Eine energiegeladene Diskussion in Eschweiler

Von: Claudia Schweda
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Angeregte und respektvolle Diskussion: Moderiert von René Benden (2.v.r.) und Patrick Nowicki (4.v.l.) tauschten RWE- und IGBCE-Vertreter, Naturschützer, Betroffene und Politiker ihre Argumente aus. Foto: Stefan Rauh
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Kein Platz mehr frei: Zum Energieforum unserer Zeitung im Seerestaurant am Blausteinsee kamen über 300 Leserinnen und Leser. Foto: Stefan Rauh

Eschweiler. Selten war ein Forum unserer Zeitung so emotional, wie das zur Zukunft der Braunkohle. Es wurde gejubelt, gebuht und lautstark dazwischengerufen. Über 300 Leserinnen und Leser waren nach Eschweiler an den Blau­steinsee gekommen.

Im Saal war die Angst der RWE-Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz spürbar und entlud sich am Ende in heftigen Wortwechseln mit denen, die die Klimaschutzpläne der Bundesregierung verteidigten. Auf dem Podium machten die Vertreter der verschiedenen Seiten einen großen Schritt aufeinander zu. Und es gab einen Moment der Stille, als Wilfried Loerkens vier Minuten einfach nur aus seinem Leben erzählte.

Seit 170 Jahren lebt seine Familie in einem alten Wasserschlösschen in Erkelenz-Borchemisch. Dieses Jahr muss Lörkens ausziehen. Wegen Garzweiler II. „Heimat zu verlieren, ist eine sehr schwierige Sache“, sagte er. Seit 15 Jahren ist der Tagebau und seine Folgen in seinem Leben. Er erzählte davon, wie es ist, wenn plötzlich ein Aufmaß vom eigenen Haus gemacht wird und ein Gutachter kommt, der nur die Kubikmeter umbauten Raumes misst und für die Geschichte des Hauses und die Gefühle der Menschen kein Maß hat.

„Damit geht man abends ins Bett und steht morgens auf“, sagte er. Es mache einen müde, kaputt, krank. Irgendwann sei die Tochter gekommen und habe ihn angefleht, er wolle doch noch seinen Enkel groß werden sehen, er solle endlich einen Deckel drauf machen. Als er das am Mittwoch erzählte, brach ihm die Stimme. Mehrere Sekunden völlige Stille. Dann brandete Applaus auf.

Die Spannbreite der Betroffenheit zwischen Wilfried Lörkens und den RWE-Mitarbeiter ist wohl eine der Erklärungen für die Emotionen, die der Gabriel-Vorstoß einer Klimaabgabe für alte Kohlemeiler ausgelöst hat. Dirk Jansen, NRW-Geschäftsleiter der Umweltschutzorganisation BUND, hat Verständnis für die Zukunftsängste der Mitarbeiter. Er hatte in Gegenwart der vielen RWEler im Saal sicher den schwersten Stand. Doch er verteidigte seine Haltung, dass die Braunkohle kein zukunftsfähiger Energieträger sei. „Ein Festhalten blockiert nur den notwendigen Strukturwandel.“ Am Ende des Abends sollte das die Kompromissformel werden, auf die sich fast alle einigen konnten.

„Das muss man akzeptieren!“

„Wir wissen alle, dass es mit der Braunkohle nicht noch 20, 30 Jahre in der derzeitigen Tonnage weitergehen kann“, sagte Reiner Priggen, Landtagsabgeordneter der Grünen. Man müsse „Zug um Zug“ alte Blöcke aus dem Betrieb herausnehmen. Er appellierte an die RWE-Mitarbeiter: „Das muss man akzeptieren!“

Der RWE-Power-Chef Matthias Hartung betonte erneut, dass Gabriels Klimaabgabe unweigerlich zu einem „Strukturbruch für das Rheinische Revier“ führen werde, weil Kohlemeiler dann aus rein wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet werden müssten. Er forderte eine Energiewende mit Augenmaß und eine sachliche Debatte, die keinen Konflikt zwischen konventionellen und erneuerbaren Energien herbeirede.

Und dann sagte er das, was die Kompromissformel des Abends erst möglich machte: Bei der Kohle seien möglicherweise Anpassungen erforderlich, „gegebenenfalls ist auch eine Zurücknahme von Förderung notwendig“. RWE sei in dieser Frage gerade in der Diskussion mit der Politik.

Angestoßen wurde diese neue Diskussion durch einen Vorschlag der Bergbaugewerkschaft IGBCE, der unter anderem vorsieht, dass eine Kapazitätsreserve aus alten Kohlemeilern gebildet wird, die über vier Jahre nur noch bei Engpässen zum Einsatz kämen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten – und dann ganz stillgelegt würden. Ralf Bartels, Ressortleiter Bergbau und Energiepolitik in der IGBCE, stellte das Papier am Mittwochabend vor. „Wir reden hier nicht von Stilllegungslisten für einzelne Kraftwerke“, betonte er.

Der Vorschlag beschreibe lediglich ein Instrument. Doch Priggen drängte: Man müsse schon zu klaren Verabredungen kommen, um die Zukunft an einzelnen Standorten planen zu können. „2030 ist übermorgen“, sagte er mit Blick auf den dann auslaufenden Tagebau Inden. Jetzt könne man schon anfangen am Kraftwerk Weisweiler zum Beispiel den Logistikstandort zu planen, den die Region dringend brauche. „Wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Welcher Kompromiss am Ende den Gabriel-Vorschlag der Klimaabgabe ablöst, ist noch nicht klar. Klar ist für den SPD-Bundestagsabgeordneten Dietmar Nietan aber eins: „Es wir am Ende keinen Vorschlag geben, der zum Strukturbruch führt.“ Im Juni soll eine Entscheidung in Berlin fallen.

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