Lüttich - Ein Jahr nach der Explosion nichts als Trümmer

Ein Jahr nach der Explosion nichts als Trümmer

Von: Nadine Preller
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Melanie Cüpper am Ort der Explosion im Stadtviertel Léopold in Lüttich. 14 Menschen kamen dort vor einem Jahr ums Leben. Foto: Harald Krömer

Lüttich. Etwas abgekämpft kommt Melanie Cüpper in das „Café Euro” in der Rue Léopold. Aus ihren roten Haaren streicht sie noch schnell ein paar Farbreste. „Komme gerade vom Streichen”, sagt die 41-Jährige, holt tief Luft und fügt schon etwas ruhiger hinzu: „Ja, so langsam geht es endlich bergauf.”

So langsam - damit meint Cüpper nach einem Jahr. Vor genau zwölf Monaten nämlich blickte die Frau noch in einen tiefen Abgrund. Ihr Leben: ein Trümmerhaufen.

Am 27. Januar 2010 erschüttert eine Explosion das Stadtviertel Léopold in Lüttich. Undichte Gasleitungen in der Rue Léopold sind der Grund. Die Folgen: Zwei Häuser stürzen bis auf die Grundmauern ein, 14 Menschen kommen ums Leben. Unzählige sind verletzt, 500 Anwohner über Nacht mit einem Schlag obdachlos. Melanie Cüpper ist eine von ihnen.

„So gegen kurz vor zwei hörte ich einen lauten Knall”, erinnert sich die 41-Jährige heute, die damals direkt am Unglücksort in der Rue de la Madelaine wohnte und inzwischen die Renovierung ihrer Wohnung selbst in die Hand genommen hat. „Mit einem Mal zerbarsten die Fensterscheiben, das Dach wackelte, es war ein unheimlicher Lärm.” Augenzeugen berichten nachher, dass die Druckwelle im Umkreis von mehreren 100 Metern zu spüren war.

In Panik springt Cüpper aus dem Bett, packt ein paar Sachen, Jacke, Portemonnaie und Schuhe - dann rennt sie raus auf die Straße. „Der dunkle Nachthimmel war von einem gelb-roten Flammenmeer erleuchtet, dichte Staubwolken hingen in der Luft, durch die Straßen rannten überall panische Menschen.”

Der Staub hat sich heute gelegt, die Flammen sind gelöscht. Aber in der Häuserzeile, dort, wo das Zentrum der Explosion war, klafft noch immer eine große Lücke. Gelbe Baustützen halten die benachbarten Wohnungen in der Senkrechten, hier lebt schon lange keiner mehr. Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus blicken Passanten in verwahrloste, schwarz-verrußte Zimmer. Hier und da erkennen sie die Reste von Regalen, Heizkörpern, kaputten Türen. Ein paar zerfledderte Vorhänge flattern durch die scheibenlosen Fenster einsam im Wind.

Cüpper macht der Anblick wütend: „Hier hat sich seit Monaten nichts getan. Das ist eine Schande. Die Häuser kann man allesamt abreißen.” Wahrscheinlich behält die Frau recht. „Bevor die Menschen zurückkehren können, überprüfen wir Gasleitungen, Elektrizität und Kamine”, heißt es aus dem Büro des Lütticher Bürgermeisters Willy Demeyer. „Diese Prüfung hält bis heute an. 18 der direkt anliegenden Wohnungen können noch immer nicht bezogen werden. Einige sollen in den nächsten zwei Jahren renoviert werden. Für die anderen besteht wenig Aussicht.”

Monatelang regnet es rein

Cüpper will sich nicht länger auf die Stadt verlassen. „Der Putz bröckelt mir von der Decke, die Tapete blättert ab. Alles ist feucht, da hat es Monate reingeregnet und geschneit”, sagt sie. Sie durfte erst ein halbes Jahr nach der Explosion wieder in ihre Wohnung.

Ein Hotelzimmer war - wie bei vielen der anderen 500 Obdachlosen - in dieser Zeit ihre Bleibe. Andere kamen in Sozialwohnungen unter. Derweil zieht es in deren eigenen Häusern durch die kaputten Fenster, Tauben machen es sich in den Räumlichkeiten gemütlich.

Die Stiftung „Solidarité Sinistrés Lige” sammelte rund 170.000 Euro Spenden, übernahm etwa Kosten für Hotelübernachtungen sowie die medizinische und psychologische Versorgung. Engagierte Bürger verteilten vor Ort wochenlang Decken und Essen. Auch Cüpper gründete mit Nachbarn den „Verband der Geschäftsleute und Einwohner des Stadtviertels Léopold”.

Bis heute gibt es Solidaritätsfeste, man hilft sich gegenseitig. Doch von der Stadt vermisst Cüpper bis heute die Unterstützung. Und sie will endlich wissen, was mit der Trümmerfläche geschieht. Das Büro des Bürgermeisters sagt hierzu, der Stadt fehle das nötige Geld. Es sei unklar, wann mit den Arbeiten begonnen werden könne.

Heute, am Jahrestag, will die Stadt eine Edelstahl-Gedenkschale am Unglücksort aufstellen. Cüpper wird nicht kommen. Sie wird weiter ihre Wohnung streichen, den Nachbarn helfen, Kisten schleppen, fegen und putzen.
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