Eine Wunde, die tiefer ist als jede andere

Von: Angela Delonge
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L 327 im Kreis Düren, kurz hinter Stockheim: Hier kam die 19-jährige Franziska aus Nörvenich im August ums Leben. Ihr Auto prallte gegen diesen Baum. Die Unfallursache ist nicht bekannt. Foto: Burkhard Giesen

Nörvenich. „Wunde“ ist ein starkes Wort. Ein Wort, das Emotionen und Assoziationen freisetzt. Für Elisabeth Thiel ist dieses Wort mit tiefster Trauer verbunden. Und mit Empörung. Über Behörden, über manche Mitmenschen, eigentlich über alle, die sich nicht vorstellen können, wie es ist, wenn man von einer Sekunde auf die andere seine Tochter verliert. Dass dies eine Wunde ist, die niemals heilen wird, das weiß die 54-jährige Mutter aus Nörvenich schon jetzt.

Fast drei Monate ist es her, dass ihre Tochter Franziska auf dem Nachhauseweg mit dem Auto von der Straße abkam, gegen einen Baum prallte und auf der Stelle tot war. Franziska war 19 Jahre alt, als sie tödlich verunglückte.

Es ist Dienstag, der 16. August 2016, als es an der Haustür der Familie Thiel klingelt. Ein Polizist und ein Seelsorger überbringen die Todesnachricht. Der Seelsorger sagt: „Seien Sie doch froh, dass Ihre Tochter tot ist. Sie ist jetzt im Himmel und hat es gut. Stellen Sie sich mal vor, sie wäre behindert.“ Wie kann ein Mensch so unsensibel sein, fragt Elisabeth Thiel.

Wo bleibt die Empathie?

Polizisten und Notfallseelsorger sollten Feingefühl haben, denn sie müssen immer wieder schlimme und schlimmste Nachrichten überbringen. Sie sind oft die ersten, die den Angehörigen gegenübertreten und deren Leid auffangen müssen. Aus diesem Grund werden sie besonders geschult, regelmäßige Fortbildungen zum Thema „Überbringen von Todesnachrichten“ sind Pflicht. Aber leider verfügt natürlich trotzdem nicht jeder automatisch über das nötige Maß an Empathie.

Der 16. August war ein warmer Spätsommertag. Franziska, die eine Ausbildung zur Tierpflegerin im Tierheim Düren machte, war am Nachmittag auf ihrem Weg zurück nach Nörvenich. Jeden Tag fuhr sie die 14 Kilometer lange Strecke mit ihrem Polo, einmal hin und einmal zurück. Nach der Ausbildung wollte sie auf dem Hof der Eltern eine Hundepension betreiben. „Sie hatte so viele Pläne“, erzählt die Mutter. Wie das eben so ist mit 19: der erste Freund, der erste Urlaub, das ganze Leben vor sich. An diesem Tag hatte Franziska ihrem Vater versprochen, am Abend die Kühe zu melken. Doch dann ist da eine Kurve, ein Baum, „und plötzlich steht man auf dem Friedhof und glaubt es einfach nicht“, sagt Elisabeth Thiel.

Es ist eine Tragödie. Traurigerweise nicht die einzige, die sich an dieser Stelle ereignet hat. Von vier tödlichen Unfällen auf diesem Abschnitt der L 327 weiß Elisabeth Thiel zu berichten. Auch leichtere Unfälle sind dort schon passiert, die Straße ist offen, zu beiden Seiten nicht abgegrenzt, es wird schnell gefahren. Aber die Polizei sieht dort keine besondere Gefährdung, keinen sogenannten Unfallhäufungspunkt. Das kann Elisabeth Thiel nicht verstehen. Gäbe es dort Schutzplanken, wäre Franziska noch am Leben, glaubt sie.

In den Köpfen der Eltern kreisen seitdem tausende Fragen. Wollte Franzi vielleicht jemandem ausweichen? War dieser Jemand möglicherweise, von der Sonne geblendet, auf ihre Fahrbahn geraten? War er dann einfach weitergefahren? Waren es nur die Sträucher, die auf der L 327 kurz hinter Stockheim so weit in die Fahrbahn wachsen, dass sie Franziska irritiert haben könnten? Ist ihr vielleicht etwas ins Auge geflogen, oder musste sie einfach nur niesen? Oder, oder, oder. Sie werden es wohl nie wissen. Es gibt keine Antwort, so wie es keine Bremsspur gibt.

