Aachen - Eine Chance für zwei ganz normale Schüler

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Eine Chance für zwei ganz normale Schüler

Von: Thorsten Karbach
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Zwei Lehrerinnen, unendlich gr
Zwei Lehrerinnen, unendlich großer Effekt: Sonderpädagogin Sabrina Staacke (links) und Klassenlehrerin Cornelia Masseck unterrichten in der integrativen 7a der Aachener Hauptschule Drimborn im Team. Davon profitieren nicht nur Lukas und Simon, sondern alle Kinder. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Simons Prognose war eindeutig. Als man bei ihm Autismus diagnostizierte, wurde seinen Eltern klipp und klar gesagt, dass der Junge „auf gar keinen Fall in der Regelschule bestehen werde”. Nun sitzt der Junge in der 7a der Gemeinschaftshauptschule Drimborn.

Er hat sein Heft aufgeschlagen und löst seine Aufgaben. So viel zu seiner Prognose. Es ist Schulleiterin Annett Koch-Thoma, die bei Simons Geschichte immer wieder mit dem Kopf schütteln muss. Sie sagt: „Er wird sein Abitur machen und studieren.” Und von dieser Prognose ist sie überzeugt.

Simons Geschichte muss erzählt werden, weil Simons Geschichte zeigt, was Kinder mit einer Behinderung leisten können, wenn man sie lässt. In der 7a der Aachener Hauptschule sitzen acht Schüler mit einer Behinderung neben 16 Kindern ohne. Es gibt zwei Lehrer und sogenannte Schulbegleiter für die Kinder mit Förderbedarf. In so einem Fall spricht der Gesetzgeber von einer integrativen Lerngruppe. Es gibt nicht viele solcher Lerngruppen an den Schulen des Landes. Besser gesagt: viel, viel zu wenig. Und es müssen ganz schnell mehr her. Denn eine UN-Charta der Behindertenrechte fordert die sogenannte Inklusion an Deutschlands Schulen. Der Terminus bedeutet wörtlich Einbeziehung, Einschluss, Eingeschlossenheit, Dazugehörigkeit. In diesem Zusammenhang bedeutet er ganz konkret, dass jedes Kind das Recht auf einen Platz an einer Regelschule hat. Die Bundesrepublik hat sich dieser Charta verschrieben, und somit können sich Eltern behinderter Kinder jederzeit an jeder Schule einklagen. Auch wenn diese bislang keine Schüler mit Behinderung aufnimmt.

Noch bleiben für Kinder wie Lukas viele Türen geschlossen. Auch seine Geschichte erzählt, warum dies nicht so sein darf. Lukas war 13 Monate alt und seine Mutter Andrea Keller dachte, die Welt sei in Ordnung. Er war zwei Jahre alt als sie ins Wanken geriet, denn da stellte Andrea Keller fest, dass ihr Sohn auffallend nah mit der Nase an sein Bilderbuch rückte. Der Augenarzt stellte einen hochgradigen Sehfehler fest - fast acht Dioptrin. Er bekam ein Okklusionspflaster, musste am Schielwinkel operiert werden. „Es war alles sehr, sehr schwer”, erzählt seine Mutter heute. Im Kindergarten wurde die Mutter auf die motorischen Schwächen des Jungen hingewiesen. Lukas wollte nicht Basteln, wenn die anderen Kinder Sterne bastelten. „Aber es hatte bis dahin nie jemand gesagt: Er ist behindert. Jeder guckte nur auf seine Schwächen, dass er fix rechnen konnte, das war nie Thema.”

Ein Schulpsychologe stellte dann eine „normale” Intelligenz fest, aber ebenso eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS). Lukas wurde von einem Lerntherapeuten fortan in den Unterricht begleitet - innerhalb von sechs Wochen lernte er Schreibschrift. „In der vierten Klasse hat er dann in einer Deutscharbeit eine Zwei geschrieben”, sagt die Mutter nun stolz. Die Suche nach der richtigen weiterführenden Schule hat diese Note nicht erleichtern können.

Simons Mutter Ursula Cohnen musste in dieser Zeit immer wieder Sätze hören wie: „Ich persönlich finde das ja spannend, aber ich weiß nicht, ob die Kollegen mitziehen” oder „Wir haben nichts gegen Behinderte, aber wissen nicht, ob wir das leisten können”. Sätze, die sie nicht mehr hören kann. Dabei besaß Simon eigentlich eine Empfehlung für die Realschule. Sie war fassungslos.

