Ein Tag, ein halbes Jahr, ein neues Leben

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
15157416.jpg
Innerhalb einer Sekunde hat sich das Leben von Marcus Kriegel verändert. Foto: Christoph Pauli
Krigel
Früher war er begsiterter Snowboarder, nach einem Unfall sitzt er nun im Rollstuhl. Foto: Kriegel

Aachen. In der Rehaklinik in Duisburg hat er angefangen, einen Blog, ein öffentliches Tagebuch zu schreiben. Die Idee hatte ein Freund. Die Texte informieren die Freunde, aber das Aufschreiben hat auch therapeutische Wirkung. Marcus Kriegel liest nicht mehr, was er anfangs geschrieben hat, sagt er. Er will nach vorne schauen. Die ersten Seiten sind eher in Moll gehalten.

„Life moves pretty fast...“ ist ein erster Satz. Er stammt aus dem Film „Ferris macht blau“. „Das Leben bewegt sich ziemlich schnell“, sagt der Hauptdarsteller. Das Zitat begleitet ihn seit Jahren, schreibt Kriegel, gerade in dem Moment, als die Bewegung aus seinem Körper gewichen ist. „Das Zitat hat es für mich eine völlig neue Bedeutung erhalten: ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, und der Spaß kann schnell zu Ende sein.“

Am 29. Januar ist der Aachener Snowboarder in St. Gallenkirch unterwegs, gesichert mit Helm und Rückenschutz. Er kennt die Region in Vorarlberg, er ist nicht zum ersten Mal dort. Kriegel ist ein erfahrener Athlet, er fährt Snowboard seit 26 Jahren, kein Hasardeur, keiner, der im Fun-Park an Loopings arbeitet. An den Unfall, der sein Leben verändert, hat er keine Erinnerung.

Tage in Moll

Vermutlich ist er auf seinen Brustkorb gestürzt und die Wirbelsäule bog sich durch. Er kommt zu sich, bevor der Rettungshubschrauber landet, die Beine sind taub. Er spürt sofort die Bedrohung. Der vierte und fünfte Wirbel sind gebrochen, der Patient wird stundenlang operiert: An der Diagnose Querschnittlähmung ändert das nichts mehr. „Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, und der Spaß kann schnell zu Ende sein.“

Die Ärzte haben ihm keine Prognose gegeben. Diese Art der Verletzungen ist so komplex, dass sie nie vergleichbar ist. Noch ist keine der geschädigten Funktionen zurückgekommen, ab der Brust abwärts ist Marcus Kriegel gelähmt.

Der 42-Jährige wird nach ein paar Tagen ins Duisburger BG Klinikum gefahren. Erste Komplikation treten auf, nach knapp drei Wochen sitzt er erstmals im Rollstuhl. „So merkwürdig das klingt, es war ein Fortschritt“, sagt er.

Aber es bleiben Tage in Moll. Das alte Leben ist vorbei. Fünf Worte, die kaum fassbar sind. „Es gab kaum etwas, das einen aufmuntert, ich stand dicht vor der Depression“, sagt er. Kriegel nimmt das Angebot der psychologischen Begleitung sofort an.

Freunde kommen ans Krankenbett. Sie sind da – auch wenn man ihnen anmerkt, wie überfordert sie mit der Katastrophe sind. „Das bin ich doch auch bis heute.“ Sie schieben ihn – durchaus im Wortsinn – an. Kriegel schluckt, dann sagt er, wie dankbar er dafür sei. Seine Freundin Jana wird ein noch wichtigerer Bezugspunkt. Als er vor ein paar Wochen tauchen durfte in Duisburg, war sie plötzlich auch im Wasser. Momente des Glücks. „Sie ist bei mir geblieben“, sagt er. „Sie half mir in der schwierigsten Zeit und darüber hinaus.“

Vor ein paar Tagen ist Kriegel an seinem alten Laden mitten in der Aachener Innenstadt vorbeigefahren. 17 Jahre lang hat er mit seinem Geschäftspartner Christoph Grotenrath Snowboards und Skateboards verkauft. Die Schließung war schon vor dem Unfall beschlossen, gegen das Internet und die großen Kaufhausketten konnte „Burn“ nicht mehr bestehen. „Da hilft auch aller Idealismus nicht“, trauert Kriegel rentableren Zeiten hinterher. Der Laden war schon geräumt, als Kriegel vor ein paar Tagen vorbeigefahren ist.

