Ein Museum nicht nur für Fans von Automobilen

Von: WOLFRAM HAMANN
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Schönheitswettbewerb: ein Blick in das Rosengart-Museum in Bedburg- Rath. Foto: Wolfram Hamann
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Das „Hochzeitsauto“: der Rosengart LR 505 Supertraction ist das letzte Exemplar der seiner Serie.
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Lucien Rosengart: Der Erfinder und Unternehmer lebte von 1881 bis 1976.
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Scheunenfund: So hat Sammler Karl-Heinz Bonk manches seiner Autos gefunden.

Bedburg-Rath. Was haben die rostfreie Schraube, das Tischfußballspiel und das erste französische Auto mit Frontantrieb gemeinsam? Sie sind Lucien Rosengart (1881 bis 1976) zu verdanken. Nie gehört? So geht es den meisten.

Selbst in Frankreich ist Rosengart nahezu unbekannt, obwohl er einst bis zu 4500 Menschen beschäftigte und zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde. Wer also war Lucien Rosengart?

Gar nicht so einfach, diesen genialen und vielseitigen Mann in Kürze zu beschreiben: Rosengart besucht nur sechs Jahre die Schule und arbeitet danach im väterlichen Betrieb. Schon bald gründet er einen Betrieb, der Schrauben, Muttern und Schmiernippel für die Industrie produziert. Er erfindet die für den Betrieb der Pariser Metro unverzichtbare rostfreie Schraube, erntet dafür aber nur Spott.

Er erfindet eine Handtaschenlampe, die ohne Batterie auskommt. Er konstruiert einen Grammophonantrieb, ein Akku-ladegerät und ist Zulieferer der Automobilindustrie. Im ersten Weltkrieg entwickelt und produziert er Rüstungsmaterial. In den 1920er Jahren fungiert er als Unternehmensberater und rettet die Autofirmen Citroën und Peugeot vor dem Bankrott. Nebenbei konstruiert er noch einen Hilfsmotor für Fahrräder und erfindet das Tischfußballspiel. 1928 beginnt er schließlich selbst mit der Automobilproduktion, da er preiswerte Verkehrsmittel herstellen will.

100.000 Autos hergestellt

Wie auch BMW fertigt er zunächst den englischen Austin Seven in Lizenz, dann erwirbt er die Lizenz zum Nachbau zweier Adler-Modelle (Adler war zeitweilig der drittgrößte Pkw-Hersteller Deutschlands!). So bringt er noch vor Citroën den ersten Wagen mit Frontantrieb auf den französischen Markt; zusätzlich gibt es auch Eigenkonstruktionen. Und seine Autos sind haltbar. Das beweist eine Testfahrt, bei der ein Rosengart in 111 aufeinander folgenden Tagen 100.000 Kilometer problemlos zurücklegt. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung muss er während des Zweiten Weltkriegs und des Vichy-Regimes unter falschem Namen untertauchen, wobei ihm seine spätere dritte Ehefrau hilft. Nach Kriegsende ist er kurze Zeit Bürgermeister.

Tragischer Tod mit 96 Jahren

Trotz einiger Neukonstruktionen zieht er sich nach und nach aus dem Automobilgeschäft zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er rund 100 000 Autos hergestellt. Fortan lebt er bis zu seinem Tod in Südfrankreich und widmet sich der naiven Malerei, was ihn allerdings nicht daran hindert, weitere Erfindungen zum Patent anzumelden. Mit 96 Jahren stirbt er an einer Salmonellenvergiftung durch verdorbenes Speiseeis.