Wie soll Inklusion aussehen?

Es ist ein heikles Thema, denn wie Inklusion in Zukunft aussehen kann, darf oder muss, ist in diesen Tagen nicht genau zu sagen. Beim Schulministerium NRW hebt Pressesprecher Jörg Harm abwehrend die Hände und sagt: „Wir erarbeiten einen Referentenentwurf für das Schulgesetz bis Ende des Jahres.” Details könne er nicht verraten. „Es müssen auch noch Entscheidungen im politischen Raum fallen.” Sprich: Die Politik muss noch erklären, was sie überhaupt unter Inklusion versteht.

Hier bahnt sich ein breites Bündnis aus SPD, Grünen und CDU an. CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann will mit Rot-Grün einen sogenannten Inklusionsplan erarbeiten. In einem Positionspapier forderte die CDU-Landtagsfraktion einen „ehrlichen Zeitplan bei der schrittweisen Realisierung der Inklusion”. Kinder mit Behinderungen hätten Anspruch auf einen Regelschulplatz. Auf Wunsch der Eltern müsse es aber für „bestimmte Kinder mit Behinderungen auch weiterhin Förderschulen geben”. So bleibt der Bildungsweg für Kinder mit und ohne Behinderung wohl weiterhin eine Art Parallelwelt aus Regel-, Förder- und integrativen Schulen - voller Hindernisse. Und Sorgen für die Eltern.

Die Zeit an einer integrativen Grundschule beschreibt Cohnen als „langen Kampf mit einer emotional überforderten Lehrerin - die immer nur Defizite kommunizierte”. Immer wieder bekam sie hören, Simon habe heute dies falsch und jenes gar nicht gemacht. Simon stieß aber auch an andere Grenzen. Räumliche. Es gab keine Ausweichzimmer, keinen Platz für den Jungen, um sich einmal zurückziehen zu können. Das ist bei Autismus wichtig. In Drimborn hat Simon nun seinen Nebenraum. Die Ruhe tue ihm gut, sagen die Eltern. Auch der Schulbegleiter, der mit in die Hauptschule komme.

Alleine überfordert

Bei Simon stimmten die Bedingungen lange nicht. Und natürlich müssen sie stimmen, um Inklusion erfolgreich zu fördern. Das weiß auch Karl-Josef Laumann. Inklusion soll so gestaltet werden, dass ein ordnungsgemäßer Unterricht durchgeführt werden kann, fordert er. Deshalb verlangt die CDU eine Doppelbesetzung am Lehrerpult und ein ausgewogenes Verhältnis in Inklusionsklassen von Schülern mit sonderpädagogischem Bedarf und Schülern ohne zusätzlichen Förderbedarf. Wie das aussehen mag? Man muss gespannt sein.

Die Eltern haben ganz klare Vorstellungen von den Voraussetzungen von gelebter Integration als erstem Schritt zur Inklusion. Dazu zählen pausenlos mindestens zwei Lehrer pro Klasse und nicht nur stundenweise wie im Gemeinsamen Unterricht (GU) an Grundschulen. Woher all die Sonderpädagogen kommen sollen, ist eine andere unbeantwortbare Frage. „Ein einzelner Lehrer, der alles regeln muss, ist überfordert”, sagt Simons Vater Guy Grohe. Deswegen gibt es viel Skepsis unter den Lehrern, sich der Herausforderung integrativer Lerngruppen zu stellen.

In einer Stadt wie Aachen beschränkt sich das Angebot auf zwei Gesamtschulen und zwei Hauptschulen. Die Schule Drimborn wird maximal 48 Plätze bieten können, an den Gesamtschulen sind es ein paar mehr. Doch die Nachfrage nach integrativen Plätzen an weiterführenden Schulen ist um ein Vielfaches höher.

So eine Hauptschule ist in Sachen Inklusion eigentlich ideal. Sie ist überschaubar. Die Kinder finden sich besser zurecht als auf einem 1000-Schüler-Gymnasium. Doch eben weil diese Schulen so klein sind, verschwinden sie von der Bildfläche. Drei von sechs Hauptschulen werden in Aachen geschlossen. Inklusion muss also anderswo stattfinden. Doch wird sie das? „Auf dem Gymnasium würden doch die Eltern auf die Barrikaden gehen, weil sie fürchten, ein Kind mit Behinderung würde ihr Kind aufhalten”, sagt Guy Grohe. Aber juristisch können sich die Eltern im Zuge der UN-Charta auch dort Zutritt verschaffen. Doch was wird sie dort erwarten? Welche Vorgaben wird die Politik machen?

