Eine Kunstfigur erschafft sich selbst: Simon Craig und die Verwandlung

Von: Sarah Maria Berners, Nadine Preller und Sarah Sillius
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Zwiegespalten? Jetzt fehlt nur noch die Joan-Collins-Perücke, dann ist der Mann zur Frau geworden. Foto: Sarah Sillius

Aachen. Simon Craig ist bühnenscheu. Kürzlich sollte er spontan einen Abend moderieren. Er konnte es nicht. Sie sprang für ihn ein. Die Diva. Sie hat die Bühnenerfahrung. Die Rolle gibt Sicherheit.

„Als Mann hätte ich es nicht gekonnt.” Pinselstrich für Pinselstrich wird aus dem Aachener Künstler Simon Craig eine Frau. Er wird bald 50, sein Alter Ego steckt noch in den Dreißigern.

Mit jeder Schicht Puder, jedem Tupfer Rouge, jedem feingezogenen Lidstrich wächst die zwei Meter große Sie zu ihrer vollen charakterlichen Größe heran. Und Simon Craig verschwindet hinter der Maskerade. Wenn die Joan-Collins-Perücke sitzt, ist der Mann Simon Craig endgültig zur Diva Simon Craig geworden.

Sie ist glamourös, provokant, erotisch. Und sie ist, wie eine Diva sein muss, auch ein wenig zickig. Mit lasziven Bewegungen und tiefer Stimme singt sie, flirtet mit den Männern im Publikum. Deren Ehefrauen erwarten, dass die Diva ihre Gatten durch den Kakao zieht. Sie ist eine von ihnen. Traut sich halt nur mehr. Ein Mann in Frauenkleidern darf Tabus brechen. Er ist selbst schon ein Tabubruch.

Simon Craig ist zurückhaltender und zumindest ein wenig an Konventionen gebunden. „Als Mann würde ich mich nie auf den Schoß eines Hetero-Typen setzen.” Die Diva hingegen denkt nicht lange nach, tut es einfach. Und bringt damit so manchen Zuschauer an seine Grenzen. „Manche Männer fragen sich, ob sie schwul sind, wenn sie mich attraktiv finden und meine Beine mögen.” Nur wenige verlieren den Respekt. Ab und an landet eine Hand da, wo sie nicht hingehört. Für die Diva ein Grund, die Bühne zu verlassen.

Manche Blicke der Zuschauer zeugen aber auch von der Unsicherheit, mit der sie dem Travestie-Künstler begegnen. „Bei Schauspielern ist das anders, da sind die Rollen klarer.” Mann, Frau, beides, transsexuell vielleicht? Travestie wirft Fragen auf. Für Simon Craig ist sie ein reines Schauspiel. „Ich habe mich nie als Frau gefühlt und bin nicht transsexuell. Ich bin gerne ein Mann.” Er hat gelernt, mit Vorurteilen und skeptischen Blicken umzugehen. „Als junger Künstler war ich verletzlicher. Heute bin ich zu alt, um mich darüber noch zu ärgern.”

Schon als Kind hat Simon Craig die Schminke seiner Mutter ausprobiert, sich in eine Gardine gewickelt - und Mama damit schockiert. Dann die erste Talentshow in Berlin. Mit 17 Jahren betrat Simon Craig zum ersten Mal in Frauenkleidern eine Bühne. „Androgynie war damals en vogue”, sagt er. Schließlich ist auch Prince in hochhackigen Schuhen aufgetreten. Das hat vieles einfacher gemacht.

Bis er zur Diva wurde, verstrichen Jahre. „Ich habe lange nach Charakteren gesucht, die ich verkörpern könnte.” Er stand als Marilyn Monroe, Josephine Baker und Liza Minelli auf der Bühne. „Aber irgendwann wollte ich nicht mehr darstellen, ich wollte sein.” Simon Craig schuf seine Diva. Mit den Jahren hat er diese Kunstfigur perfektioniert. Er lebt sie. „Und mein Partner liebt uns beide.”

Privat streift Simon Craig das Diva-Kostüm auch dann nicht über, wenn die Auftragslage mau ist. Er vermisse dann zwar sein zweites Ich. Aber das sei eine andere Welt. Eine, die mittlerweile immerhin auch die Familie akzeptiert. „Meine Neffen nennen mich Tante-Onkel. Süß, oder?”

Die Metamorphose: Der Travestie-Künstler wird bald 50, sein Alter Ego steckt noch in den Dreißigern.
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