Alsdorf - Ein kleiner Stromer mit sicherem Herz

Ein kleiner Stromer mit sicherem Herz

Von: Manfred Kistermann
Letzte Aktualisierung:
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Einfach einstecken : An der Steckdose wird der serienreife Stromer aufgetankt, den FEV-Chef Stefan Pischinger stolz vorführt. Foto: M. Kistermann

Alsdorf. „Ist er nicht süß, der Kleine?”, säuselt die Eine. Ihre Freundin ergänzt: „Und wie leise er ist.” Der unbeachtete Zuhörer möchte gerne ergänzen: „Und das, obwohl er Italiener ist.” „Der Kleine, der die beiden Frauen auf einer stillen Nebenstraße im Alsdorfer Gewerbegebiet in Verzückung bringt, ist derzeit nicht nur Mamas Liebling.

Der Fiat 500 im Retro-Look ist der Verkaufsschlager unter den Kleinwagen neuester Generation. Die „Knutschkugel”, die derzeit in und um Alsdorf ihre Runden dreht, ist allerdings nicht käuflich zu erwerben - noch nicht. Der kleine Italiener ist nämlich eine Art Einzelkind. Obwohl das Auto aussieht wie seine Brüder, hat es doch einen wesentlichen Unterschied: Unter der Haube explodieren keine Gase, Verbrennung findet nicht statt.

Kraft aus der Steckdose

Der kleine Italiener ist ein Stromer. Statt Benzin nimmt er Elek-trizität zu sich - aus der Steckdose. Einfach ein Kabel einstecken und das andere Ende unter das Markenemblem der Turiner Firma an der Front des Wägelchens andocken. Und dann fließt der Saft, der den weißen Wagen antreibt.

Unter der Haube und unter dem Bodenblech ruht nämlich nicht mehr der italienische Antrieb, sondern ein kleines technisches Wunderwerk, das in nur drei Monaten von einem Team von 20 Ingenieuren der Firma FEV in Alsdorf und Aachen flott gemacht wurde: Elektromotor samt Batteriepaket und eine elektronische Steuerung. Die FEV Motorentechnik GmbH ist einer der weltweit größten unabhängigen Dienstleister in der Entwicklung von Antriebsmotoren und Fahrzeugtechnik mit Hauptsitz in Aachen.

Sie konstruiert und entwickelt Motoren für Geräte, Pkw und Nutzfahrzeuge, aber auch für Schiffe und Lokomotiven - von der Skizze bis zum Serienanlauf. Außerdem fertigt und betreibt das Unternehmen Mess- und Prüfstände, mit denen Motoren und Fahrzeuge auf Haltbarkeit, Akustik und Emissionen getestet werden. Auftraggeber der FEV sind nahezu alle namhaften Fahrzeughersteller der Welt. In Alsdorf hat die Firma jetzt eigens ein Zentrum für Hybrid- und Elektroantriebe errichtet.

Batterien sind ein Problem

Unweit davon macht der kleine Italiener, denen die FEV-Experten den Namen „Liion drive” verpassten, seine ersten Gehversuche. Liion steht als Abkürzung für Lithium- Ionen, und daraus ist das Herz für den Fiat gemacht. Die Batterien sind heutzutage für Elektroautos immer noch das Hauptproblem. „Die Akkus brauchen es kuschelig”, sagt Markus Kremer, einer der „Väter” des kleinen Italieners mit Alsdorfer Genen. Für sie darf es nicht zu kalt und nicht zu heiß sein, außerdem müssen sie sicher untergebracht werden. Dazu soll das Kraftpaket möglichst klein und kompakt sein. Die FEVler schafften es, ein energieorientiertes Päckchen von 12 kWh zu schnüren, das crashsicher und platzsparend unter dem Bodenblech versteckt ist.

Diese Lithium-Ionen-Speicher, 84 Stück in 12 Modulen, sorgen für genügend Energie, damit der kleine Elektromotor, der statt des serienmäßigen Benziners unter der Motorhaube steckt, seine 69 Pferdestärken ausleben kann - lautlos. Im Innenraum des Fiats deutet auf den ersten Blick nichts darauf hin, dass etwas an dem Wagen verändert wurde. Lediglich der Schalthebel ist der eines Automatikautos.

Dabei blieb das herkömmliche Schaltgetriebe im Kleinwagen, es wurde allerdings blockiert und nur der zweite Gang wird benutzt. Denn schalten ist nicht nötig, wie Ingenieur Markus Kremer verrät. Hebel umlegen und los: Der Elektromotor entfaltet sofort sein maximales Drehmoment und bringt es auf beachtliche Geschwindigkeit. Bis 130 km/h sind kein Problem, doch für ständige Spitzenleistungen ist der Stromer nicht gedacht.

„Die Zukunft fordert auch sinnvolle Autos für den urbanen Einsatz”, merkt Professor Stefan Pischinger, der Geschäftsführer der FEV, an. Deshalb sei der Prototyp, der künftig in einer Kleinserie gebaut werden könnte, vor allem für den städtischen Einsatz gedacht, bei dem weniger die Spitzengeschwindigkeit als vielmehr die Ausdauer zähle.

Reichweite 300 Kilometer

Je nachdem wieviel Kraft man dem Kleinen abverlangt, reicht sein Elektroherz für 100 Kilometer, dann muss er wieder an die Steckdose - für fünf Stunden. Und damit die Fahrt im Falle eines Falles auch mal etwas länger dauern kann, haben die Tüftler ihm noch einen winzigen Wankelmotor als Reichweitenverlängerer eingepflanzt. Dieser Benziner treibt einen Generator an, der für den nötigen „Saft” sorgt, um bis zu 300 Kilometer weit zu kommen.

Der Alsdorfer Stromer ist ein Forschungsträger, aber einer der schon serientauglich ist. Allerdings sind die Kosten derzeit noch zu hoch, um ihn an jedermann zu verkaufen. Ein Einsatz im Flottenversuch ist denkbar, denn die cleveren FEV-Experten wollen den Liion ständig verbessern. In Sachen Batterien und Antriebsmanagement gibt es noch einige Entwicklungsarbeit zu tun.
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