Ein Oase für die Modewüste Maastricht

Von: Verena Müller
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Der Fashionclash-Laden in der
Der Fashionclash-Laden in der Maastrichter Rechtstraat: Vom 10. bis 12. Juni veranstalten die beiden Betreiber eine Fashionshow, bei der etwa 100 Nachwuchs-Designer bezahlbare Modelle vorführen. Foto: Harald Krömer

Maastricht. Eine weiße Schaufensterpuppe mit einem Hauch von Jacke ist das erste, was zu sehen ist. Glatt und kühl ist der apricotfarbene Stoff, der glockenförmig von den Schultern der Puppe fällt. Darunter rosa Hotpants mit wellenförmigem Saum.

Relativ unprätentiös fallen die Schnitte aus, wenn man bedenkt, dass die Niederländerin Femke Agema die Kurven ihrer Modelle sonst gerne in starren zylinderförmigen Gebilden versteckt, sogar ihre Köpfe in Röhren verschwinden lässt. Ein bisschen wie Wassily Kandinsky in 3D zum Anziehen.

Die Tür des Fashionclash-Ladens in Maastricht geht auf, Branko Popovic scheint alleine zu sein. Das sei die Regel, sagt er, obwohl die Rechtstraat belebt und wegen der vielen kleinen Geschäfte beliebt ist, trauten sich nur wenige Kunden in das noch relativ neue Ladenlokal. Seit Oktober werden hier Unikate junger, noch unbekannter Modedesigner verkauft - etwa von Berg & Kather aus Aachen.

„Einen Moment, Nawie kommt auch gleich”, sagt der schmächtige Endzwanziger mit Dreitagebart in Röhrenjeans. Sekunden später kommt Nawie Kuiper aus dem Atelier im Keller die Treppe rauf.

Ob der Laden läuft oder nicht, ist derzeit die geringste Sorge der beiden. Denn Anfang Juni steht die dritte Auflage der Design- und Kunstplattform „Fashionclash Maastricht” an. Rund 100 Nachwuchsmodedesigner und Künstler aus elf Ländern werden ihre Arbeit präsentieren, Nawie Kuiper und Branko Popovic organisieren die Fashionshows und das gesamte Programm.

„Ursprünglich”, sagt Nawie Kuiper, „wollten wir damit unsere eigenen Karrieren befeuern. „Aber im letzten Jahr waren wir so mit der ganzen Organisation beschäftigt, dass wir es nicht geschafft haben, unsere eigenen Kollektionen fertigzubekommen.” Sie streicht sich kurz das schwarze Haar aus der Stirn und fügt hinzu: „Und in diesem Jahr, werden wir das wahrscheinlich auch nicht schaffen.” Sie arbeite gerade an einer Kollektion, die an liturgische Gewänder angelehnt sei, inspiriert durch die Heiligtumsfahrt zum Schlüssel des heiligen Servatius in Maastricht im vergangenen Jahr.

Unzählige Shows wird es an den drei Tagen vom 10. bis zum 12. Juni geben, von avantgardistisch-grell über minimalistisch bis hin zu kommerziell-tragbar. „Manchmal haben wir bei der Vorauswahl nur ein paar Skizzen vorliegen. Das macht nichts, wir gehen bewusst Risiken ein”, sagt Nawie Kuiper. Dabei sind von deutscher Seite beispielsweise Barike aus Mönchengladbach, das Designkollektiv The Offer aus Berlin oder Wantje Langeheine und Gannar Haemmerle vom „Styleclicker blog”.

Am Ende der drei Tage, sagt die 27-Jährige, werde es für sie und Popovic wahrscheinlich wieder so sein, dass man ein Jahr auf das Wochenende hingearbeitet hat und dann von dem, was vorne passiert, wieder nichts mitbekommt. Das sei zwar ein bisschen bedauerlich, aber erst einmal nicht zu ändern.

Jeder kann kommen

Das Niveau ist hoch, nur die Namen fehlen. „Die wollen wir aber bewusst nicht. Manche Modemagazine mögen das nicht verstehen”, sagt Popovic. Ihnen ginge es aber darum, eine Plattform für die „zweite Reihe” zu sein, die zwar spektakuläre Entwürfe mache, aber nicht das Zeug oder die Mittel dazu habe, die eigenen Kollektionen professionell zu präsentieren. Und so kostet einen Designer die Teilnahme an einer Show nur 100 Euro, normal sind mindestens 1000. Models, Make-up und Friseure stellt Fashionclash. Die Bilder, die der Modefotograf Peter Stigter während der drei Tage macht, werden den Designern kostenlos zur Verfügung gestellt.

Weitere Besonderheit: Jeder kann kommen. Besucher brauchen nicht, wie bei den Fashionweeks üblich, eine Einladung. Kuiper und Popovic hätten wie die meisten ambitionierten Modedesigner nach dem Studium einfach in die Metropolen gehen können. Sie entschieden sich aber für die Modewüste Maastricht. „Wir wollten nicht rumjammern, sondern es einfach ausprobieren”, sagt Nawie Kuiper. Sie hätten gemerkt, dass Maastricht durch die Nähe zu Belgien und Deutschland schon sehr international sei, dass auch durch die Bewerbung als Kulturhauptstadt Bewegung in die Region komme. Die Begeisterung, bei Fashionclash mitzumachen, sei auch gleich groß gewesen, sagt Popovic.

Die meisten arbeiteten ehrenamtlich, die Grafikdesigner etwa oder die Architekten, die die Ausstellung junger Künstler machten. „Sonst würden die drei Tage locker 200.000 Euro kosten”, sagt Kuiper. Zwar hätten sie auch eine Stiftung gegründet, sie seien aber weit davon entfernt, von der Veranstaltung leben zu können. Beide haben Nebenjobs, sie geben Nähkurse. Und der Laden wäre der reine Luxus, wenn er ihnen nicht von einer älteren Dame, die ebenfalls in Maastricht Modedesign studiert hat, für die ersten ein, zwei Jahre mietfrei überlassen worden wäre. Als Starthilfe sozusagen. An den Stangen hängen zu 80 Prozent Einzelstücke der bei den Shows vertretenen Designer, ein schlichtes Kleid von Mascha van Wely beispielsweise kostet 230 Euro.

Vielleicht nächstes Jahr

Im Atelier arbeitet Popovic gerade an Teil drei seiner „transform-star”-Kollektion. Das Motiv Stern zieht sich durch seine Entwürfe, das habe sicherlich auch damit zu tun, dass er aus Jugoslawien stamme, sagte Popovic. Ein roter Stern zierte die frühere Nationalflagge. „Das Thema ,Auseinanderfallen eines Staates passt zu meiner Arbeit, bei der ja auch Dinge zerschnitten und neu zusammengesetzt werden”, erklärt der 28-Jährige. „In der Türkei bedeutet der Stern eine positive Zukunft”, sagt Nawie Kuiper. „Oh, das ist auch schön”, sagt Popovic.

„Wir träumen immer davon, den multidisziplinären Aspekt der Veranstaltung auszubauen. Wir würden gerne Tanz und Theater mit Mode und Kunst verbinden”, sagt Kuiper. Aber das sei im Moment einfach zu viel. „Vielleicht im nächsten Jahr, wenn sich Fashionclash etabliert hat”, sagt Popovic.
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