Düren - Ein Prozess, in dem wenig zu verstehen ist

Ein Prozess, in dem wenig zu verstehen ist

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Düren falscher Arzt Prozess
Prozess ohne Zeugen, Urteil in rasender Eile: Milde Strafe für den falschen Arzt von Düren. Foto: dpa

Düren. Man hätte ihn bitten können, langsamer und lauter zu sprechen, man hätte ihm auch das Mikrofon geben können, das einen Meter von der Anklagebank entfernt unbenutzt herumstand, aber der Richterin war es offenbar nicht wichtig, dass jeder der Besucher und Journalisten in Saal 107 des Dürener Amtsgerichts der Verhandlung folgen konnte.

Als einer der Schöffen Richterin Verena Neft darauf hinwies, dass große Teile des Publikums Probleme hätten, dem Geständnis des Angeklagten zu folgen, mahnte sie den Schöffen mit einer abfälligen Handbewegung zur Ruhe und schaute genervt. Eine Journalistin sagte nach der Urteilsverkündung: „Das war eine Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.“

Der als „falscher Arzt von Düren“ zu einiger Bekanntheit gelangte 41-Jährige ist am Dienstag in Windeseile zu einer milden Bewährungsstrafe verurteilt worden, dabei hatte ihm die Aachener Staatsanwaltschaft 336 Fälle von Körperverletzung und das Fälschen einer behördlichen Urkunde vorgeworfen.

Er hatte fast sechs Jahre lang am Krankenhaus Düren als Chirurg gearbeitet, ohne ein Medizinstudium absolviert zu haben, er nahm an Hunderten Operationen teil. 336 dieser Operationen wertete die Staatsanwaltschaft als Körperverletzung, der Rest ist verjährt. Doch nicht nur Richterin Neft, selbst Staatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts schenkten den für das Publikum größtenteils unverständlichen Aussagen des Angeklagten vollen Glauben, so dass am Ende nichts für ein härteres Urteil zu sprechen schien.

Der Mann wurde 1975 in Afghanistan geboren, und kam als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Vater und Onkel waren renommierte Ärzte, der Mann sagte, es sei von ihm erwartet worden, „in ihre Fußstapfen zu treten“. Mit dieser Bürde sei er aufgewachsen, obwohl er in seiner Jugend Leistungssportler gewesen sei, Turner.

Er habe nach dem Abitur erst Sport, später Medizin studiert, und als er das sogenannte Hammerexamen machen wollte, das er Darstellung nach die Zusammenfassung von erstem, zweitem und drittem Staatsexamen ist und erst ganz am Ende des Studiums absolviert wird, habe er bemerkt, dass ihm zwei Scheine fehlen.

Aus Gründen, die zumindest Teile des Publikums am Dienstag akustisch nicht verstehen konnten, fälschte er diese beiden Scheine und meldete sich zum Examen an. Als sein Schwindel aufflog und der zuständige Dekan der Uni Bonn ihm mitteilte, er müsse sich exmatrikulieren, habe er einfach weitergelernt und beschlossen, das Examenszeugnis „ohne großen Aufwand“ zu fälschen. Das klappte: Kurz darauf erhielt er seine Approbationsurkunde, die Zulassung, um als Arzt arbeiten zu dürfen.

Zeugen und Sachverständige, die etwas darüber aussagen hätten können, ob sich das alles tatsächlich so zugetragen hat, wollten weder Staatsanwaltschaft noch Gericht hören. Überhaupt war nicht ein einziger Zeuge geladen, der Prozess war in weniger als zwei Stunden beendet.

Ab Ende 2006 arbeitete er an einer Klinik in Köln, ab Ende 2009 in Düren. Er sprach reumütig davon, dass er sich in einer „Welt aus Lügen“ verstrickt hätte, von der nicht mal seine Frau etwas geahnt habe. Sein Schwindel flog im August 2015 auf, als das Krankenhaus Düren feststellte, dass er seine beiden Doktortitel zu Unrecht führte. Auch diese Urkunden hatte er gefälscht.

Richterin Neft stellte in ihrem hastig vorgetragenen Urteil fest, dass der Mann „kein klassischer Hochstapler“ sei, er habe sich praktisches Wissen mit Erfolg angeeignet und seine medizinische Ausbildung „nahezu abgeschlossen“ – obwohl er keines der drei Staatsexamen absolviert hat. Immerhin: Während seiner Zeit am Krankenhaus Düren soll sich nie ein Patient über seine Arbeit beschwert haben – nach allem, was akustisch zu verstehen war.

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