Aachen - Ein internationales Festival des Dialogs

Ein internationales Festival des Dialogs

Von: Sabine Rother
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Gemeinsam etwas tun: Bei der Euriade treffen Jugendliche aus aller Welt zusammen – inzwischen seit 40 Jahren. Foto: Elena Lukyanova
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Gewachsen wie der Olivenbaum: Vor 40 Jahren hat Werner Janssen das Festival Euriade gegründet. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Heinrich Böll war vor genau 40 Jahren Pate einer Initiative, deren Ausmaß und Lebensdauer nur einer ahnte: Werner Janssen. Der Pädagoge, Philosoph, Visionär und leidenschaftlicher Rennradfahrer, hatte sich Großes vorgenommen, als er die Euriade 1977 als Plattform gründete, auf der sich zunächst lediglich junge Menschen aus den Niederlanden und Deutschland begegnen konnten und dabei ein gemeinsames spannendes Thema hatten – wie eine Diskussion mit Böll.

Mit dem Schriftsteller verband Janssen eine tiefe Freundschaft, seit er über ihn seine Dissertationsarbeit an der RWTH Aachen verfasst hatte.

Bald schon war das Internationale Kultur- und Wissenschaftsfestival Euriade, wie es zunächst hieß, ein Ort, an dem sich Jugendliche aus der ganzen Welt trafen und der Dialog gepflegt wurde, der aktive Abbau von Vorurteilen im Zusammenleben auf Zeit stattfand. „Ich bin zwar in Mönchengladbach geboren, aber in Kerkrade und Heerlen aufgewachsen“, erinnert sich Janssen an eine Zeit, in der er mit seiner doppelten Staatsangehörigkeit von beiden Seiten misstrauisch beäugt wurde. „Als Kind war das manchmal schlimm“, erzählt er. „Man fühlt sich zerrissen, wenn man das erlebt. Dagegen wollte ich etwas tun.“ Sich einmischen, Konflikte nicht unter den Teppich kehren – Ziele, die seine Arbeit bis heute prägen.

Dabei ist er – im besten Sinne – ein Getriebener, einer, für den es immer weitergehen muss, der permanent Ideen entwickelt und bei Kooperationspartnern ein „Nein“ kaum akzeptiert. So entwickelte sich die Euriade. Parallel zum Jugendprogramm, das weiterhin in Deutschland und den Niederlanden stattfindet, wird seit 2002 während des Festivals die Martin- Buber-Plakette verliehen. Janssen ist Vorsitzender des Kuratoriums, das über die Preisträger entscheidet.

Sie alle müssen eine Qualität beweisen: Menschlichkeit, Respekt vor der Schöpfung. „Ohne den Dialog mit der Jugend geht es nicht“, betont Janssen. „Wer das nicht will, erhält die Plakette nicht – den Fall hatten wir sogar schon.“ Der einstige Bundeskanzler Helmut Schmidt war der erste Träger der Plakette. Ob Schauspieler Karlheinz Böhm, der eine Hilfsorganisation für die Hungernden in Äthiopien gegründet hatte, Michail Gorbatschow oder Hermann van Veen, Königin Silvia von Schweden oder Peter Maffay – sie alle fühlten sich der Erkenntnis des Philosophen Martin Buber verbunden: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Ein Tag bei der Lebenshilfe

Janssen: „Wir müssen Verbundenheit verwirklichen, genau das erfahren die Schüler, die zur Euriade anreisen.“ So gehört ein Arbeitstag in den Werkstätten der Lebenshilfe Aachen zum Programm. „Die Jugendlichen sind verändert nach so einem Erlebnis“, berichtet Janssen.

Inzwischen gibt es ein eingespieltes Euriade-Team, das für die Gestaltung der Programme sorgt, dabei hat sich das Ziel des Festivals in 40 Jahren nicht verändert: Menschlichkeit umsetzen, einander auf Augenhöhe begegnen, sich für Notleidende einsetzen. So haben zwei ehemalige Teilnehmerinnen inzwischen in Südamerika eine Hilfsorganisation für Straßenkinder gegründet. Mit rund 100.000 Euro – vielfach Sponsorengelder – kann sich die Euriade auf einen soliden Etat stützen. „Ein großes Glück“, sagt Janssen. „Wir mussten zu Anfang mit sehr wenig Geld wirtschaften.“ Gar nicht so selten melden sich bei ihm Ehemalige, die mit Gleichaltrigen in einer der Euriade-Jugendherbergen gewohnt haben. Dort beginnt auch heute noch das Festival der neuen Erfahrungen, dort werden die Nationalitäten bewusst gemischt. „Im gemeinsamen Quartier kommen ein Pole, ein Ukrainer und ein Russe sehr leicht ins Gespräch, werden Gräben aktiv überwunden“, meint Janssen.

Wachstum

Euriade bedeutet Wachstum. Zwölf Jahre lang bestand das Musikfestival AmadéO unter der Leitung des Pianisten Andreas Frölich, Professor an der Musikhochschule in Aachen. Der „Prix Amadéo de Piano“ wird weiterhin vergeben, „Jugend im Dialog“ ist das Herzstück der Euriade. Janssen unterrichtet nach einem Lehrauftrag an der RWTH für Germanistik und Philosophie unter anderem an der Universität Moskau. Und er schreibt – Bücher, Gedichte unter dem Pseudonym Heinz Hof, Texte zu seinen Ideen, die er im Rahmen der Euriade umsetzen möchte – etwa zum Zusammenwirken von Kunst und Spiel im Leben der Menschen oder über das Wesen von „Humanik“ – einer Wortneuschöpfung für menschliches Miteinander.

Und immer wieder die Botschaft seines internatonalen Festivals des Dialogs, wie er die Euriade heute nennt: „Wir müssen handeln, wenn wir Ungerechtigkeit sehen. Menschen, die nicht wahrgenommen werden, verblassen und verschwinden.

In 40 Jahren keine Rückschläge? „Natürlich gab es das auch, aber Enttäuschungen motivieren mich“, sagt Janssen. Die Jugend habe sich seit 1977 deutlich verändert, sei unruhiger geworden. Dialog? Für viele ein nahezu unbekannter Begriff. Deshalb werden etwa die Mobiltelefone beim Start einer Euriade eingesammelt, achtet man darauf, dass sich keine „Clübchen“ bilden, sondern an den Esstischen neue Gemeinschaften entstehen. „Ich fordere oft dazu auf, innezuhalten, der Ruhe nachzuspüren“, berichtet der Euriade-Gründer. Längst ist auch der Umgang mit dem Fremden und die Begegnung mit Flüchtlingen Thema des Festivals.

Werner Janssen macht weiter, schreibt neue Bücher, deklamiert manchmal vom Rennrad aus gegen den Wind Passagen aus Goethes „Faust“, ein Werk, das ihn sein Leben lang begleitet. Ein Suchender wie Faust ist auch er.

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