Eine sprachliche Reise durchs Nachbarland

Von: Sabine Kroy
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Kennt sich mit dem Dehnungs-A, dem Aachen-Laut und weiteren phonetischen Besonderheiten bestens aus: Werner Haubrich, früher Schulleiter in Brüssel. Foto: Sabine Kroy

Aachen. Ja, der gemeine Grenzbewohner ist international. Er denkt nicht nur grenzübergreifend, auch in seiner Sprache gibt er ganz bescheiden seine europäische Eloquenz zum Besten. In Aachen flaniert man selbstverständlich bei Regenwetter mit dem Pärreplü durch die Innenstadt.

Beim Abschied ruft man dem Gegenüber ein freundliches Tschöö hinterher. Und abends zieht er sich das Plümmo bis zur Nasenspitze hoch. Fragt man ihn, so garantiert er beim Leben seiner 1978 verstorbenen Großmutter, dass er Hochdeutsch in seiner reinsten Form spricht. Aber sein Blick ist auch in die Ferne gerichtet: Alle Orte im Umkreis von 70 Kilometern werden gedanklich einfach mal eingemeindet, da der Öcher es partout nicht verstehen kann, dass irgendjemand nicht am Nabel der Welt – also wenn schon nicht in Aachen selbst, dann wenigstens drumherum – wohnen möchte und nur aus einer miesen Laune des Schicksals heraus versehentlich zum Beispiel in Bergheim oder Krefeld gelandet ist. Ja, der Grenzbewohner ist verliebt – und zwar ausnahmslos in sich.

Der hiesige Weltstädter

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sämtliche Wörter, die über die Grenze in unsere Städte dringen, mit einer zarten rheinischen Intonation belegt werden. Für viele Aachener, Dürener oder Heinsberger heißt die Roermonder Straße eben „Rörmonder Straße“. Wir mögen unser Ö. Dass diese Aussprache des niederländischen Wortes fehlerhaft ist, erklärt Werner Haubrich, ehemaliger Leiter der Deutschen Schule in Brüssel, des Anne-Frank-Gymnasiums und bekennender Aachen-Liebhaber: „Wenn im Deutschen in Kreuzworträtseln das ‚ö‘ zu einem ‚oe‘ wird, warum, so folgert der hiesige Weltstädter, sollte dann nicht das ‚oe‘ zu einem ‚ö‘ werden? Dabei leitet sich die Roermonder Straße von dem niederländischen Ort Roermond ab, in der die aus Monschau kommende Rur in die Maas ‚mündet‘.“ Also heißt die Stadt, niederländisch ausgesprochen, „Rurmond“ – die Rurmündung – und die Straße dementsprechend „Rurmonder“.

Der Linguist, der in Düsseldorf geboren wurde, hat während seines zehnjährigen Aufenthaltes in der belgischen Hauptstadt Flämisch gelernt, „nicht perfekt, aber ich kann mich verständigen“. Sein geschultes Ohr, das ein exzellenter Lehrer, nämlich sein „Haarcapper“, der Frisör, mit flämischen Begriffen gefüttert hatte, ließ ihn aufhorchen, als er Ende der 70er Jahre mit seiner Familie in Aachen-Richterich sesshaft wurde. Da wollte doch ein Bekannter die Stadt „Gös“ besuchen.  Die Stadt „Goes“ auf Beveland heiße für Niederländer nicht „Gös“, sondern „Chuus“ – das „oe“ wird wieder einmal zum „u“, das g wird wie ein deutsches „ch“ ausgesprochen. Deshalb nennt man das schöne Hotel-Restaurant in Vaals auch nicht „Blömendaal“, sondern „Blumendaal“ (Bloemendaal), und zum Castel „Vaalsbroek“ sollte man anstandshalber „Waalsbruk“ sagen – auch wenn die rheinischen Lippen schon die Ö-Schürze eingenommen haben. Und die berühmten Sandskulpturen sind nicht in „Hönsbröck“, sondern in „Hunsbruck“ (Hoens­broeck) zu finden.