Und trotzdem gibt es Mitmenschen, die glauben, die Antwort zu kennen. Franziska habe bestimmt mit dem Handy hantiert, sagen solche Leute. Sie fällen ihr Urteil und schleudern es den trauernden Eltern entgegen. „Das ist so verletzend, wenn man das immer wieder geraderücken muss“, sagt Elisabeth Thiel, die gar nicht mehr zählen kann, wie oft sie mit solchen Vorurteilen konfrontiert wurde, den Tod ihrer Tochter irgendwie rechtfertigen musste. Es ist wohl so, dass Menschen lieber über Gründe spekulieren als den Schmerz ihres Gegenübers einfach wahrzunehmen.

Ein ähnliches Gefühl von Rechtfertigung überkam Elisabeth Thiel beim Amtsgericht, wo sie drei Wochen nach Franziskas Tod einen Erbschein für deren Sparbuch beantragen musste. Das Gespräch dort verläuft in ihrer Erinnerung ungefähr so: Da fehlen ja Unterlagen, die müssen Sie noch mitbringen, dafür müssen Sie aber einen neuen Termin machen. „Man will sich in so einer Situation doch nicht immer wieder mit Ämtern beschäftigen müssen.“ Und außerdem müsse doch ein Unterschied gemacht werden, ob jemand wegen des Todes der 19-jährigen Tochter oder der 90-jährigen Oma dort hingehe, findet Elisabeth Thiel.

Behörden arbeiten so

Solche Unterschiede machen Behörden aber nicht, Beileidsbekundungen sind nicht vorgesehen – schon gar nicht bei Gericht. Für den Betroffenen mag der eine Todesfall schwerer wiegen als ein anderer, aber wer kann das schon wissen, meint Daniel Kurth, der Sprecher des Aachener Amtsgerichts. Er sagt: „Bei Gericht werden Tatsachen geprüft, es ist eine gänzlich unemotionale Arbeit, und wir sind gehalten, unbefangen im rechtlichen Sinne zu agieren.“ Bürgerfreundlich ja, aber immer von Sachlichkeit geprägt.

Aber wenn Sachlichkeit die Feststellung von Fakten meint, dann gehört eines der vielen Schreiben, die ins Trauerhaus Thiel kamen, bestimmt nicht dazu. Es handelt sich um Post vom Landesbetrieb Straßenbau. In Rechnung gestellt wird die Pflege des Baumes, an dessen Stamm Franziska mit ihrem Polo den Tod fand – alles in allem 548,84 Euro. Im Stammbereich sei eine „Wunde“ von 50 mal 35 Zentimeter zu beklagen, heißt es – ein Funktionsverlust für den Baum von 20 Prozent.

Einfach unfassbar!

Dieses Schreiben und diese Formulierung sind für Franziskas Eltern ganz besonders schlimm. Das Wort „Wunde“ in Zusammenhang mit Franziskas Tod – einfach unfassbar! Niemand bestreitet, dass ein Baum durch Franziskas Unfall beschädigt wurde. Doch muss eine Behörde in so einem Fall von einer „Wunde“ sprechen? Wäre „Schaden“ nicht das bessere Wort? Einfach deshalb, weil es sachlich und emotionslos ist. So wie Behörden arbeiten wollen und sollen.

Bernd Aulmann spricht für den Landesbetrieb Straßenbau und ist peinlich berührt, als er von der Reaktion der Thiels auf das Schreiben erfährt. Er kann sie nachvollziehen und bedauert den Vorfall. Er sagt: „Die Baumspezialisten reden so.“ Er will sich dafür einsetzen, dass in Zukunft bei Baumschäden andere Formulierungen gewählt werden.

Familie Thiel hofft nun, dass der Landesbetrieb zumindest die 548 Euro, die die Versicherung für die Behebung des Baumschadens gezahlt hat, in die Streckensicherung der L 327 investiert. Dass vielleicht Bäume entlang der gefährlichen Strecke gefällt werden. Denn Bäume, das wissen die Thiels jetzt, sind unerbittlich. Wer mit dem Auto dagegen fährt, hat in der Regel keine Chance. Der Mensch stirbt, der Baum überlebt.

Die „Wunde“ des Baums wird heilen, wie die meisten Wunden. Aber die Wunde, die Franziskas Tod hinterlassen hat, wird immer schmerzen. Das weiß Elisabeth Thiel seit dem Moment, als ein Polizist und ein Seelsorger am Nachmittag des 16. August ihr Haus betraten.

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