Ein Friedenspreis für die Unbeugsamen

Von: Christina Handschuhmacher
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Zwei Initiativen, die bei ihrem Einsatz für den Frieden viel Widerstand in Kauf nehmen: Esra Mungan (Mitte) und Çetin Gürer (links) nahmen den Friedenspreis stellvertretend für das Komitee türkischer Wissenschaftler für den Frieden entgegen. Helmut Adolf (rechts) vertrat die Bürgerinitiative Offene Heide. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. 40 Tage lang saß Esra Mungan bereits im Gefängnis. Nachdem sich der Vorwurf der Terrorismus-Unterstützung nicht erhärten ließ, wurde die türkische Wissenschaftlerin vorläufig aus der Untersuchungshaft entlassen. Aber der Prozess gegen die Dozentin der staatlichen Bogaziçi-Universität in Istanbul und drei weitere Angeklagte wird am 27. September fortgesetzt.

Ihr Vergehen in den Augen des Staates: Mungan hat den Friedensappell der türkischen Initiative „Wissenschaftler für den Frieden“ mitinitiiert und unterzeichnet.

Entlassungen und Berufsverbote

Im Januar dieses Jahres forderten 1128 türkische Wissenschaftler die Regierung in einem offenen Brief auf, den Militäreinsatz in den kurdischen Gebieten zu beenden und die Verhandlungen für einen Friedensprozess wieder aufzunehmen. Die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan wertete das als Unterstützung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und ging mit aller Härte gegen die Akademiker vor: Entlassungen, Diffamierungen und Berufsverbote waren die Folge. Vier Aktivisten kamen in Haft, darunter Mungan.

Am Donnerstagabend wurde die Initiative türkischer Wissenschaftler in der Aula Carolina mit dem Aachener Friedenspreis für ihr Engagement ausgezeichnet. Esra Mungan und ein Dutzend weiterer Unterzeichner des Aufrufs nahmen die Auszeichnung stellvertretend für das Komitee entgegen. Außerdem ging der Preis an die Bürgerinitiative Offene Heide aus Sachsen-Anhalt, die seit 23 Jahren gegen die militärische Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide bei Magdeburg und das dortige Nato- und Bundeswehr-Gefechtsübungszentrum Altmark protestiert.

Die kurdische Bevölkerung der Türkei sei seit Jahren von Verfolgung, Verhaftung und Verboten der kurdischen Sprache und Kultur betroffen, sagte Ralf Woelk, Vorsitzender des Vereins Aachener Friedenspreis, am Donnestag bei der Preisverleihung. Erdogan führe im Südosten des Landes einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Die Initiative der türkischen Wissenschaftler für den Frieden stelle sich dieser „faschistoiden Politik und Verfolgung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei“ entgegen, sagte Woelk. Ebenso wie der Laudator des Abends, Journalist und Chefredakteur des ARD-Politmagazins „Monitor“, Georg Restle, beklagte ­Woelk, dass die Kurden einerseits mit Waffen unterstützt worden seien, um den Islamischen Staat (IS) in Syrien zurückzuschlagen, nun aber andererseits keinerlei internationale Unterstützung erhielten, während sie „von der türkischen Armee überfallen werden“.

In der Türkei herrsche bereits seit längerem eine Atmosphäre des Krieges, sagte Esra Mungan. Selbstmordattentate des IS, Krieg gegen die eigene Bevölkerung im Südosten des Landes, Ausgangssperren. „Aus ethischen Gründen mussten wir etwas tun.“ Nach der Veröffentlichung des Appells habe eine „Hexenjagd“ gegen die Unterzeichner begonnen: Kündigungen, Berufsverbote, Diffamierung, Ermittlungsverfahren, Ausreiseverbote. Aber ihr Komitee habe zeitgleich auch eine große Welle der internationalen Solidarität erfahren, schildert Çetin Gürer. Der Dozent für Soziologie hat wegen der Unterzeichnung des Friedensappells seine Anstellung an einer privaten Universität in Istanbul verloren – wie viele Kollegen.

Der gescheiterte Militärputsch vom 15. Juli habe die Situation in der Türkei noch verschlimmert, sagen Mungan und Gürer. Nun würden alle konträren Meinungen, alle regierungskritischen Initiativen in die Nähe zu den Putschisten gerückt, um sie mundtot zu machen. „Erdogan nutzt den Putsch, um einen autoritären Staat ohne Widerstand zu errichten“, sagt Gürer, der derzeit mit einem Stipendium an einer deutschen Universität forscht und vorerst nicht in die Türkei zurückkehren will. Mungan wird nach Istanbul zurückkehren und sich ihrem Prozess stellen. Für die 48-Jährige steht fest:„Die Forderung nach Frieden ist kein Verbrechen.“

Diesen Satz würden wohl auch die Unterstützer der Bürgerinitiative Offene Heide aus Sachsen-Anhalt unterschreiben. Seit 1993 setzt sich die Initiative mit einem Protestmarsch an jedem ersten Sonntag im Monat und weiteren Aktionen dafür ein, dass die Colbitz-Letzlinger Heide nach sieben Jahrzehnten militärischer Nutzung als Truppenübungsplatz ein „Lernort für die Versöhnung mit der Natur und Frieden zwischen den Völkern“ wird. Die Landschaft werde durch das dortige Gefechtsübungszentrum „militärisch missbraucht“, sagte Helmut Adolf von der Bürgerinitiative am Donnerstag.

Da die Demonstranten militärisches Sperrgebiet betreten, gehen die Aktionen oft mit Bußgeldbescheiden und Gerichtsverfahren einher. Aber sie lassen sich nicht aufhalten und sehen gerade mit Blick auf die aktuelle Diskussion um den Einsatz der Bundeswehr im Inneren weiter Bedarf für ihre Aktionen. „Dieser Einsatz ist unfassbar wichtig. Denn der Grundsatz, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen soll, wird derzeit nicht nur vergessen, sondern konterkariert“, würdigte Anni Pott vom Verein Aachener Friedenspreis die Preisträger.

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