Eine Zwischenregion und ihre Eigenheiten

Von: Alexander Barth
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Zweisprachige Straßenschilder wie im Grenzort Kelmis sind nichts ungewöhnliches. Foto: Imago/epd
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Herausgeber Carlo Lejeune mit dem dritten Band der „Grenzerfahrungen“. Foto: Barth

Eupen. Was die deutschsprachigen Bewohner Ostbelgiens auszeichnet? „Ihre größte Stärke ist die Flexibilität, die Anpassungsfähigkeit, wenn sie dazu bereit sind“ – Carlo Lejeune findet lobende Worte als Antwort auf die Frage. Der Historiker hat sich sein Urteilsrecht redlich verdient.

Lejeune geht gut und gerne als Chronist einer Region durch, die inner- wie außerhalb ihrer überschaubaren Ausdehnung um das Finden einer Identität ringt.

Ostbelgien, Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) – das Gebiet zwischen den Gemeinden Kelmis im Norden und Burg Reuland im Süden hört seit Ewigkeiten auf mehr als einen Namen. Seit Kurzem bekennt man sich in der Außendarstellung offiziell zum Mutterland – das erlaubt eine klare geographische Zuordnung und steigert die Wahrnehmung, sagt Lejeune. Er ist als Herausgeber verantwortlich für die Buchreihe „Grenzerfahrungen“, die eben jene Historie ausführlich nachzeichnet. Zuletzt ist der dritte Band erschienen, in dem die Umwälzungen, Veränderungen und Entwicklungen des „langen 19. Jahrhunderts“ aus regionaler Perspektive aufbereitet werden.

In jenem Jahrhundert – für Historiker der Zeitraum zwischen Französischer Revolution 1794 und dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918/19 – waren es etwa die Einführung des Zivilrechts „Code Napoléon“, die fortschreitende Industrialisierung oder das Länderkuriosum Neutral-Moresnet, die den Alltag der Menschen beeinflussten und vor Herausforderungen stellten. Eine schlichte Chronik der Ereignisse genügt dabei nicht als Herausforderung. „Der Bergbau im heutigen Kelmis oder die Geschichte der Eupener Tuchindustrie, das ist reichlich erzählt. Jeder Autor hat sich eine originelle Fragestellung vorgenommen“, sagt Lejeune. „Es geht darum, die Themen der Lebenswirklichkeit von einer neuen, wenig bekannten Seite zu beleuchten und in einem überregionalen Rahmen zu fassen. Nur so entstehen Bilder des Alltags, die es so noch nicht gab.“

Seit 2014 sorgt Lejeune als Leiter des Zentrums für ostbelgische Geschichte die Erforschung der bewegten Historie eines Landstrichs, der „viel mehr ist als eine Randregion“, wie der 53-Jährige es formuliert. Die deutschsprachigen Belgier, die heute im östlichen Teil des Landes leben, verfügen als Minderheit über ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung und umfangreiche Autonomierechte. Die wechselhafte Grenzgeschichte, die Einflüsse durch umliegende Zentren und Herrschaften – „über die Jahrhunderte gab es etliche Zäsuren, die den Menschen in dieser Region auf dem Weg zu ihrer Identität begleitet haben“.

Man müsse die Entwicklungen im regionalen Rahmen sehen, „das ist sicherlich das Spannende“, sagt Lejeune über die „unsichtbare Matrix“, in der sich Historiker, Heimatforscher und Archivare in ihren Beiträgen bewegen. Rund 45 Forscher aus der DG, aus Flandern, der Wallonie, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Luxemburg haben an den „Grenzerfahrungen“ mitgearbeitet. „Sie haben die globalen Entwicklungen und Umwälzungen heruntergebrochen auf die Region, sozusagen. Aber auch umgekehrt“, gibt der gelernte Pädagoge zu bedenken. „Wenn sich etwa ein Unternehmen wie die Bergbaugesellschaft Vieille Montagne Ende des 19. Jahrhunderts von Neutral-Moresnet aus zu einem globalen Player entwickelt, dann ist das eine bemerkenswerte Entwicklung.“

Die Geschichte des Zwergstaates, der nach Streitigkeiten zwischen Preußen und den Niederlanden nach dem Wiener Kongress 1816 entstanden war, geht sicher als kuriosestes Kapitel der regionalen Geschichte durch. Lejeune wünscht sich dennoch den Blick auf die Region als Zwischenraum, der zwischen den Zentren aus den unterschiedlichen Einflüssen etwas Eigenes gestalten konnte.

Sprache, Glaube, regionale Wanderungsbewegungen, Arbeit, Armut, Wohlstand, Kultur – all diese Aspekte spielen eine Rolle in der Buchreihe, die auch von historischem Bildmaterial und anschaulichen Karten und Grafiken lebt. Regionalgeschichte in sechs Bänden, jeweils mehr als 300 Seiten stark, „das muss man wollen“, weiß der Impulsgeber Lejeune. „Grenzerfahrungen“, ein Mammutwerk für ausgemachte Experten? Nein, findet er.

„Über allem steht der Anspruch, dass die Leser ihre Region und damit auch sich selber wiederfinden. Es geht nicht darum, mondäne Geschichten zu erzählen. Machen wir uns nichts vor: Hier war nie der Nabel der Welt. Der Landstrich war immer eine Durchgangsregion, Übergangsregion, Zwischenregion, wie auch immer wir es nennen.“ Geschichte werde in der Regel aus der Perspektive von Metropolen und Zentren geschrieben. „Ich sehe das heutige Ostbelgien nicht als Randgebiet abseits der großen Zentren, sondern als Zwischenregion mit eigenem Charakter“, sagt Lejeune.

Immer wieder spielen regionale Biografien eine Rolle. Im 19. Jahrhundert seien es etwa Bildungsbürger und Unternehmer gewesen, die – anders als anderswo – Politik und Gemeinschaftsleben zwischen Eupen und St. Vith maßgeblich prägten, erklärt Lejeune. „Nur wenige Menschen haben Autobiografisches hinterlassen. Wir haben immerhin Fragmente aufgetan.“

Derzeit arbeiten der Historiker und seine Kollegen – teils Profis, teils Freizeitforscher – an den letzten beiden Bänden der „Grenzerfahrungen“. Ein spannendes Langzeitprojekt nennt Lejeune die Herausforderung, an deren Ende ein bislang einmaliges Gesamtbild der Region stehen soll. Eine Region, deren Bewohner noch mal wie zu charakterisieren sind? Carlo Lejeune: „Die Ostbelgier sind offen, können interkulturell denken und handeln. Sie haben ein Gespür für Dinge, die anders sind, wenn sie sich dafür öffnen.“ Anders, besonders, so wie ihre Region.

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