„So wie das niederländische ‚oe‘ nicht wie das deutsche ‚ö‘ ausgesprochen wird, so ist ‚ae‘ auch kein ‚ä‘, sondern ein Dehnungs-A“, erläutert Haubrich weiter die Eigenheiten unserer Nachbarsprache: „Sie fahren also nach ‚Sippenaaken‘ (Sippenaeken), und in Belgien liegt das königliche Schloss in ‚Laaken‘ (Laeken).“ Wer gerne den Drielandenpunt besucht, sollte tatsächlich zwei Punkte im Gepäck haben, denn derer bedarf es für die korrekte Aussprache – „Drielandenpünt“. Das niederländische u wird zum ü. „Und wie sagt man richtig ‚Gulpen‘?“, fragt Werner Haubrich. Gülpen? Reingefallen: siehe Goes. Also, für alle noch mal zum Mitschreiben: „Chülpen“. Haubrich fällt noch ein weiteres Beispiel ein, das jeder Deutsche kennt: „Viele Holland-Touristen haben sich schon amüsiert über Plakate an den Häusern, auf denen ‚Te huur‘ steht. Niederländisch ausgesprochen, nämlich ‚te hüür‘, verliert es den oft belächelten vermeintlichen Hintersinn.“

Einfacher dagegen verhält es sich mit dem Buchstaben Z. Wer über die Autobahn in die Niederlande einreist, wird von dem Schild „Zuid-Limburg“ begrüßt. Das Z wird wie im Deutschen wie ein stimmhaftes S ausgesprochen. Zu Joop Zoetemelk, einem berühmten niederländischen Radfahrer, sollte man fairerweise dann auch „Sutemelk“ sagen. Schwieriger wird es dann bei den Anschlusslauten. Das „ui“ klingt wie unser „öi“, das „u“ wie ein „ü“, und das „rg“ am Ende wird im Rachen gesprochen wie – aufgepasst – Aachen oder Oche. Wer in Zukunft als echter Niederländer durchgehen will, sollte also als „Döitser“ (Duitser) durch „Söid-Limbürch“ (Zuid-Limburg) nach „Sint-Tröiden“ (Sint-Truiden) fahren. „Nun kennen Sie auch ‚Enkhöisen‘ (Enkhuizen) an der ‚Söidersee‘ (Zuiderzee). Und in Heerlen können Sie sich ein ‚kopje koffie met söiker (suiker) bestellen“, rät der Germanist.

Ein beliebtes Ausflugsziel auf dem Weg nach Brüssel muss als weiteres Lernexempel herhalten: Louvain/Leuven. Beim „eu“ kommt der Niederländer dem Öcher entgegen und spricht es als einfaches ö aus. Leuven ist Löwen, Veurne ist Wörne. Und ein wichtiges Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft hat in „Dörne (Deurne) bei Antwerpen stattgefunden.

Noch ein Tipp, mit dem man in der „Hautevolee“ punkten kann: Die berühmte Geigerin heißt nicht „Koilen“, sondern „Kölen, obwohl Isabelle van Keulen geschrieben. Haubrich ist mit seinen Niederländisch-Kenntnissen noch nicht am Ende: „Falls Sie in einem Restaurant Ihre Speise nachsalzen wollen, erbitten Sie von der Bedienung etwas ‚zout‘, aber sagen Sie ‚saut‘ dazu.“ Für diese Regel, nämlich dass sich ein „ou“ in ein „au“ verwandelt, kennt der 77-Jährige noch weitere Beispiele wie „haut“ („hout“ – Holz) oder die Stadt „Audenaarde“ (Oudenaarde). Für Sprachwissenschaftler macht Haubrich hier noch auf eine Besonderheit aufmerksam: „Bei den Wörtern ‚zout‘ und ‚hout‘ weist das ‚ou‘ noch auf das ursprünglich vorhandene ‚l‘ in Salz und Holz hin.“

Ein Test für Fortgeschrittene

Nun ist der früherer Schuldirektor in der phonetischen Champions League angekommen: Wie werden die Orte Ijmuiden, Noordwijk, Nijmegen und das Amsterdamer Rijksmuseum korrekt ausgesprochen? „Bilden Sie ein ganz offenes ‚ä‘ und schließen Sie sofort ein ‚i‘ an“, gibt Haubrich als Tipp. Dann klingt das so ähnlich wie: „Äimöiden“, „Noordwäik“, „Näimechen“ (der Aachen-Laut!) und „Räiksmüseüm“.

Für einen ordentlichen Lehrer gehört es sich, dem Schüler auch Hausaufgaben aufzugeben. „Wenn Sie bis hierhin durchgehalten haben, können Sie auch den derzeitigen Torjäger von Schalke, den Niederländer Klaas Jan Huntelaar, und die folgenden Ort richtig aussprechen: Uretcht, Huizingen, Middelburg, Zutphen, Hoek van Holland, Turnhout, Bokrijk, Voeren.“ Geen probleem! Der Rheinländer ist doch beredt...

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