Eine Mikrobrauerei ganz individuell und regional

Von: Udo Kals
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Haben ihren Traum erfüllt: Viviane und Benoit Johnen.
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Frisch gezapft: Nicht nur in Belgien finden regionale Biere verstärkt Abnehmer. Foto: Stefan Offermann (3), Peter Stollenwerk

Hombourg. So richtig viel Zeit hat Benoit Johnen dann doch nicht, um über „Brice“ und „Joup“, also über sein Blondes und sein Braunes zu sprechen. Eben noch hat er in seiner Hausbar gesessen, Wasser serviert und ein wenig spöttisch über die große Konkurrenz aus Grimbergen („Reden wir über Bier?“) gesprochen. Jetzt steht er schon wieder in der Brauerei, die früher einmal ein Stall war.

Er rührt in der malzig-feuchten Luft die Maische, das Gemisch, aus dem später das Bier wird, kon­trolliert die Gärungskessel, schaut in die Kühlkammer. Es ist Brauzeit. Da kann der 43-Jährige nicht allzu lange philosophieren.

Und überhaupt: die deutsche Sprache. Johnen stammt aus Hombourg, da ist das Französische viel näher. Obwohl nur elf Kilometer Luftlinie von der Aachener Westgrenze entfernt, liegt das Dorf umgeben von der flämischen und niederländischen Grenze im äußersten Zipfel der Wallonie. Altbelgien, sozusagen. Gerne überlässt Benoit Johnen seiner Frau Viviane aus Gemmenich das Sagen.

Reines Handwerk. Seit 2002.

Die 37-Jährige führt aus, was ihr Mann sagen will: „Wir sehen uns in der Tradition der Trappistenbiere, die im Gegensatz zu vielen anderen Bieren zwei Mal gegoren werden. Das sind richtige Biere.“ Mit Blick auf die industriellen Großbrauereien, die hinter Marken wie Grimbergen, Jupiler oder Maes stecken, „übersetzt“ sie ihren Mann jedoch noch ein zweites Mal: „In unserem Bier steckt noch Seele“, sagt sie. Das ist ihnen wichtig. Das ist ihr Leben. Hopfen und Malz, Hefe und Gewürze. Mit viel Wasser, ohne jegliche Chemie. Reines Handwerk. Seit 2002.

Damals erfüllten sich Benoit und Viviane Johnen mit ihrer Brauerei einen Traum, der sechs Jahre zuvor eher als Albtraum begonnen hatte. Der damals 27-Jährige verlor 1996 bei der Brauerei Piron im Nachbarort Aubel seinen Job. Doch schon ein Jahr später nutzt er die Chance, im Zentrum Hombourgs die Dorfkneipe zu übernehmen. „Grain d’orge“ heißt die Taverne seitdem, Korn der Gerste. Treffender könnte ein Name kaum sein.

Auch den Geschmack der Menschen scheinen die beiden gut zu kennen. „Das Geschäft lief so gut, dass wir schon bald darüber nachdachten, ein eigenes Bier zu brauen“, sagt seine Frau. Während direkt neben der Taverne die Brauerei auf vier Etagen geplant und eingerichtet wurde, tüftelte Benoit Johnen, der kein gelernter Braumeister ist, mit Experten der Uni Neu-Löwen am richtigen Bier.

Erstes Ergebnis: das dunkle, sechsprozentige „3 Schtèng“; ein Jahr später mit dem hellen „Brice“ und dem dunklen „Joup“ die beiden Klassiker, weitere Biere folgten. Inzwischen werden rund 50 Sorten – sechs eigene, der Rest sind sogenannte private Label-Biere – im Hause „Grain d’orge“ gebraut. Der Laden läuft, der Ausstoß steigt: von 350 Hektolitern im Jahr 2002 auf nunmehr 1500.