Dass diese beeindruckende Persönlichkeit nicht vergessen wird, ist der Verdienst des Sammlers Karl-Heinz Bonk aus Bergheim. Und eine weitere Geschichte. Sie beginnt mit einer originellen Idee, die zu seinem Lebenswerk werden wird. Im Jahr 1980 beschließt Bonk, der schon einige klassische Autos – darunter einen Citroën 11 CV („Gangsterlimousine“) – besitzt, ein Auto zu erwerben, das so alt ist wie er selbst. Zufällig findet er ein kleines Auto des Baujahrs 1939 und erwirbt es: Einen Rosengart LR 4 N 2. Bis dato war Bonk diese Automarke nicht geläufig. War das wirklich nur Zufall oder eher eine schicksalhafte Fügung? Denn nachdem er das Auto mit seinem Freund Manfred Petak restauriert hat, ist er von Rosengart infiziert.

Heute besitzt er 43 Rosengart-Autos – Limousinen, Cabrios und Coupés – und hat in 37 Jahren alles über Rosengart zusammengetragen, dessen er habhaft werden konnte. Seit nunmehr 22 Jahren betreibt er mit seiner Frau Erika in Bedburg das Rosengart-Museum.

Es ist das weltweit einzige. Denn nur hier findet man außer sorgfältig restaurierten Autos alles zum Thema: Schilder und Plakate, Bilder, Patentschriften, Originalschriftstücke... „Ich bin fasziniert vom Lebenswerk des Lucien Rosengart“ gibt Bonk zu. Wohl auch ein wenig besessen, denn „ich bin immer viel unterwegs und lege so 50.000 bis 60.000 Kilometer im Jahr zurück“. Allein sechs Mal ist er nach Paris gefahren, um das Grab des Industriellen zu finden und eine Gedenktafel zu platzieren. Er knüpft vielfältige private Kontakte, besorgt die äußerst raren Ersatzteile. Und er ist hartnäckig, auch bei den oft nur mit Gesten geführten Kaufverhandlungen.

Im Lauf der Zeit kommt so beachtliches Material zusammen, etwa die alten „Chassis-Bücher“: „Hier sind handschriftlich alle Fahrzeuge verzeichnet, die Rosengart seit 1928 produziert hat. Und auch, an wen die Autos geliefert wurden“, berichtet der Museumschef. Wer Nachweise über die Originalität eines Autos benötigt, kommt also an Karl-Heinz Bonk nicht vorbei. Solch‘ unschätzbare Informationen findet man sonst allenfalls in Werksarchiven.

Die Rechtslenker

Kommen wir zu den 30 restaurierten, meist zeittypisch rechtsgelenkten Autos des Museums. „Die sind alle fahrbereit, ich brauche nur den Zündschlüssel umzudrehen, dann laufen sie“ sagt er und führt den Besucher zu einem kleinen Lastwagen, dem LR 44 „Plattformer“ aus den 1930er Jahren, der einst in einem belgischen Stall verrottete. Jetzt ist er liebevoll restauriert. Stolz weist der Museumschef auf das Heck des Pritschenwagens: „Sogar der Name des ersten Besitzers ist auf dem Holz noch zu lesen.“ Schräg gegenüber steht ein zierlicher Rennwagen, der LR 4 Spezial (LR steht für Lucien Rosengart). „Mit dem habe ich sogar am historischen Klausenrennen in der Schweiz teilgenommen“, berichtet Bonk.

Einmalig

„Und dann hätte ich noch einen schönen Hochzeitswagen,“ schmunzelt er und weist mit einladender Geste auf eine elegante schwarze Limousine, den LR 505 Supertraction. „Den gibt es nur noch einmal, nämlich hier.“ Das ist auch das einzige Auto, welches ausgeliehen wird. Weitere, nicht restaurierte Scheunenfunde stehen noch auf der Galerie des Museums.

Hier im Obergeschoss befindet sich auch das Bistro „Rosengart-Stübchen“. Die naiven Bilder Rosengarts sind hier ausgestellt. Dies alles und viele bemerkenswerte Details, Fakten und Anekdoten kann man bei einer engagierten und instruktiven Führung mit Monsieur Rosengart-Bonk – wie man ihn in Frankreich nennt – erfahren. So wird Lucien Rosengart dann doch nicht vergessen.

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