Stolberg - Ein Stück Dorfgeschichte stirbt

Ein Stück Dorfgeschichte stirbt

Von: Robert Flader
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Knotenstock, Rucksack, Wanders
Knotenstock, Rucksack, Wanderschuhe: Hans Erich Hardt ist seine Leidenschaft anzusehen. Jahrzehntelang hat er in Venwegen den Nordeifel-Wandertag mitorganisiert. Am Sonntag startet der letzte. Foto: Robert Flader

Stolberg. Wenn man das Sentimentale - „Schönheit der Natur”, „Bewegung tut gut” - mal weglässt, wer braucht eigentlich Wandern? Was kann Wandern einer Gesellschaft, die sich kaum Atempausen gönnt, eigentlich bringen?

Nun, jemand wie Hans Erich Hardt weiß sehr genau, was es bedeutet, auf Schusters Rappen unterwegs zu sein. Der 68-Jährige steht lange vor dem Fenster seines Hauses in Venwegen, blickt nach draußen, ins Grüne, und sagt leise: „Eigentlich ist es wirklich schön hier.”

Was er meint, sind die mit kleinen Pfeilen ausgeschilderten Wanderwege entlang des Naturschutzgebietes Hahn, wo es über Venwegen, ein kleines Dörfchen am Rande Stolbergs, das fast mehr zu Kornelimünster gehört, hinein ins Tal Richtung Vichtbach geht. Dorthin, wo sich endgültig das Tor zur Eifel öffnet. Bäume, Bäche und vereinzelte Weiden umrahmen pittoreske Häuschen. Seit 30 Jahren Schauplatz des Internationalen Nordeifel-Wandertages. Organisiert von 110 Ehrenamtlichen im Venwegener Touristenverein „Lustige Brüder”. Morgen findet der Wandertag zum letzten Mal statt. Ein Stück Dorf- und Regionalgeschichte stirbt.

„Ich war 29 Mal dabei”

„Ich war 29 Mal dabei, habe mitgeplant.” Hardt, Vorsitzender der „Lustigen Brüder”, ist ein wenig wehmütig. Der Wandertag ist das größte Event seiner Art in der Region. Im letzten Jahr waren es bei strömendem Regen immerhin 829, 2008 sogar 1527 Wanderfreunde, 1200 davon aus den Niederlanden und Belgien. „Bei denen ist Wandern Volkssport. Bei uns leider nicht”, sagt Hardt. Und genau das sei das Problem, unter dem der Nordeifel-Wandertag seit einigen Jahren zu leiden habe und weswegen die morgige auch die letzte Etappe sein wird. „Ohne echtes Interesse aus der Region macht es keinen Sinn”, sagt Hardt. „Und ohne passenden Nachwuchs erst recht nicht. Wir sind alle über 60, da kommt nichts mehr nach.”

Bürgerschaftliches Engagement zeige deutlich nach unten, „Tendenz weiter sinkend”, sagt der Wanderfuchs. Für den Abschlussmarsch hätten sich ganze drei Busse angemeldet. Eigentlich sollte gefeiert werden: Der Touristenverein Venwegen wird dieses Jahr 100. Jetzt schmerzt der Abschied. Das Ende des Nordeifel-Wandertages steht für mehr: „Wandern ist nicht mehr in’”, klagt Hardt. „Zumindest im Verein nicht.” Auch der Kreiswandertag habe nicht mehr einen solchen Zulauf wie noch vor vier, fünf Jahren.

Aushängeschild für die Region

„2010 war der Tiefpunkt”, gibt Hans-Josef Heinen, Sprecher der Städteregion, zu. Doch die Veranstaltung, die im Juni in Eicherscheid mit nur 758 Wanderern zum 31. Mal stattfand, stehe nicht zur Disposition, stellte Städteregionsrat Helmut Etschenberg unlängst klar.

In der Eifel trauert man dem beliebten Nordeifel-Wandertag in Venwegen nach: „Das war für die ganze Region ein echtes Aushängeschild”, sagt Antonia Schütt von der Monschau Touristik. „Aber das Interesse ist auch bei den Wandervereinen verlorengegangen.” Dass die Stadt Stolberg die Veranstaltung weiterführt, in welcher Form auch immer, sei nicht drin, sagt Barbara Breuer, Leiterin des Tourismusbüros. Grund seien leere Kassen. „Wir haben keine Mittel.” Mittel, die auch für personelle Ressourcen nötig sind.

Herzblut ist nicht bezahlbar

Ehrenamtlern wie Hans Erich Hardt hatten noch ganz viel Herzblut obendrauf gelegt. Das gibt es nicht per Scheckheft. Die Kosten für eine solchen Wandertag liegen zwischen 2000 (Venwegen) und 3000 Euro (Städteregion). „Aber deswegen hören wir damit nicht auf”, versichert Hardt. „Es ist schon traurig, wenn man das nach so vielen Jahren aufgeben muss.” Für den Venwegener fällt mit dem Nordeifel-Wandertag ein Teil seines eigenen Lebens weg. Nach 30 Jahren. Ein bisschen Sentimentalität ist da erlaubt.
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