Kommern/Nörvenich - Eine Dorfkneipe ist reif fürs Museum

Eine Dorfkneipe ist reif fürs Museum

Von: Sarah Maria Berners
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Kommern/Nörvenich. Früher war die Gaststätte Watteler das „Wohnzimmer“ von Eschweiler über Feld, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Nörvenich. Dort traf man sich auf ein Bier und einen Korn, aß eine Kleinigkeit, spielte und plauderte. Jetzt ist die Gaststätte ein Museumsstück und steckt doch noch voller Leben – und voller Erinnerungen.

Stück für Stück ist die Gaststätte an ihrem Ursprungsort abgebaut worden. Ganze Gebäudeteile, beispielsweise der Toilettentrakt, wurden abgetrennt, auf Tieflader gehievt und ins Freilichtmuseum nach Kommern gebracht. „Translozierung“ nennen die Fachleute diese Versetzung eines Gebäudes. 2010 haben sie damit begonnen. Seit Donnerstag ist die Gaststätte wieder in Betrieb, gut 30 Kilometer vom alten Ort entfernt. Und (fast) alles sieht aus wie damals.

„Immer ein offenes Ohr“

„Es waren bewegte Zeiten in der Gaststätte“, erinnert sich Wirtin Gerti Vermaasen. „Wir hatten viel Arbeit, aber auch viel Freude – und immer ein offenes Ohr.“ Für die gelernte Buchhändlerin und ihre Schwägerin Gertrud Zens, die in dem Haus aufgewachsen ist, ist die Wirtschaft mehr als ein altes Gebäude. Es ist Heimat und Erinnerung – auch an Menschen, die heute nicht mehr da sind.

Anfang der 70er Jahre hatte Gerti Vermaasen in die Familie Watteler eingeheiratet und mit ihrem Mann die Wirtschaft samt angrenzender Metzgerei betrieben. Im Obergeschoss lag die Wohnung der Familie. Ein Wohnzimmer gab es nicht. Das Wohnzimmer war die Gaststube. 2005 stellte Gerti Vermaasen den Betrieb ein. Damit endete eine Ära, die bereits im 19. Jahrhundert ihren Ursprung hatte, und dann ab 1932 von Wilhelm und Alwine Watteler fortgeführt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus Stück für Stück wieder aufgebaut, teilweise aus Trümmern. Ein Stück der alten Mauern ist hinter einem Glaselement im Saal zu sehen.

2007 jedoch drohte aufgrund von Bergschäden der Abriss des Gebäudes. Aber ein Museumslandwirt aus dem Dorf stellte den Kontakt nach Kommern her. Und weil man dort gerade dabei ist, auch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten, fügte sich eines zum anderen. Die Wirtin schenkte dem Museum Gebäude und Inventar und begann, bereits verschenkte Objekte wieder einzusammeln. Von Gläsern über Bilder bis hin zu Bierdeckeln ist alles im Original erhalten. Der Fußboden wurde nachempfunden und die Tapeten, von denen nach einer Renovierung in den 80er Jahren nur noch Reste erhalten waren, nachgedruckt. Falttüren aus Holz, Lampen und Tischdecken rufen bei vielen Menschen Erinnerungen wach – und denjenigen, die schon damals dabei waren, fallen auch gleich die Kleinigkeiten auf, die nicht ganz in die Zeit passen. Aber das sind nur wenige Dinge. Die Wirtin selbst hat dafür gesorgt, dass jedes Bild, jedes Detail am rechten Ort sitzt.

In den alten Wohnräumen ist heute eine Ausstellung zu sehen, in der über das Vereinsleben und die Stammgäste im „Wohnzimmer des Dorfes“ informiert wird. Auch über die Frauen, die lange Zeit in der Wirtschaft „alleine schon mal gar nichts verloren hatten“, wie Carsten Vorwig vom Museum weiß. „Aber mit der jungen Wirtin lockerte sich das etwas.“ Auf Infotafeln können sich die Besucher über die Kneipenkultur informieren. „Die Kneipen verschwinden langsam aus den Dörfern“, sagte Lorenz Bahr vom LVR am Donnerstag. Deswegen sei es wichtig, diesen Zeitgeist im Museum zu vermitteln.

Von April bis Ende Oktober können die Besucher des Freilichtmuseums nun in der Gaststätte Watteler einkehren und damit in die 70er Jahre eintauchen – auch kulinarisch. Zu trinken gibt es, viele werden sich erinnern, Bluna, Africola und (Malz-)Kaffee – draußen aber natürlich nur im Kännchen. Auch die Speisen verbreiten das Flair der 70er Jahre. Zu sehen ist auch das alte Fass, aus dem der „JabiKo“, der „Janz billige Korn“, aus dem Keller an die Theke gepumpt wurde. Überliefert sind auch all die Bücher, die über die gekauften Mengen Auskunft geben. So wurden pro Monat für 150 bis 300 DM Zigarren bestellt. Auch die letzten drei Zigaretten der Wirtin sind Geschichte und damit zum Ausstellungsstück geworden.

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