Eine Panne nach der anderen: Was gelingt in Köln eigentlich noch?

Von: Madeleine Gullert
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„Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter“ – besagt ein Kölner Sprichwort. Eine Stadt zwischen den eigenen höchsten Ansprüchen und der harten Wirklichkeit. Foto: stock/Flight-Pictures

Köln. Für Kölner ist ihre Stadt die schönste auf der Welt. Für den Rest der Republik wird Köln so langsam vermutlich zur peinlichsten Stadt – vielleicht nicht der Welt, aber zumindest Deutschlands. Vergangenen Sonntag hat Köln nicht gewählt, und am kommenden Sonntag fällt eine Opernpremiere aus.

2015 häufen sich die Pannen in der größten Stadt Nordrhein-Westfalens.

Die deutsche Erstaufführung des Musiktheaterwerks „Das Lied der Frauen vom Fluss“ fällt aus, weil die Spielstätte, ein Frachterschiff, nicht nach Köln schippern kann. Was sich wie der schlechte Witz eines Büttenredners anhört, ist leider wahr. Weil der Rheinpegel zu niedrig ist, kann die „Naumon“ nicht in Köln festmachen. Die Aufführungen sind erst einmal verschoben.

„Da momentan nicht abzusehen ist, wann der Pegel die erforderliche Mindesthöhe von zwei Metern erreicht, die nötig ist, um den ehemaligen Eisbrecher Naumon nach Köln zu schleppen, kann vorerst kein neuer Termin genannt werden“, teilten die städtischen Bühnen mit.

Das Ganze einfach in die Oper zu verlegen, funktioniert auch nicht, weil die Oper noch saniert wird. Die geplante Neueröffnung, die in wohl zu voreilig gedruckten Programmen der Saison 2015/16 schon zelebriert wird, muss leider verschoben werden.

Eigentlich wollten die Bühnen der Stadt im November feierlich eröffnen. Daraus wird nun nichts, weil Oper und Schauspielhaus noch eine große Baustelle sind. Und auf eine Ausweichspielstätte hat sich die Politik erst am Donnerstag geeinigt. Es wird das Staatenhaus in Deutz, das allerdings noch einem Rohbau gleicht. Es bleibt abzuwarten, ob die Stadt daraus eine vorzeigbare Spielstätte zaubert. Oper kann Köln schon mal nicht.

Und Wahlen kann Köln offensichtlich auch nicht. Die Oberbürgermeisterwahl musste wegen fehlerhafter Wahlzettel auf den 18.Oktober verschoben werden. Auf den Zetteln waren die Namen der Parteien groß und dick abgedruckt, die Namen der Kandidaten klein und dünn. Das geht so nicht.

Wahlpanne Nummer eins war bereits im Mai aufgefallen. Nach einer Neuauszählung der Kommunalwahlstimmen von 2014 stand fest: Die Wahlhelfer hatten sich vertan. Offenbar wurden bei der Niederschrift im Mai 2014 die Stimmen von CDU und SPD in Rodenkirchen vertauscht. Die Sozialdemokraten mussten nach der Korrektur einen Sitz und die Mehrheit im Rat abgeben.

Bei solchen Desastern sind Dauerbaustellen, neue Haltestellenhäuschen ohne Sitzgelegenheit, in die es zudem reinregnet, oder 40000 falsche Mahnbescheide der Volkshochschule reine Lappalien.

Und was sagt der Kölner? Alles, was schiefläuft, wird von den Bürgern gern mit dem berühmten Kölschen Klüngel erklärt. „Hilfst du mir, helfe ich dir.“ Inkompetenz und fehlende Voraussicht bei Planungen haben aber nichts mit Klüngel zu tun, sondern sind schlichtweg Nachlässigkeiten. Das sieht der Kölner aber nicht gern ein, schließlich hält er seine Stadt für die tollste der Welt. Wer will es ihm verübeln, bei all den Karnevalsliedern, die Köln feiern? Gibt es eine Stadt auf der Welt, der mehr Lieder gewidmet wurden?

Der Kölner an sich ist leicht schizophren. „Köln will nicht nur Metropole sein, sondern gleichzeitig die Gemütlichkeit einer Kaffeebud verkörpern“, sagt der Psychologe und Buchautor Stephan Grünewald, der selbst in Köln lebt und dort ein Marketing-Institut leitet. Und so ist es auch: Köln ist die einzige Millionenstadt in Nordrhein-Westfalen, Köln will Weltstadt sein, Messestadt, Medienstadt und am liebsten noch eine Kunstme­tropole. „Andererseits wollen die Kölner ein Leben mit größtmöglicher Ungezwungenheit und Aufwandslosigkeit führen“, sagt Grünewald. Das Leben soll unkompliziert und überschaubar sein.

Doch wie passen diese beiden Konzepte zusammen? Was sie vereint, ist der Kölner Dom, glaubt Grünewald. Er ist bedeutsam, und gleichzeitig steht er für eine Art Gemütlichkeit, für „Ewiges Werden“ – bedenkt man die Bauzeit von 600 Jahren.

Das passende Motto dazu war das inzwischen mehr als abgegriffene „Et hätt noch emmer jot jejange.“ Eine provinzieller Spruch. Die Zeiten aber sind vorbei – erst recht in einer Großstadt. Denn spätestens seit dem Einsturz des Stadtarchivs im Jahr 2009 hatte eine Panne – beim U-Bahnbau – zur Folge, dass zwei Menschen gestorben sind. Zur Rechenschaft ist bislang niemand gezogen worden. „Das schlafwandlerische Grundvertrauen war und ist für viele Bürger seitdem nachhaltig erschüttert“, sagt Grünewald. Besonders das Vertrauen in Politik und Verwaltung ist gesunken. Köln muss sich bald entscheiden: Provinz oder Metropole?

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