Juba/Sudan - Eine „moderne Nomadin“ mit Herz: Unicef-Helferin Angela Griep

Eine „moderne Nomadin“ mit Herz: Unicef-Helferin Angela Griep

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Unicef-Mitarbeiterin Angela Griep in ihrem Element: Hier checkt sie Wasserlieferungen in ein Flüchtlingscamp und hat derweil ein Ohr für die Kinder. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Partner unserer Zeitung: Angela Griep mit Kerstin Bücker (schwarzes Shirt), Mitglied der Geschäftsführung von Unicef Deutschland, und ihrem Team, das aus Wissenschaftlern aus aller Welt besteht. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Wenn sich ein Kinderhilfswerk wie Unicef so verbarrikadieren muss, spricht das für sich: Die Sicherheitslage im Kriegs- und Hungerland Südsudan ist extrem angespannt. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Die Unicef-Mitarbeiterinnen beobachten das Einfüllen von 6000 Litern Wasser pro Tank. Mary Nyalok war schon mehrfach wegen fehlender Hygiene auf der Flucht, bekommt aber jetzt zumindest sauberes Trinkwasser. Foto: Silke Fock-Kutsch
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Der mangelernährte Abiel, 18 Monate alt, wiegt nur noch 6,7 Kilo. Mit der Erdnusspaste Plympynut baut er wieder Kräfte auf. Foto: Silke Fock-Kutsch

Juba/Sudan. Als kleines Mädchen wollte sie unbedingt Pirat oder „Schiffsjunge“ werden. So weit vom Kindheitstraum entfernt ist die Hamburger Unicef-Mitarbeiterin Angela Griep nicht gelandet: „Ich würde mich heute als moderne Nomadin bezeichnen“, sagt die 46-Jährige über sich. Fünf Wochen Dienst im Südsudan, eine Woche Heimaturlaub, das ist ihr Rhythmus seit einem Jahr. Unterbrochen von Konferenzflügen.

Griep, die unter anderem Afrikanistik studierte, managte die Projektreise unserer Zeitung als Kommunikationschefin eines 400-köpfigen Unicef-Teams an fünf Standorten. Im schwer bewachten Office der Hauptstadt Juba laufen bei ihr die Fäden zusammen. Ihre ein Kilometer entfernte Etagenwohnung in einem schmucklosen Betonklotz-Ensemble kann Angela Griep aus Sicherheitsgründen nur im Shuttle erreichen.

Von dort lockt in der Metropole dieses Landes nichts mehr fort: kein Kino, kein Theater, keine Joggingstrecke, kein Italiener um die Ecke. Aber es gibt Gewalt und Kriminalität. Statt Ausgehen also: 14-Stunden-Arbeitstage, ständig mit der Lösung logistischer Quadraturen des Kreises befasst, im Spannungsfeld von Behörden eines korrupten Staates, der nicht einmal ein Rechtssystem hat. Den Quell ihrer Kraft umschreibt die leidenschaftliche Unicef-Kämpferin so: „Es ist für mich einfach sehr, sehr befriedigend, etwas Sinnvolles zu tun. Ich sehe hier jeden Tag direkt, wie die Unicef-Hilfe das gesamte Leben von Kindern umschließt und schützt.“

Im Kriegsgebiet Malakal

Unweit des Weißen Nils hocken wir während einer Reise ins Kriegsgebiet Ma-lakal mit einer letzten Dose Bier auf den Metallnoppen einer Treppenstufe ihrer engen UN-Behausung. Am Horizont wirft die untergehende Sonne ein Licht des Friedens in die staubige Welt des Containerdorfes mit 400 Blauhelmen und humanitären Helfern.

Und wieder gehen 24 Stunden im Leben der Angela Griep zu Ende, die sich so nie wiederholen werden. Die ausgehebelte Welt, in der diese extrem präsente Frau arbeitet, kennt weder Gewohnheit noch Routine. Ihr Leben erfordert Improvisationskunst und Belastbarkeit unter oft unberechenbaren Umständen, mit hoher Professionalität – und Empathie! Das Risiko ist nicht kalkulierbar: 83 Kolleginnen und Kollegen fielen in der Helferszene des Südsudan seit 2013 ihrer Mission zum Opfer.