Gleiche und andere Ziele

Es ist schon jetzt ganz schön kompliziert. Denn es gibt solche und solche Integrationsklassen. In den einen wird zieldifferent gelernt. Das heißt, die Kinder einer Klasse bekommen unterschiedliche Ziele gesetzt. Und es gibt zielgleiche Klassen, in denen alle Schüler das gleiche Ziel verfolgen. Und in so einer Klasse sitzen Simon und Lukas nun. Im Unterricht sind die Kinder mit Förderbedarf kaum bis nicht von ihren Mitschülern zu unterscheiden. „Simon ist hier einfach ein Schüler”, sagt seine Mutter. Es gibt Lehrer, die können die Kinder mit und ohne Behinderung nicht ausmachen. Andere tippen falsch. Wieder andere wollen bis heute nicht wissen, welches Kind zu den acht Schülern mit Förderbedarf zählt. Die integrative Klasse sei dabei für alle Schüler von Vorteil, sagt Konrektor Michael Geurtz. Die Methodik wandelt sich in dieser Konstellation, die Lehrer können besser auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingehen. In der 7a sind Klassenlehrerin Cornelia Masseck und Sonderpädagogin Sabrina Staacke immer in der Lage, ihren Schülern direkt zu helfen. Individuelle Förderung nennt man dies wohl. Gefordert wird sie immer. Gefördert durch diese Lehrerkonstellation.

So kann auch auf die Bedürfnisse von Simon und Lukas eingegangen werden. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Lernen bei einem autistischen Kind: Simon hat ein fotografisches Gedächtnis. Wenn er Schreiben lernt, dann darf er keine Fehler machen dürfen. Denn diese würden ihn ein Leben lang begleiten. Doch wird an Grundschulen mittlerweile anders gelehrt. Der Schreibfluss ist wichtiger als ein Rechtschreibfehler. In Mathematik bekam Lukas irgendwann eine Vier, obwohl er den meisten Schülern überlegen war. Aber der Unterricht sah vor, Plättchen mit Zahlen zu drehen, und dieses Lernspiel deckte Lukas motorische Schwächen schonungslos auf. Er wollte lieber richtig rechnen. Das kann er richtig gut. Demnächst wird er an seiner neuen Schule den Erweiterungskurs in Mathematik belegen. Simon bringt ein super Zeugnis mit nach Hause, doch er hat auch gelernt, Beziehungen aufzubauen. Er hat aus dem Urlaub Karten geschrieben. Auch an Mädchen. An wen genau, hat er seinen Eltern nicht verraten. „Lernen ist nicht nur Wissen. Man kann mit Kopf, Herz und Hand lernen, aber in der Schule zählt meist nur der Kopf”, sagt Grohe. Simon spielt mittlerweile sogar Rugby, obwohl dieser Körperkontakt für einen Autisten immer eine Herausforderung ist. Und er hat Spaß. Den hatte er an seiner alten Schule nicht.

Doch seine Geschichte ist eben noch die Ausnahme. In NRW gibt es derzeit 724 Förderschulen mit 105 545 Schülern. Es werden im Zuge der Inklusion gewiss weniger. Grünen-Expertin Sigrid Beer begrüßte das CDU-Positionspapier. Dabei sei klar, dass die Qualität der Förderung der Kinder durch die Inklusion nicht leiden dürfe. Aber genau hier liegt das Dilemma, denn Bildungsmaßstäbe orientieren sich nach dem Pisa-Schock in Deutschland an Noten und Leistungsvergleichen. Die Frage bleibt, ob sich dieses System Inklusion überhaupt leisten kann? Ob es Zeit hat für Kinder wie Simon und Lukas? „Er fühlt sich hier wie ein normaler Schüler”, sagt Lukas Mutter. Eines Tages kam ihr Junge heim und sagte: „Mama, das ist eine gute Schule!” Nun will er Spieletester werden. Simon Koch. Ihre Schulleiterin glaubt fest daran.
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