Ein Gefühl von Flüchtlingsheim im Freilichtmuseum

Von: Gudrun Klinkhammer
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Museumsstück: Der Container, in dem die Gemeinde Titz von 1992 bis 2012 Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht hat, ist jetzt im Freilichtmuseum Kommern ausgestellt. Dessen Bauhistoriker Carsten Vorwig hat das Projekt betreut. Foto: Gudrun Klinkhammer

Titz/Mechernich. Die Tür des Containers geht auf, ein karger Flur mit PVC-Boden in Parkettoptik, von diesem Flur aus gehen nach links mehrere Räume ab. In der linken Ecke eines dieser schlauchartigen Räume steht ein leeres Bett. Es gibt noch weitere Betten in dem Raum, drei Etagenbetten, sie sind sogar noch bezogen.

Ein beklemmendes Gefühl, diesen Container heute zu betreten, denn zwischen 1992 und 2012 stand er in Titz-Opherten. Einige der Flüchtlinge, die in dieser Zeit nach Titz kamen, lebten in diesem Container.

Carsten Vorwig ist seit über einem Jahrzehnt Bauhistoriker im Freilichtmuseum in Mechernich-Kommern, in dem genau dieser Container heute ausgestellt ist. Vorwig und die Museumsmitarbeiter haben den Container museal aufbereitet. Besucher, die die aneinandergereihten und durch eben einen Flurtrakt verbundenen Container betreten, bekommen so ein Gefühl von Flüchtlingsheimen, vom Leben eines Asylbewerbers. Vorwig zeigt auf die im Container ausgestellte Fotos von Flüchtlingslagern in Ländern, in denen Menschen verfolgt werden. Spätestens dann wird klar: Es gibt noch viel schlimmere Flüchtlingsunterkünfte als den Titzer Container.

Bei Flüchtlingen geht es nicht um Komfort, sondern ums Überleben. Wie viele Flüchtlinge von 1992 bis 2012 in dem Container lebten, sagte die Gemeinde Titz dem Bauhistoriker nicht. In fünf Zimmern und einem Sanitärcontainer wurden in den ersten beiden Jahren Frauen und Männer gemeinsam untergebracht. „Diese Art der Unterbringung wurde allerdings nach zwei Jahren beendet“, sagt Vorwig, Frauen und Familien erhielten fortan Unterkünfte in feststehenden Gebäuden. Im Container lebten Männer, die ohne Familie unterwegs waren.

Generell wurde keine Rücksicht auf die Herkunft der Asylbewerber genommen. Bewohner aus 15 Nationen sollen zeitweilig in Titz-Opherten gelebt haben. Dort standen auch die Betten von zwei Männern genau nebeneinander, deren Länder verfeindet waren und die gegeneinander Krieg führten.

„Doch die Männer wussten mit der Situation umzugehen und übertrugen den Zwist ihrer Länder nicht auf ihr eigenes Dasein, sondern schlossen Freundschaft und halten noch heute Kontakt“, sagt Vorwig. Ebenfalls sehr berührend ist die Geschichte von Kawa Abbas, der mehr als zwölf Jahre lang in einem der Containerzimmer lebte, zunächst gemeinsam mit drei weiteren Mitbewohnern, später allein.

Die Schatten des vierten Raumes

Im ersten Raum installierten die Museumsverantwortlichen eine Skulptur hinter Glas, die die Fundstücke zeigt, die im Container gefunden wurden, nachdem 2012 der letzte Flüchtling ausgezogen war. Zudem wird in einem Film die Geschichte der Anlage zusammengefasst. Der zweite Raum ist mit Originalstücken von 1992 eingerichtet. Sogar die Schuhe, die an einer Wand fein säuberlich aufgereiht stehen, stammen aus dieser Zeit und sind von Titz-Opherten ins Freilichtmuseum überführt worden.

Das dritte Zimmer beinhaltet die Besitztümer von Kawa Abbas, der ab 2008 einen eigenen Container einrichten durfte, nachdem die Flüchtlingsströme deutlich nachgelassen hatten: Herd, Kühlschrank, Geschirr, Gardinen, Sofadecke – alles original. Der vierte Raum bietet den Besuchern die Möglichkeit, auf einem Flüchtlingsbett Platz zu nehmen und ein Gefühl für die Enge zu entwickeln. Drei mit Schattenrissen dargestellte Menschen bevölkern dieses Zimmer dauerhaft. Im fünften Raum befindet sich eine Fotoausstellung: Die Bilder, die Asylcontainer im Jahr 1994 und deren Bewohner auf unverschleierte Weise zeigen, machte der Fotokünstler Martin Rosswog.

Die museale Containeranlage wird seit Herbst 2014 ausgestellt. Carsten Vorwig rechnet damit, dass die Anlage in der fünften Baugruppe in den kommenden Monaten aufgrund der aktuell wieder deutlich steigenden Flüchtlingsströme zunehmend an Beachtung gewinnt. Es ist allerdings nicht so, dass mit dem Transport ins Museum die Geschichte der Flüchtlingscontainer in Deutschland auserzählt wäre: In Geilenkirchen, am Bahnhof, steht auch ein solcher Container. Bis heute werden dort immer noch Flüchtlinge untergebracht.

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