Ansonsten: heute Office, morgen Jeep oder Hubschrauber oder Flieger. Zu Flüchtlingslagern, Gesundheitsstationen, Notschulen, in entfernte Sumpfgebiete, unterwegs genervt von Checkpoints und Beamtenwillkür. Und in der jetzigen Regenzeit den Hitzelaunen des Klimas ausgesetzt.

Kernproblem: Hunger

So lebt also eine „moderne Nomadin“, die zudem die Gabe hat, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Das Kernproblem des Landes aus Kindersicht sei: „Der Bürgerkrieg prägt das Aufwachsen der Mädchen und Jungen täglich. Das bedeutet Gewalt, Vertreibung, keine Chance, die Felder zu bestellen, und damit: Hunger.“ Aktuell bräuchten mehr als eine Million Kinder Zusatznahrung: „Wenn Unicef keine Spenden mehr erhielte, wäre die Lage der Kinder noch katastrophaler und sicher für viele tödlich.“

Das Kinderhilfswerk ist auch im Südsudan Hauptlieferant der Erdnusspaste Plumpynut, die weltweit im Kampf gegen Kindersterblichkeit große Erfolge ermöglichte. Weitere Schwerpunkte der Unicef-Hilfe liegen in der Wasserversorgung, Hygiene und Bildung. Nur 40 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Wasser, 75 Prozent verrichten ihre Notdurft unter freiem Himmel. Drohende Infektionen sind omnipräsent. Schwer mangelernährte Kinder haben ihnen oft nichts mehr entgegenzusetzen.

Wir sprechen über Nyasunday, den wir heute im elenden Zustand im Zelt seiner Mutter antrafen. „Aber welch ein Unterschied nur eine Stunde später“, freut sich Angela immer noch über den Moment, in dem der dehydrierte Kleine erkennbar interessiert an einem Plumpynut- Tütchen nuckelt. Dies sei auch generell die Maxime ihrer Arbeit: „Jedes Kind, das wir rechtzeitig erreichen, ist ein Erfolg.“

Die Metallnoppen auf der Treppe vor der UN-Behausung werden nicht weicher. Das Bier ist alle, die Sonne weg. Wieder einmal wirbelt die Managerin virtuos wie eine Pianistin über die Tastatur des Smartphones. „Es gibt News: Das Versorgungsschiff vom Weißen Nil kommt morgen nicht. Im Camp hat sich wieder ein Jugendlicher das Leben genommen. Bei Bentiu sind Kämpfe aufgeflammt.“

Es bringt sie nicht aus der Ruhe. Die durchtrainierte Yoga- und Pilates-Begeisterte kennt auch andere Szenarien wie die der sechsjährigen UN-Friedensmission im Kosovo und die folgenden fünf Jahren bei Unicef als Communication Officer in Sierra Leone. Wenn Angela Griep über ihre ersten Erfahrungen mit „interkultureller Kommunikation“ spricht, dann leuchten ihre blauen Augen. Das Thema ist ihr Ding. War es schon im Studium. Und sie lebt es.

So ist sie fest davon überzeugt, „dass die meisten Kriege unserer Welt nur durch Probleme der interkulturellen Kommunikation verursacht sind“, sagt sie. Tag für Tag hat die Deutsche bei der Zusammenarbeit in einem afrikanischen Land mit Kollegen aus über 30 Nationen mit dem Thema zu tun: „Es kann einen zum Beispiel manchmal an die Grenze bringen, mit Menschen aus Sierra Leone zu konferieren, die hören erst auf, wenn sich alle einig sind.“

Kulturen respektieren

Angela Griep kennt die Lebensweise der Afrikaner durch und durch, auch das Motto „wir haben die Zeit, ihr habt die Uhr“. Und sie hat gelernt, dies als Teil von deren Kultur zu respektieren. Andererseits macht die Hamburgerin die Erfahrung, „dass sie sich von mir auch gerne trennen und mich entscheiden lassen, wenn sie vor lauter Diskussionen überhaupt nicht mehr auf den Punkt kommen“. „Interkultureller“ Seiltanz also auch innerbetrieblich.

