Ein Kaiser in der Top-Liga: Drei Karls-Ausstellungen beginnen im Juni

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Vier Menschen, zwei Ausstellungen (von links): Peter van den Brink und Sarvenaz Ayooghi betreuen „Karls Kunst“. Sisi Ben Kayed und Georg Minkenberg gestalten „Verlorene Schätze“.
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Der Krönungssaal des Aachener Rathauses wird publikumsnah und multimedial gestaltet: Frank Pohle ist verantwortlich für die große Schau „Orte der Macht“. Foto: Michael Jaspers (2), stock/Schöning
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Bildnummer: 50927483 Datum: 04.08.2005 Copyright: imago/Schöning Goldene Karlsbüste in der Domschatzkammer in Aachen, Objekte; 2005, Aachen, Schatzkammer, Dom, Kaiserdom, Büste, Büsten, , Sehenswürdigkeit, Kaiser Karl,; , hoch, Kbdig, Einzelbild, Bildhauerei, Kunst, Deutschland, Aktion, Reisen, Nordrhein Westfalen, Europa / der Große

Region. Sie kommen aus aller Herren Länder, erzählen von Macht und Mythen. Sie schlagen den Bogen von goldglänzenden Seidenstoffen bis zu bodenständigen Anbauregeln für Kohlrabi, Dill und Saubohnen: Auch das „Capitulare de Villis“, jene berühmte Landgüterverordnung, die Karl der Große vermutlich 812 in Aachen aufschreiben ließ, gehört zu den Dingen, die zum 1200. Todestag des Frankenherrschers in seiner Lieblingspfalz zu sehen sind.

 Das „Capitulare“ dürfen Besucher dabei als hochwertige Replik sogar in die Hand.

Drei Ausstellungen werden am 20. Juni in Aachen zeitgleich eröffnet. Die Kraft, mit der man sich der Herrscherpersönlichkeit nähert, spiegelt den Aufgabenkatalog, den Karl erfüllte: ehrgeiziger Eroberer, Förderer von Kunst und Wissenschaft, Beschützer der Christenheit, Reformer von Heer und der Rechtsprechung in einem Reich, das niemals zuvor solch einen Umfang hatte. „Orte der Macht“ (im Aachener Rathaus), „Karls Kunst“ (Centre Charlemagne) und „Verlorene Schätze“ (Domschatzkammer) bündeln die Suche nach den Mechanismen dieser Ausnahmeherrschaft.

„Wir wollen Geschichte erzählen, das ist etwas anderes, als einfach nur Objekte zeigen“, sagt Frank Pohle (Kulturbetrieb Aachen), Kurator von „Orte der Macht“. Multimediale Überraschungen, die bereits bei den Rethel-Fresken im Krönungssaal beginnen, sollen den Zugang etwa zum höfischen Leben und oder zu Machtstrukturen erleichtern. Details sind wichtig. So bewacht ein Soldat in fränkischer Kleidung hoch zu Ross den Eingang zum Parcours. „Das Museum Alexander König in Bonn hat uns dieses präparierte Pferd ausgeliehen“, berichtet Pohle, „ein römischer Vollblutaraber, wie man ihn um 800 geritten hat.“ Zaumzeug und Sattel orientieren sich an archäologischen Funden.

Die Ausstellung will fragen und antworten. Wie reiste man als Pilger, Händler, Diplomat oder Kaiser? Was bedeutete es, Recht zu sprechen? „Karl musste Kriege führen, damit alle zufrieden waren“, sagt Pohle. „Das schweißte die Eliten zusammen und sorgte für einen riesigen Erfahrungsraum.“ So erfuhr der Franke beim Italienfeldzug von Formen des Regierens, die er zuvor nicht kannte. Pohle: „Er sah, was man brauchte, wenn man in der Top-Liga mitspielen wollte.“

Mit dieser Erfahrung sind die Sinne der Besucher geschärft für „Karls Kunst“ im Centre Charlemagne. Hier herrschen strenge klimatische Regeln, denn die kostbaren Pergamente, die man unter anderem in der „Aachener Hofschule“ geschaffen hat, werden gut behütet. „Wenn man Leihgeber überzeugen will, muss man nicht nur für gute Bedingungen garantieren, sondern auch persönlich verhandeln“, versichert Peter van den Brink, Direktor des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums, der mit Kunsthistorikerin Sarvenaz Ayooghi „Karls Kunst“ betreut. London, Paris, Rostock, Rom/Vatikan, Wien, Oxford, Essen, Brescia und Ravenna sind nur einige Stationen.

Die Kuratoren setzen auf die magische Ausstrahlung legendärer Stücke wie der „Fibel aus Dorestad”, einem meisterhaften Schmuckstück aus der Zeit um 800, den fein gearbeiteten Elfenbeindeckeln des Lorscher Evangeliars, das der Hofschule Karls entstammt, oder dem „Godescalc-Evangelistar“ mit seinem Einband aus rotbraunem Schafsleder auf Holzbrettern – das frühestes Werk der Hofschule. Turbulente Szenen bis hin zum dreidimensionalen Faltenwurf spielen sich auf winzigen Elfenbeinstücken ab. Man spüre die Hand der Künstler, das sei eine ganz persönliche Berührung, sagt Sarvenaz Ayooghi.

Nicht selten ist hier frommer Ernst mit Humor verknüpft – Fantasiewesen tummeln sich am Seitenrand, auf einer der Handschriften entdeckt man kleine Enten. Wie eng die Schriften mit dem Leben verbunden waren, beweisen Schäden auf einem Evangeliar aus Gent: „Beim Schwur legte man die Hand auf die Abbildung des Evangelisten, da wurde so manches Motiv kaputtgeschworen.“

Kostbarkeit

Während diese Stücke ganz selbstverständlich ab 21. September die Rückreise zu ihren Leihgebern antreten, sieht Georg Minkenberg, Leiter dem Domschatzkammer und Kurator von „Verlorene Schätze“, dem Abschied der 43 Objekte, die einst zum Kirchenschatz Karls des Großen gehörten, mit Wehmut entgegen. „Sie decken einen Zeitraum bis ins späte Mittelalter ab und haben ihren Ankerpunkt in der Karolingerzeit“, sagt er. Der „Krönungsordo Ferdinands I.“ zum Beispiel liefert das Drehbuch zum Ablauf einer Königskrönung. Der „Quadriga“-Stoff, ein kostbares byzantinisches Seidengewebe, war ein Leichentuch Karls. „Eines Tages hat man ihn in zwei gleiche Teile geschnitten, für uns undenkbar“, erzählt Minkenberg. „Das Stück, das wir zeigen können, kommt aus Paris.“

Ein wichtiges Objekt ist zudem ein Elfenbeinkästchen: Marc-Antoine Berdolet, erster Bischof des von Kaiser Napoleon Bonaparte 1802 gegründeten Bistums Aachen, hat die Kostbarkeit Napoleons Gemahlin Josefine beim Aachen-Besuch 1804 als kleine Aufmerksamkeit überreicht...

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