Ein Schicksal wie in einem spannenden Film

Von: Bernd Mathieu
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karl wienand
Der frühere SPD-Bundespolitiker Karl Wienand, hier auf einem Archivbild vor Gericht aus dem Jahr 2004, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Das bestätigte ein Sprecher der nordrhein-westfälischen SPD am Montagabend. Foto: dpa

Aachen. Skandale und Skandälchen, Prozesse und Affären begleiteten das Leben von Karl Wienand. Der größte Strippenzieher der SPD ist 84-jährig gestorben.

Junge Kollegen kennen ihn nicht mehr, können mit dem Namen beim besten Willen nichts anfangen. Karl Wienand? Nie gehört, sagen mir einige.

Er sei eine der schillerndsten Figuren der SPD gewesen, schreiben an diesem Nachmittag, am Tag nach seinem Tod, die Agenturen und Online-Dienste. Schillernd? Was für eine vornehme Beschreibung! Eher: skandalös. Über den Mann könnte, müsste man einen Film machen. Der wäre ein ebenso bunter wie unglaublicher Abklatsch eines Mysteriums. Sein Leben ist Drehbuch von Anfang bis Ende. Selten spielt er darin die sichtbare Hauptrolle, meistens besetzt er in geradezu genialer Perfektion von Sprache, Mimik und gespielter Unschuld die scheinbare Nebenrolle. Fast nie sitzt er in der ersten Reihe, immer gibt er den Strippenzieher. Des großen SPD-Zuchtmeisters Liebling. Herbert Wehners Mann fürs Grobe.

Ein DDR-Spion?

In der Nacht zum Montag ist der SPD-Politiker Karl Wienand (84)gestorben. Und tatsächlich läuft sofort bei Bekanntwerden dieses endgültigen Abgangs von der großen Bühne ein Film ab: das gescheiterte Misstrauensvotum des Oppositionsführers Rainer Barzel gegen Bundeskanzler Willy Brandt 1972, der Verdacht und das Indizienurteil der Mitarbeit für die DDR-Staatssicherheit, die Haftstrafe für die von ihm bis zuletzt immer bestrittene Spionage mit der Begnadigung durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der Kölner Müllskandal und die Parteispendenaffäre mit Untersuchungshaft, die nie rechtswirksam gewordene Bewährungsstrafe. Diese Tatsachen würden viele normale Menschen für übertrieben, unglaubwürdig, und aus den Fingern gesogenen Autorenkram halten. Und doch sind es Stationen aus dem Leben eines bis in die Straffälligkeit dienenden Partei-Ausputzers und wahrscheinlichen Landesverräters. 1,5 Millionen Mark Agentenlohn soll der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion (1967 bis 1974) kassiert haben.

Wienand war einer der mächtigsten Abgeordneten in den sechziger und siebziger Jahren. Immer irgendwie schmierig, dubios, verdächtig. Er soll für die DDR spioniert haben. Er soll mit 50.000 Mark dafür gesorgt haben, dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Julius Steiner beim Misstrauensvotum seinem CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Barzel die Stimme versagte und SPD-Bundeskanzler Brandt gab. Er soll Steuern im großen Stil hinterzogen haben. Er soll Schmiergeld vom Entsorgungsunternehmer Hellmut Trienekens erhalten haben. 2002, im Jahr der Kölner Affäre, trat der „Herr Soll” aus der SPD aus. Einer seiner Lieblingssätze lautet: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.”

Ein Auf und Ab: Er sitzt in Untersuchungshaft, er wird verurteilt, er wird begnadigt. Er hat immer ein ziemlich großes Mundwerk. 2002 sitzt er für mehrere Monate im Gefängnis, U-Haft. Und hat Glück: Nach einem Einspruch des Bundesgerichtshofs muss das Landgericht Köln das Verfahren gegen ihn endgültig einstellen.

Glück hat er nie wirklich gehabt, wenn man die Bilanz dieses schicksalhaften Lebens zieht. Klaus Harpprecht, der in den siebziger Jahren das Schreibbüro von Willy Brandt leitete, schrieb einmal über Wienand, er sei in „Wahrheit auch der ewige Pechvogel, ein Geprügelter und Geprüfter, ein armer Teufel, dem das vergangene Jahrhundert böse zugesetzt hat”. Das trifft den Kern dieser Biografie.

Zunächst im Zweiten Weltkrieg. Der 16-jährige Karl tritt 1943 als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht ein, wird schwer verwundet, ein Bein muss amputiert werden. Ihm gelingt dennoch durch die Neiße die Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft. Das Trauma begleite ihn lebenslänglich, behauptet sein Biograf Gerd Lotze.

1947 tritt der Sohn eines schon 1933 verhafteten Kommunisten in die SPD ein. Der junge Mann aus einer bettelarmen Familie im heutigen Rhein-Sieg-Kreis macht Karriere. 1952 wird er zum Bürgermeister der Gemeinde Rosbach gewählt, 1953 zieht er, erst 26 Jahre alt, als jüngster Abgeordneter in den Bundestag ein, beides eine Sensation für einen so jungen Mann. 1990, nach diversen Skandälchen und Skandalen, gibt er die politischen Ämter auf. 2002 tritt er aus der SPD aus, um den bevorstehenden Parteiausschluss zu verhindern.