Kritisch sieht sie „Eurozentrismus“, denn schließlich gebe es noch „ganz andere Blickwinkel“ als den europäischen. „In vielen Kulturen nehmen sich Menschen mehr Zeit füreinander“, weiß die Streiterin für Kinder. Ohnehin habe sie die Erfahrung gemacht, dass „uns Deutschen manche Kulturen einiges voraus haben“. Und dann wählt sie ihre Worte mit Bedacht: „Oft sind andere Völker geduldiger ... gucken erst einmal, wer der andere ist ... und verletzen sich nicht so schnell.“ Und umgekehrt? Wie werden wir Deutschen wahrgenommen? Spontan: „oft als ruppig.“ Aber auch: „Viele finden es gut, dass wir nicht so nationalistisch sind.“

Wir sitzen immer noch dort vor dem Haus. Längst ist es dunkel geworden. Bleibt die Frage: „Gibt es auch Leichtigkeit in Ihrem Leben im Südsudan? Einen Schlupfwinkel, in dem die Probleme der Welt keinen Platz haben?“ Angela lächelt. Und verrät etwas über ihren Rückzugsort. „Eine ganze Schublade Wohlfühl-Filme“ habe sie daheim in ihrer Wohnung in Juba. Da liegen Miss-Marple-Filme drin, Walt-Disney-Produktionen oder „Der bewegte Mann“. Und sogar die „Sissi“-Folgen. Herzschmerz auf Schloss Schönbrunn. Eine richtig monokulturelle Dröhnung mit Tränchen-Garantie. Mitten in einer afrikanischen Hungerkrise. Angela mag das nicht großartig erklären: „Das brauche ich dann einfach mal.“

Und so können Sie spenden

Ihre Spende auf unser Unicef-Konto landet direkt im Notstandsgebiet: Empfänger Unicef, Sparkasse Aachen, Iban DE02 3905 0000 0000 331900 BIC: AACSDEXXXX

Und so können Sie, liebe Leserinnen und Leser, helfen:

Wasser: 41 Euro kostet ein Familien-Hygienepaket (Eimer mit Deckel, Material wie Seife, Zahnpasta, Shampoo), 42 Euro kosten 10 000 Wasserreinigungstabletten, 75 Euro 1000 Päckchen ORS gegen Durchfall, 88 Euro  10 000 Wasserreinigungstabletten und 1500 Entwurmungstabletten, 370 Euro kostet eine Handpumpe.

Gesundheit: 6 Euro kostet eine Fleece-Decke, 15 Euro eine Zeltplane, 17 Euro 15 Dosen Masern-Impfstoff, 27 Euro 360 Malaria-Tabletten oder ein Impfpaket (60 mal Polio, 16 mal Tetanus), 62 Euro 620 Dosen Tetanusimpfstoff.

Bildung: 3 Euro kostet ein Schulrucksack, 11 Euro ein kleines Bildungspaket (Schulrucksack, 100 Stifte, eine Tafel), 41 Euro kosten 3 Schulrücksäcke, 1000 Stifte, 20 Tafeln, 180 Euro eine Kindergartenkiste mit Spielzeug für jüngere Kinder (Stofftiere, Puppen, Bausteine, Puzzle, Stifte).

Hunger: 8 Euro kostet eine Packung Mikronährstoffpulver, 35 Euro kostet Erdnusspaste für ein Kind einen Monat lang. 56 Euro = 72 Packungen Spezialmilch, woraus 43 Liter Nahrung zubereitet werden, 119 Euro = eine großes Ernährungspaket (150 Päckchen Erdnusspaste, 90 Packungen Spezialmilch, ein Paket Kekse).

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