Ein Raub, viel Gezerre und ein Papst-Wort

Von: Martin Thull
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Außerhalb der Anna-Oktav im Sommer wird das Annahaupt mit der Reliquie in diesem Schrein in der Annakirche Düren aufbewahrt. Foto: Latotzki
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Das Annahaupt mit der Reliquie, das jedes Jahr von Ende Juli bis Anfang August aus dem Schrein geholt wird. Foto: Kinkel

Düren. Die historischen Berichte lesen sich wie einer der beliebten Mittelalterkrimis: Am 29. November 1500 entwendete der in der Mainzer Stiftskirche St. Stephan beschäftigte, 25 Jahre alte Steinmetz Leonhard ein handtellergroßes Fragment einer menschlichen Hirnschale, das dort als Anna-Reliquie verehrt wurde.

Die Motive Leonhards sind unklar. Vermutungen sprechen von „Entschädigung für vorenthaltenen Lohn“ bis zu „göttlicher Eingebung wegen mangelnder Verehrung der Reliquie durch die Mainzer“.

Nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Heimat Kornelimünster, wo der Reliquie zu Ehren ein eigener, heute noch erhaltener Altar errichtet wurde, wandte sich Leonhard nach Düren und übergab die Reliquie den Franziskanern. Die wollten sie den ursprünglichen Besitzern in Mainz zurückgeben. Dazu kam es aber aus unbekannten Gründen nicht. Vielmehr begann ein jahrelanger Rechtsstreit, an dem sich Kaiser Maximilian I., Fürsten, Herzöge, Erzbischöfe und zwei Päpste beteiligten. Das Ergebnis: das Anna-Haupt wird am 18. März 1506 durch Papst Julius II. Düren zugesprochen.

Zwischenzeitlich hatten die Dürener den Mainzern sogar so etwas wie eine Abschlagszahlung in Höhe von 120 000 Gulden angeboten (eine Kaufkraft von umgerechnet rund vier Millionen Euro) sowie eine jährliche Zahlung von 100 Gulden (etwa 35 000 Euro Kaufkraft) sowie die Erstattung aller angefallenen Kosten. Ein sicherer Beleg dafür, dass der Besitz einer oder mehrere Reliquien neben der sicher auch religiösen Bedeutung vor allem ein wirtschaftlich lukrativer Faktor für eine Stadt war. Und Düren lag zudem verkehrsgünstig zwischen den anderen großen Wallfahrtsorten Köln und Aachen. Mit Pilgern konnte also kalkuliert werden.

Schon kurz nach dem Eintreffen des Anna-Hauptes in Düren und seiner Unterbringung in der St. Martinskirche – die dann später das Anna-Patrozinium übernahm – setzte eine rege Wallfahrtstätigkeit ein. Sie bescherte der Stadt Düren neben den direkt in der Kirche dargebrachten Wallfahrtsopfern – über deren Verteilung im Übrigen zwischen Pfarrer und Magistrat ein langwieriger Streit entbrannte, der schließlich mit einer Aufteilung von einem Drittel für den Pfarrer und zwei Dritteln für die Stadt endete – durch die notwendige Versorgung und Unterbringung der vielen Menschen eine rasche wirtschaftliche Blüte.

Düren war durch den Erwerb des Annahauptes 1501 zum bedeutendsten Annawallfahrtsort des westlichen Deutschland geworden. Bis zur weitgehenden Zerstörung der Stadt durch den Brand 1543 war die noch ganz ins mittelalterliche Weltbild eingebundene Annaverehrung an den siebenjährigen Turnus der Aachener Heiligtumsfahrt angeschlossen. Einem auch durch die Reformation bedingten Niedergang folgte seit der Übernahme der Annapfarre durch die Jesuiten ab 1628 eine neue, ganz im gegenreformatorischen Sinne geprägte Hochzeit, die, mit zeitbedingten Abschwächungen, bis ins 20. Jahrhundert anhielt.

Ein pilgernder Metzger

Bereits 1510 gab es in Düren die jährlichen Wallfahrten zum Annahaupt, damals bereits viele Zehntausende Pilger. Dem Metzer Philipp von Vigneulles verdanken wir eine zeitgenössische Schilderung der Verhältnisse in diesem Jahr: Der Pilger war mit einigen Gefährten zu Pferd auf dem Weg von Kornelimünster nach Düren. Unterwegs trafen sie schätzungsweise 50 000 Menschen, weitere 20 000 sollen im Wald und auf den Feldern genächtigt haben. Für sieben Uhr war die Zeigung des Annahauptes angesetzt. Ähnlich wie es von Aachen überliefert ist, machten die Pilger auf Hörnern und Trompeten einen Riesenkrach vor Begeisterung.

Auch heute noch wird die Verehrung des Annahauptes in veränderter Form als Anna-Oktav durchgeführt. Dazu wird das Annahaupt erhoben, also aus dem Schrein herausgenommen und den Gläubigen gezeigt. Das immer größer werdende Pilgerfest zog auch die ersten reisenden Händler an, so dass sich zunächst ein eintägiger Markt entwickelte. Im Laufe der Zeit gesellten sich zum Markt auch Schausteller mit ihren Attraktionen hinzu, und das Fest bekam mehr und mehr den Charakter eines Volksfestes. Heute sorgen auf dem rund 50 000 Quadratmeter großen Annakirmesplatz die neuesten Fahrgeschäfte und Kirmesattraktionen für Nervenkitzel. Die Dürener Annakirmes ist heute eines der größten Volksfeste in Deutschland und zieht jährlich rund eine Million Menschen an. 2013 wurde sie zum 375. Mal veranstaltet. Und immer noch wird zu dieser Zeit das Annahaupt aus ihrem Schrein geholt und durch die Straßen Dürens getragen.

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