Region - Ein Leben mit Zäsur: Anna, früher Andreas

Ein Leben mit Zäsur: Anna, früher Andreas

Von: Annika Kasties
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Schwerer Entschluss: Anna Birster legte ihren Geburtsnamen Andreas ab und lebt seitdem in ihrem gefühlten Geschlecht als Frau. Foto: Annika Kasties (1), privat
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Schwerer Entschluss: Anna Birster legte ihren Geburtsnamen Andreas ab und lebt seitdem in ihrem gefühlten Geschlecht als Frau.

Region. Es war an einem Dienstag kurz vor Karneval, als Anna Birster das erste Mal ins Kino ging. Blockbuster hatte sie sich in dem Saal im Gloria Film Palast zwar schon häufig angeguckt. Nur eben nicht als Frau.

Im Leben der heute 27-Jährigen gibt es eine Zäsur. 25 Jahre lang lebte sie als Andreas in Immendorf bei Geilenkirchen. Andreas war Bäcker, mochte Actionfilme und lernte bei der Bundeswehr den Umgang mit dem Gewehr. Anna ist Bäckerin, trägt gerne Kleider und hat gezupfte Augenbrauen. Ihr erstes öffentliches „Outing“ hatte sie Anfang 2014, in jenem Kinosaal in Erkelenz.

Anna ist eine Transfrau. Sie wurde im Körper eines Mannes geboren, fühlt, denkt und handelt jedoch wie eine Frau. Dass irgendetwas nicht passte, spürte sie schon während ihrer Kindheit. Sie verbrachte die Abende damit, sich vorzustellen, wie ihr Leben als Mädchen wäre. Gedankenspiele, die sie spätestens mit der Pubertät verdrängte. „Ich dachte, ich sei psychisch krank oder pervers“, sagt Anna rückblickend.

Das Treffen der Selbsthilfegruppe „Tx-Aachen“, die Anna seit zwei Jahren leitet, ist gut besucht. Das „T“ steht für „trans“, das „x“ für die Vielfalt der Geschlechter. Jeden ersten Dienstag im Monat kommen transidente Menschen, also jene, die sich nicht oder nur eingeschränkt mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren, in den Räumen von Rainbow, dem lesbisch-schwulen Zentrum in Aachen, zusammen. Einige leben bereits offen als Transfrau oder -mann, andere stehen noch ganz am Anfang, manche von ihnen versuchen auch zwischen den Geschlechtern zu leben oder beide in sich zu vereinen.

Die Geilenkirchenerin erlebte ihren Wandel von Andreas zu Anna im Schnellverfahren. Dass sie eine Frau im Körper eines Mannes ist, habe sie erst realisiert, als sie Ende 2013 eine Therapie wegen schwerer Depressionen begann. Die Frage ihrer Therapeutin, ob sie sich mit ihrem Geschlecht zufrieden fühle, ließ sie nicht mehr los. Nach all den Jahren der Verdrängung musste sich Anna Anfang 2014 eingestehen: Nein.

Ab dann ging es Schlag auf Schlag. Innerhalb von zwei Wochen outete sie sich und trat konsequent als Frau auf. „Ich wusste, dass ich mit Gedankenspielen nicht mehr weiterkomme. Ich musste das Leben als Frau einfach ausprobieren.“ Es folgten Bartepilation, Schminkkurse und Stimmtraining. Im November 2014 begann sie ihre Hormon-Ersatz-Therapie. Betreut wird diese am Aachener Klinikum von Professor Joseph Neulen. Der Direktor der Klinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin behandelt derzeit 30 transidente Patienten aus der Städteregion Aachen sowie aus Mönchengladbach und Krefeld.

Die größte Hürde überwand Anna jedoch Anfang des Jahres. In der Uniklinik Essen unterzog sie sich einer geschlechtsangleichenden Operation. „Ich hätte als Mann nicht weiterleben können,“ sagt Anna, wohl wissend, dass viele andere Betroffene deutlich mehr Zeit brauchen, um sich mit ihrem Geschlecht, angeboren und gefühlt, auseinanderzusetzen.

In den vergangenen zwei Jahren hat Anna viele Meilensteine erlebt. Da ist zum Beispiel der Moment, als sie das erste Mal eine Frauentoilette aufsuchte, die Männlichkeit noch zwischen den Beinen. Oder der erste Discobesuch, verbunden mit der Sorge, wie sie damit umgehen würde, wenn sie ein Mann antanzt. Geholfen habe ihr bei diesem Prozess vor allem die Selbsthilfegruppe, der Austausch mit anderen Betroffenen. Denn noch immer ist das Thema Transidentität mit Vorurteilen besetzt. Freunde und Familie reagierten auf ihr Outing zwar geschockt, doch überwiegend positiv. Im Bekanntenkreis erlebte Anna aber auch Ablehnung. „Viele stecken Trans und Travestie in eine Schublade und denken, dass man jetzt mit bunter Federboa herumrennt und nur Aufmerksamkeit erregen will“, berichtet Anna. Dabei sei bei ihr genau das Gegenteil der Fall. „Ich will in meinem gefühlten Geschlecht in der Masse untergehen.“

Als sei ihr ein 50 Kilogramm schwerer Sack von den Schultern gefallen, so beschreibt Anna das Gefühl der Erleichterung, das sie spürt, seit sie als Frau lebt. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie als Andreas versuchte, möglichst männlich aufzutreten und Gefühlen keinen Raum bot. „Überkompensation“, nennt sie ihr damaliges Verhalten. Der erste Kinofilm, den sie als Frau gesehen hat, hieß übrigens Winter’s Tale, ein Fantasy-Film mit Colin Farrell. Und der war vor allem eins: eine Schnulze.

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