Für die Genossen höchster Prominenz war er über die Jahre ein wichtiger Akteur. Der legendäre SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner nannte ihn offen den „Mann für heikle Fälle” und man konnte ahnen, was er damit meinte. Wienand war, als Helfer und Einflüsterer, als Erlediger und Besorger, einer der mächtigsten Männer der Sozialdemokratie, vor allem während seiner Zeit als Parlamentarischer Geschäftsführer. Und höchst anpassungsfähig: mal der schwadronierende und Kölsch trinkende Rheinländer, mal der Prügelknabe für seinen cholerischen Fraktionschef Wehner. Auf den Genossen Karl war Verlass und niemand wollte so ganz genau wissen, wie er manchen Coup auf seine spezielle Art geritzt hatte. Mit solcherlei Schmutz wollten die feinen Herren an der Spitze dann doch nichts zu tun haben. Jedenfalls nicht so offensichtlich.

Das Maß ist voll

Wienand sinkt, als den anderen das Maß der Skandale zu voll geworden ist, schnell in die Bedeutungslosigkeit ab. 1974 wird er von seinem Amt als Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion entbunden. Natürlich, wie es in der Politik und im Fußball so nett heißt, „auf eigenen Wunsch” und wegen seines Krankheitszustandes. In seinem Brief an Herbert Wehner schreibt er Ende August 1974, „dem dringenden Rat meiner Ärzte, aber auch meiner eigenen Beurteilung folgend”, bitte er, ihn von den Pflichten in der Fraktion zu entbinden.

Irgendwann wird er Geschäftsführer und Gesellschafter der Bonner „Gesellschaft für kosmetische und plastische Chirurgie und Ästhetik mbH Klinik international”. Dann ist er Unternehmensberater. Und plötzlich taucht er wieder in der Politik auf. Ein Funken politisches Leben des Fallengelassenen blitzt auf. Mitten in der Eifel, an einem Samstag in Gemünd. Ich treffe ihn am 28. März 1981 beim SPD-Unterbezirksparteitag, als dort sein kleines politisches Comeback gelingt. Wienand, der Mann der Affären und Schlagzeilen, stellt sich mit wenigen Sätzen vor: „Ich heiße Karl Wienand, bin 54 Jahre alt, seit 1949 in der Partei, verheiratet, vier Kinder. Ich freue mich auf weitere gute Zusammenarbeit.” Das ist alles. Und das reicht, um in den Unterbezirksvorstand gewählt zu werden. 92 von 198 Delegierten haben hinter seinen Namen ein Kreuzchen gemacht.

Das Interview ist bis heute das kürzeste in meinem journalistischen Leben geblieben. Die Frage, ob er wieder ein Mandat anstrebe, beantwortet er noch mit: „Nein, aus meiner heutigen Sicht.” Auch die Frage nach seiner politischen Vergangenheit findet seine Gnade. „In der gleichen Situation wie damals würde ich mich nicht anders verhalten wollen und auch nicht anders verhalten können.”

Als ich ihn konkret auf seine Beraterrolle bei Paninternational und auf das Misstrauensvotum anspreche, ist der Spaß und damit das Interview vorbei. Er geht. Einige Tage danach ruft mich ein pensionierter Verfassungsschützer an, verabredet sich mit mir in einer rheinischen Stadt und zeigt mir Kopien, auf denen Wienand angeblich Spionage-Gelder der Stasi quittiert hat. Hundertprozentig zu verifizieren ist das nicht, auch Jahre später nicht bei dem Prozess gegen ihn, als der Generalbundesanwalt Wienand einen „Verbündeten der DDR” nennt. Unter dem Decknamen „Streit” soll er von 1970 bis Herbst 1989 für Ostberlin gearbeitet haben. Die Bundesanwaltschaft behauptet, Wienand habe interne Positionen der Bundesregierung zum Grundlagenvertrag mit der DDR und Einzelheiten zu den Vertragswerken mit der Sowjetunion und Polen weitergegeben. Wienand bestreitet alle Vorwürfe. Er habe von der „anderen Seite” kein Geld erhalten.

Mit Notarzt im Gerichtssaal

Der Prozess platzt einen Tag vor dem geplanten Auftakt, weil Wienand laut medizinischem Gutachten verhandlungsunfähig ist. Später wird gegen ihn Haftbefehl wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr erlassen, gegen eine Million Mark Kaution bleibt er jedoch auf freiem Fuß.

Drei Monate später beginnt der Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Schon am ersten Tag muss der Prozess unterbrochen werden. Ein Notarzt behandelt den Angeklagten wegen Herzbeschwerden und Bluthochdrucks. 1996 wird Wienand wegen Spionage für die DDR zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die von ihm gestellte Kaution in Höhe von einer Million Mark wird einbehalten, da sie dem Lohn für Wienands Spionagetätigkeit entspreche, lautet die Begründung des Gerichts. Die Haftstrafe muss er nicht antreten, weil der schwerkranke Mann von Bundespräsident Roman Herzog begnadigt wird.

Und privat, falls es das Private überhaupt gab? Dasselbe Drama, dieselbe Tragödie: Karl Wienands erste Frau stirbt schon sehr früh, einer seiner Söhne kommt bei einem Autounfall ums Leben, auch die zweite Frau stirbt an einer schweren Krankheit.

Einflussreicher Parlamentarier

Karl Wienand wurde am 15. Dezember 1926 in Lindenpütz bei Rosbach/Sieg geboren. Der Vater, zunächst linker Sozialdemokrat und später Kommunist, kam 1933 in „Schutzhaft” und wurde danach noch mehrfach inhaftiert. Er starb zu Kriegsanfang. Die Mutter brachte die Familie als Putzfrau durch.

Nach dem Krieg machte Wienand Abitur und studierte Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft in Bonn. Ende 1952 wurde er Bürgermeister, 1955 Gemeindedirektor in Rosbach (bis 1967), 1953 wurde der damals 26-jährige Politiker als jüngster Abgeordneter in den Deutschen Bundestag gewählt.

Von 1967 bis 1974 war Wienand einflussreicher Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Sein Bundestagsmandat legte er am 3. Dezember 1974 nieder.

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