Ein Karlspreis mit dem Pulsschlag Europas

Von: Christina Handschuhmacher
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Eine Europafahne als Sonnenschutz? Jedenfalls nur eins von vielen Pro-Europa-Statements am Donnerstag auf dem Katschhof. Foto: Harald Krömer
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Zwei Kämpfer für Europa: Karlspreisträger Timothy Garton Ash und „Pulse of Europe“-Gründer Daniel Röder (r.) am Donnerstag in der Aula Carolina.

Aachen. Der Moment, auf den Daniel Röder insgeheim gehofft hat, dauert keine zwei Minuten. In der Aachener Aula Carolina, wo die geladenen Gäste nach dem offiziellen Teil der Preisverleihung bei Sekt, Wein und Canapés weiterfeiern, treffen die „Pulse of Europe“-Gründer Daniel und Sabine Röder auf den frisch gekürten Karlspreisträger Timothy Garton Ash.

„Ach, Sie sind von Pulse of Europe! Sie müssen mir unbedingt Ihre Kontaktdaten geben“, sagt Garton Ash. Natürlich hat der Brite von der Bewegung gehört, die im November 2016 in Frankfurt im Wohnzimmer der Röders ihren Anfang nahm und seither europaweit in mehr als 130 Städten und Orten – auch in Aachen – für Furore sorgt.

Zehntausende Menschen gehen nicht gegen, sondern für etwas auf die Straße. Das allein ist schon außergewöhnlich genug – und dann demonstrieren sie auch noch für ein in weiten Teilen der Bevölkerung als abstrakt geltendes Konstrukt wie Europa.

Dieses Engagement ist genau im Sinne Garton Ashs. „Die Bürger müssen selbst etwas unternehmen, wenn sie Europa am Leben halten wollen“, das hat der 61-Jährige immer wieder betont. Wenn sich Garton Ash also in der aktuellen Krise eine Art idealen Europäer vorstellen müsste, kämen Röder und seine Mitstreiter von „Pulse of Europe“ dem wohl sehr nahe. Und Röder will mit „Pulse of Europe“ auch Großbritannien stärker ins Visier nehmen – bislang ist die Initiative dort nur in wenigen Städten vertreten.

Und wer weiß, vielleicht spricht dann bald auch der neue Karlspreisträger Garton Ash auf einer „Pulse of Europe“-Kundgebung in Oxford? Schnell werden Visitenkarten getauscht, Röder lobt Garton Ashs Rede im Krönungssaal und dann muss der Preisträger auch schon weiter. „So ist das eben“, sagt Röder, und zuckt kurz mit den Achseln. Der 45-jährige Frankfurter ist trotzdem rundum zufrieden. Das sieht man ihm an. Die zwei Tage in Aachen waren ein voller Erfolg – für ihn und seine Frau und natürlich für ihre Bewegung „Pulse of Europe“.

Der Karlspreis und „Pulse of Europe“ – beide haben Europa im Fokus, wenn auch mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen. Eine etablierte Auszeichnung, die seit 67 Jahren verliehen wird, versus eine gesellschaftliche Basisbewegung, die erst etwas mehr als ein halbes Jahr alt ist. Für Röder ist das kein Widerspruch, er empfindet den Karlspreis nicht als elitär oder verstaubt. Im Gegenteil. „Der Karlspreis ist aktuell wichtiger denn je“, sagt er. „Von diesem Preis gehen Botschaften aus.“

Bislang hat Röder, der hauptberuflich nicht Europa-Aktivist, sondern Anwalt mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsrecht ist, den Karlspreis eher aus der Ferne beobachtet. Nun sind er und seine Frau selbst unter den geladenen Gästen. Auch eine Handvoll Aachener Mitstreiter sind mit zur Zeremonie gekommen. Es sind diejenigen, die zum engen Kreis des Organisationsteams in Aachen gehören und die in den vergangenen Monaten die sonntäglichen Kundgebungen auf dem Katschhof organisiert haben. Sie tragen Europa-Buttons an Sakko und Blazer und haben Europaflaggen dabei.

Immer wieder blendet die WDR-Regie Röder und seine Frau auf den Monitoren im Krönungssaal ein, als von „Pulse of Europe“ die Rede ist. Und das ist in der knapp zweistündigen Zeremonie gleich mehrfach der Fall. Die Röders schauen leicht überrascht, als Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) sie in seiner Rede persönlich begrüßt. Eine Ehre, die sonst nur hochrangigen Politikern und Ehrengästen zu Teil wird.

Und auch in den Reden von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Karlspreisträger Garton Ash spielt „Pulse of Europe“ eine Rolle. Garton Ash spricht von einem „ermutigenden Zeichen der letzten Monate“ durch „Europäer, die zeigen, dass ihr Puls für Europa schneller schlägt“. In der Aula Carolina geht es dann nahtlos so weiter. Egal, wo das Ehepaar Röder auftaucht, überall wird ihre Initiative gelobt, werden Kontakte geknüpft, Ideen ausgetauscht.

Und auch Röder ist voll des Lobes für die Karlspreisverleihung und Garton Ash. „Der ideale Preisträger – gerade in diesem Jahr.“ Seine Rede habe sehr viel „europäischen Geist und europäische Seele“ enthalten. „Man hat gemerkt, dass er nicht nur der intellektuelle Beobachter ist, sondern mittendrin.“ Ein Eindruck, der sich bei der kurzen persönlichen Begegnung noch verfestigt. „Aufgeschlossen, offen, interessiert“, ist sein Fazit.

Nach dem Zwischenstopp in der Aula Carolina steht Röder am frühen Nachmittag wieder auf dem Katschhof, gleich soll er noch einmal kurz für eine Diskussion auf die Bühne. Auch Mittwochabend hat „Pulse of Europe“ hier schon demonstriert – quasi in der „Karlspreisausgabe, mittwochs statt wie sonst immer sonntags.

Die Sonne knallt vom Himmel. Plötzlich stürmt ein kleiner blonder Junge, eingewickelt in eine Europafahne heran und umarmt Röder. Es ist sein Sohn Johan. Mit seiner älteren Schwester Greta ist er mit nach Aachen gereist. Während die Eltern bei den offiziellen Feierlichkeiten waren, haben die Großeltern auf die beiden Kinder aufgepasst.

Verstehen sie eigentlich, wofür ihre Eltern sich da mit so viel Leidenschaft einsetzen? „Sie kämpfen dafür, dass Europa nicht zerbricht“, sagt die elfjährige Greta. „Oder muss es heißen, dass die EU nicht zerbricht, Papa?“ Röder erklärt ihr kurz den Unterschied, aber egal, ob nun EU oder Europa, Greta und Johan haben auf jeden Fall verstanden, um was es ihren Eltern und allen bei „Pulse of Europe“ geht. Und dass es wichtig ist, denn es geht auch um ihre Zukunft.

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