine weiteren sechs Kinder sind noch in der Türkei. Wann er sie wiedersehen wird? „Ich weiß es nicht“, sagt er. Sein Lächeln verschwindet, nervös zieht er an seiner Zigarette. „Hierher nach Manheim kommen sie sicher nicht. Ich werde sie wohl eines Tages an der türkischen Grenze abholen.“

Bis es so weit ist, werden Eid al Kalaf und sein Sohn in Manheim bleiben. Dass es ihnen und den anderen 258 Flüchtlingen am Rande des Tagebaus Hambach an nichts fehlt, dafür sorgen genau 49 ehrenamtliche Helfer des Patenkreises Manheim. Mit dem Einzug der ersten Flüchtlinge vor mehr als einem Jahr wurde der Kreis der Ehrenamtler gegründet. Die Paten helfen den Menschen bei der Eingewöhnungszeit, begleiten sie zu Ärzten oder Behörden oder statten sie einfach mit dem Nötigsten zum Leben aus.

Immer mittendrin: Trudel Zimmer, die Koordinatorin des Patenkreises. Die in Blatzheim lebende ehemalige Gemeindereferentin ist seit Oktober 2014 in Altersteilzeit. „Aber so viel wie derzeit“, sagt sie, „habe ich noch nie gearbeitet.“ Zimmer steht auf dem Schulhof der alten, leerstehenden Grundschule in der Germaniastraße. Die kleine, zierliche Frau zieht den Reißverschluss ihrer Jacke nach oben, der Wind ist kalt geworden. Und dann zeigt Zimmer, dass in der kleinen, zierlichen Frau ein echtes Energiebündel steckt. Im Eiltempo trommelt sie einen Teil der Ehrenamtler zusammen. Schließlich ist Mittwoch. Und jeden Mittwoch öffnet in einem ehemaligen Klassenzimmer der Grundschule die Kleiderbörse für Flüchtlinge. „Die Nachfrage ist groß“, sagt Zimmer, dann rennt sie los, die Zeit drängt. Vor dem Klassenzimmer wird die Menschenschlange immer länger. Der Lärmpegel im Flur der Schule ist enorm.

Eine, die den Zuzug der Flüchtlinge von Beginn an im Blick hat, ist Annette Seiche. Die Integrationsbeauftragte der Stadt Kerpen steht ein paar Meter abseits der wartenden Flüchtlinge. Freundlich begrüßt sie eine vierköpfige Familie aus Afghanistan. Dann schaut Seiche aus dem Fenster und blickt auf die Straße, die zum Marktplatz führt. „Hier in Manheim ist inzwischen wieder richtig was los“, sagt Seiche. „Am Anfang hatten wir ja keine richtige Struktur für die Unterbringung der geflüchteten Menschen. Aber inzwischen sind wir sehr gut aufgestellt.“

Dass Manheim allerdings ein Zuhause auf Zeit ist und niemand wirklich weiß, was in sechs Jahren passiert, möchte auch Seiche nicht verschweigen. „Das ist hier eine Rechnung mit ganz vielen Unbekannten“, sagt sie.

Bekannt ist eines: Eine Integration geflüchteter Menschen erweist sich in einem Ort, aus dem die alteingesessenen Anwohner selbst die Flucht ergreifen, als nahezu unmöglich. Einzig der örtliche Fußballverein FC Viktoria, dem die Mitglieder davon rennen, ist so etwas wie ein Lichtblick. Sechs geflüchtete Männer spielen seit Kurzem in dem Verein, mehr Möglichkeiten zur Integration gibt es kaum. Denn: Die Menschen, die täglich anpacken und helfen, kommen mit einigen wenigen Ausnahmen alle aus den angrenzenden Nachbarorten.

Ein Gemeinschaftsgefühl ist nach dem Zuzug der Flüchtlinge in Manheim nie entstanden. Und der Beitrag der Manheimer ist derart gering, dass es dazu wohl auch nie kommen wird. Trudel Zimmer weiß das. Sie holt tief Luft, so, als überlege sie genau, wie sie den folgenden Satz formulieren soll. Dann sagt sie: „Die meisten Manheimer haben andere Probleme. Sie werden ihre Heimat bis 2022 vollständig verlieren.“

Als klar wurde, dass die Stadt geflüchtete Menschen in Manheim unterbringen wird, gab es Manheimer, die sich im Internet kritisch äußerten. Die, die damals am lautesten protestierten, wohnten da vermutlich schon gar nicht mehr im alten Manheim. „Passiert ist hier bis heute jedenfalls nie etwas“, sagt Zimmer. „Hier ist alles friedlich.“

Als die Koordinatorin des Patenkreises am Abend nach einem – mal wieder – langen Arbeitstag ins Auto steigt, um nach Hause zu fahren, läuten die Kirchenglocken. Es hat in diesem Moment etwas Paradoxes; es klingt wie der Abgesang eines aussterbenden Dorfes. Trudel Zimmer wehrt sich gegen solche Eindrücke. „Schon morgen geht es weiter“, sagt sie. Sie weiß: Es muss weitergehen. Die nächsten Flüchtlinge sind schon im Anmarsch. All das, was ein gesellschaftliches Leben im Dorf ausmacht, wird ihnen nicht geboten werden. Empfangen werden sie trotzdem. Nicht nur vom grinsenden Dieter Bohlen.

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