Er will schnell wieder ins Berufsleben zurückkehren. Er sehnt sich nach Tagen mit Normalität und Struktur. Wieder ein Hobby zu haben, wäre schön, sagt der Mann mit dem gut trainierten Oberkörper. In der Einzelhandelsbranche will er nicht mehr arbeiten, das stand schon vor dem Unfall fest. Vielleicht will er Sozialarbeit an der Katholischen Hochschule studieren. Ein bisschen Sozialarbeiter war er auch schon in seinem alten Geschäft, wo sich Jugendliche stundenlang bei ihm tummelten, auch wenn sie gar keine Käufer waren. Er weiß es nicht. Erst einmal will der nächste Tag, die nächste Herausforderung organisiert werden.

Das neue Leben mit Hartz IV

Die finanzielle Lage hat sich zugespitzt. Kriegel ist jetzt Hartz-IV-Empfänger, Regelsatz 409 Euro. Davon müssen Medikamente vorfinanziert werden. Miete und Krankenkassenbeiträge werden übernommen. Die Krankenkasse bezahlt eine neue Matratze oder Duschstühle und was so anfällt, aber die Zuschüsse sind immer gedeckelt. Wer eine bessere Lösung anstrebt, muss draufzahlen. Er braucht einen Rollstuhl, die Kasse gibt 1500 Euro dazu, aber „ein vernünftiger Rollstuhl kostet 3500 Euro“, sagt er. Manchmal ist der Kontakt mit Kostenträgern aufreibend und desillusionierend. Er kämpft mit seiner Gesundheit und mit Behörden. Freunde organisieren Sammlungen und ein Benefizkonzert, um die Not zu mildern.

Ein paar Tage vor seiner Entlassung feierte die Duisburger Klinik ihr 60-jähriges Bestehen. Unter anderem sollte Tauchen als Rehasport gezeigt werden. Fast zufällig wurde der sportliche Kriegel um eine Demonstration gebeten. Es war sein erster Tauchgang, aber er hat schnell Gefallen an der Sportart gefunden, die ihm ein Stück Bewegung zurückbringt, die so plötzlich weg war. „Ich war zunächst sehr euphorisch, aber inzwischen sind ein paar Bedenken dazugekommen.“ Kriegel hält sich zurück mit dem Pläneschmieden, step by step. Es gibt unverändert diese „Hadertage“, an denen die Traurigkeit hochsteigt. „Ich bin immer noch auf einer Achterbahnfahrt der Emotionen.“

Nach fünf Monaten hat er das Krankenhaus verlassen. In die alte Wohnung, direkt an seinem Geschäft, konnte er nicht mehr zurück. Sie liegt unerreichbar im vierten Stock, Freunde haben sie während der Reha-Zeit aufgelöst. Der 42-Jährige ist in eine behindertengerechte Wohnung im Aachener Osten gezogen, die seine Tante mit dem Jobcenter und dem Wohnungsamt organisiert hatte. Kriegel kehrt in den Alltag zurück, der noch nicht sein Alltag ist. Mobilität und Eigenständigkeit hat er verloren, er arbeitet an einer neuen Eigenständigkeit. „Ich habe lernen müssen, um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen.“

Er hat mit Unterstützung guter Freunde eine alte „Liebe“ wieder entdeckt. Schon vor dem Unfall war er gelegentlich als DJ unterwegs. Beim Niemandsland-Festival in Mulartshütte hat er vor ein paar Tagen auf einer kleinen Bühne, die eigens für ihn gebaut wurde, aufgelegt. „Es war eine sehr gute Entscheidung dieses Hobby wieder zu aktivieren“, sagt er. Weitere Auftritte stehen schon fest.

Der Blickwinkel hat sich zwangsläufig verändert. Im Rollstuhl ergeben sich andere Perspektiven, aber auch im übertagenen Sinn. „Das Materielle hat deutlich an Bedeutung verloren. Ich habe eine völlige Werteverschiebung erlebt.“ Seine Ziele: Er will wieder laufen können, aber gleichzeitig will er sich nicht darauf versteifen, weil er die Enttäuschung fürchtet.“

In Duisburg hat er ein paar Minuten im Exoskelett gestanden, einem Hilfsgerät, das aber nichts alltagskompatibel ist. Eine harte Trainingseinheit. Aber wieder zur wahren Größe zu wachsen auch für nur kurze Zeit, hat ihn bewegt. „Das Selbstwertgefühl im Stehen ist ganz anders.“

Hier geht es zum Blog von Marcus Kriegel.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert