Köln - Ein Schlaflabor für die Schwerelosigkeit

Ein Schlaflabor für die Schwerelosigkeit

Von: Maike Jansen
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Weltraum-Karussell: In der „Kurzarm-Humanzentrifuge“ können die Astronauten bis auf das Sechsfache ihres Körpergewichtes beschleunigt werden. Die Forscher wollen herausfinden, ob man damit dem Muskelabbau in der Schwerelosigkeit entgegenwirken kann.

Köln. 70 Tage liegen. In einem Raum, in dem alles überwacht ist: Die Wellenlängen des Lichts, die Temperatur, die Zusammensetzung der Luft. „Willkommen in unserem Schlaflabor“, begrüßt Professor Rupert Gerzer die Besucher, „ich nenne das hier auch unsere Big-Brother-Anlage.“

Der Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin ist sichtlich stolz. Zum ersten Mal führt er Gäste durch die neue Forschungsanlage des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR), einem 3500 Quadratmeter großen Labor, das den außerirdischen Namen „envihab“ trägt.

Auf den ersten Blick wirkt die Anlage wie eine große Klinik für Astronauten: Überall sind Bildschirme mit Schläuchen verbunden, spucken lange Kabel riesige Datenmengen aus. Ein näherer Blick zeigt: So fern von dieser Welt ist die Forschung, die hier gemacht wird, nicht.

Beispiel Schlaflabor: Zwölf Betten umfasst die Forschungsanlage, jedes steht in einem einzelnen Zimmer. „Wir können die Probanden hier monatelang einschließen“, erklärt Gerzer, „70 Tage lang werden sie nicht aufstehen.“ Nicht fürs Essen, nicht fürs Duschen, auch nicht für einen Gang zur Toilette. „Das alles wird im Liegen erledigt.“

Während die Probanden also 70 Tage mit Nichtstun beschäftigt sind, sammeln die Forscher fleißig Daten: Über einen Katheter wird den Schlafenden regelmäßig Blut abgenommen, dazu verändert sich im Raum immer wieder das Licht: „Wenn man beispielsweise den Blauanteil im Licht erhöht, hindert das die Menschen am Schlafen“, erklärt Forschungsleiter Gerzer.

Gebraucht werden all diese Erkenntnisse nicht nur für die Raumfahrt. Denn auch wenn der Astronauten-Job besondere Belastungen mit sich bringt, gibt es Parallelen zum Arbeitsalltag vieler Menschen, glaubt Gerzer.

Doch das Schlaflabor ist nicht das Einzige, auf das Professor Gerz sichtlich stolz ist. Ein paar Meter weiter, in einer anderen Halle der Forschungsanlage, geht es deutlich weniger gemütlich zu: In einem zylinderförmigen Raum ist hier eine Kurzarm-Humanzentrifuge aufgebaut – man könnte sie auch als Weltraum-Karussell bezeichnen.

Auf vier Armen können hier Astronauten festgeschnallt und „zentrifugiert“ werden, so schnell im Kreis gedreht, dass eine künstliche Schwerkraft entsteht. Das besondere und weltweit einmalige an dieser Anlage: Ein Ultraschallgerät, das an einem Roboterarm befestigt ist, kann das Herz des Astronauten beobachten.

„Bislang hat der Astronauten-Job starke Spätfolgen“, so Gerzer. Weil sich in der Schwerelosigkeit trotz Sporteinheiten Muskeln und Knochen zurückbilden, bekommen sie sehr häufig Probleme mit Arthrose, auch das Immunsystem leidet unter den Weltraumeinsätzen. „Wir versuchen in dieser Anlage genau herauszufinden, welche Faktoren schädlich für Knochen und Muskeln sind, um sie dann zu minimieren.“

Nach Schlaf- und Sportstation führt Gerzer die Besucher dann noch in einen Raum, der nun wirklich an ein Krankenhaus erinnert: Zwischen kahlen Wänden steht hier ein riesiger Magnet-Resonanz-Tomograph. Diese Anlage lässt die Forscher noch tiefer blicken - direkt ins Hirn des Probanden, der eben noch geschlafen hat oder durchgeschüttelt wurde.

„Der kurze Weg vom Probandenzimmer bis zum MRT garantiert, dass sich während des Transports nichts verändert“, so Gerzer. Alle Effekte können sofort untersucht und dokumentiert werden. Acht Module umfasst das Labor. Bis ins kleinste Detail wollen Forscher hier herausfinden, welchen Einfluss der Einsatz im All auf Astronauten hat. Die Erkenntnisse, so ist sich Rupert Gerzer sicher, sind auch für die irdische Medizin nützlich.

„Man muss kein Raumfahrer sein, um im Schlaflabor des envihab einchecken zu dürfen“, sagt DLR-Pressesprecherin Manuela Braun. Strenge Aufnahmekriterien hat die ungewöhnliche Schlafstätte dennoch: Die 12 Probanden, die schließlich für mehr als zwei Monate die Füße hochlegen, müssen zuvor einen psychischen und medizinischen Test bestehen, Nichtraucher sein und dürfen keine Thrombose-Gefahr haben.

„Bislang sind auch alle Testschläfer männlich“, so die DLR-Sprecherin. Bei Frauen ist der weibliche Zyklus ein Hindernis. Wer tatsächlich 70 Tage durchhält, bekommt das auch entlohnt: 14 000 Euro bekommen die Probanden fürs Probeschlafen.

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