2008 wurde die Kneipe an einen Neffen verkauft und die Brauerei auf einen umgebauten Bauernhof verlegt. Waren damals bereits die Kapazitätsgrenzen erreicht, muss jetzt erneut vergrößert und modernisiert werden. 800 Liter werden pro Braugang produziert, mehr geht derzeit nicht. Die Folge: „Wir können die Nachfrage nicht befriedigen und haben momentan eine Wartezeit von rund vier Monaten“, sagt Viviane Johnen. Das soll sich ändern. „Wir wachsen langsam und wollen bei 2000 bis 2500 Hektolitern landen.“ Das reicht? „Das reicht.“ Obwohl, sagt sie und lächelt: „Das habe ich schon einmal gesagt.“

Mit ihrer Mikrobrauerei und ihren regionalen Spezialbieren liegen die Johnens im Trend. In Belgien auf jeden Fall. Aber auch da­rüber hinaus. In vielen Ländern entstehen immer mehr dieser kleinen Brauereien, die nach deutscher Definition jährlich nicht mehr als 5000 Hektoliter produzieren. Selbst in der Aachener Region gibt es etwa mit der Felsenkeller-Brauerei in Monschau neue Mikrobrauereien, die neben größeren Kleinbetrieben wie der Gemünder Brauerei oder der Brauerei Rainer in Linnich-Welz Nischen besetzen. Der Trend zum preiswerten Oettinger-Bier ist vielleicht nicht zu Ende. Doch der Verbraucher, der auch mehr Geld ausgeben kann, möchte Qualität und darüber hinaus einen Mehrwert, der sich in einer regionalen Identität widerspiegeln kann, sagt etwa Bernhard Theißen, Besitzer der Monschauer Felsenkeller-Brauerei.

Größere Vielfalt

Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt das aktuelle Bierbarometer des belgischen Brauereiverbandes: mehr Experimentierfreudigkeit, mehr Individualität, mehr Regionalität. Gibt es im Königreich seit jeher eine größere Vielfalt, vergrößert sich diese nicht nur, sondern wird auch deutlich mehr nachgefragt. Während das Pils bei der Umfrage weiterhin klarer Marktführer mit einem Anteil von 27,3 Prozent bleibt, holen die Abtei- (16,4 Prozent) und vor allem die Regionalbiere (14,5 Prozent) kräftig auf.

Nutznießer dieser Entwicklung sind in der Provinz Lüttich neben der Abtei Val-Dieu als der mit Abstand größten Kleinbrauerei auch Brauereien wie Cosse in Grace-Hollogne, Elfique in Aywaille, Bellevaux in Malmedy oder eben Grain d’orge in Hombourg. Die Entwicklung führt Johnen auch darauf zurück, dass viele Menschen nicht mehr das Einheitsbier der großen Marken trinken wollen, sondern das Individuelle schätzen – das sich aber nicht jeder leisten kann. „Unsere Biere sind teuer. Doch wir können die Preise der großen Brauereien einfach nicht erreichen“, sagt sie. Einen „Aufstand der Kleinen“ sieht sie nicht. „Die großen Brauereien arbeiten nicht gegen die kleinen. Jeder hat seinen Markt.“

Wenn ein Kleiner zu groß oder interessant wird, dann wird er eben geschluckt. Was nicht zum Nachteil der Mikrobrauer sein muss, wie Viviane Johnen meint: „Ein Kollege von uns, der so wie wir angefangen hat, ist von der großen Duvel-Brauerei aufgekauft worden. Für ihn war das ein Traum.“ Warum? „Sein bisheriges Bier wird weiter produziert. Von dem Geld hat er eine neue Brauerei gegründet – nur mit dem Unterschied, dass er nun mehr Sicherheit, mehr Kontakte, mehr Erfahrung hat. Bingo“, sagt die 37-Jährige.

Ein Modell für ihre Drei-Mann-Manufaktur plus Lehrling in Hombourg ist das aber trotzdem nicht. „Unsere Brauerei läuft inzwischen rentabel.“ Die Johnens fühlen sich in der Nische wohl, brauen weiter für Auftragskunden Getränke wie Erdbeer- oder Karottenbier und entwickeln ihre Hausbiere weiter. „Die Grundrezeptur bleibt natürlich gleich. Doch in Nuancen ändern wir Joup und Brice immer wieder leicht“, erzählt sie. Nur eines bleibt gleich: Das Bier braucht wegen des zweifachen Gärungsprozesses ganze zwei Monate, um serviert und verkauft zu werden.

Im Hintergrund steht ihr Mann Benoit und rührt in der Maische. Es ist Brauzeit.

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