Aachen - Ein Film, dessen Ausgang noch offen ist

Ein Film, dessen Ausgang noch offen ist

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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„Es soll ein poetischer Film sein, der Menschen berührt“: Noch bis Anfang 2016 will Andres Rump vier junge Flüchtlinge begleiten. Foto: Andreas Herrmann
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Zwei der Protagonisten der Langzeitdoku „Lampedusa, Lichtenbusch“: Boubacca (16/l.) aus Guinea und Biran (16) aus Gambia. Foto: Andres Rump

Aachen. Birans Stimme klingt gefasst, als er erzählt, wie er den tödlichen Wall erstürmt hat. Den dreifachen Zaun, sechs Meter hoch, in einer Gruppe mit ein paar hundert Flüchtlingen. „Die Gemeinschaft hört dort auf“, sagt der westafrikanische Junge.

Jeder kämpft für sich gegen den Draht aus lauter kleinen Klingen. Viele verletzen sich oder sterben beim Versuch, den Grenzzaun zwischen Marokko und Melilla zu überwinden.

„Es ist eine Glückssache“, meint Biran. Der 15-Jährige hatte Glück. Das Gummigeschoss eines spanischen Polizisten streift ihn nur, er erreicht ein Flüchtlingslager. Biran hat die Festung Europa erklommen und ist angekommen – in Aachen. Der mittlerweile 16-Jährige aus Gambia ist einer von vier jugendlichen Flüchtlingen, die der Aachener Filmemacher Andres Rump für seine Langzeitdokumentation ausgewählt hat.

Biran, Boubacca (16) aus Guinea, Nasratullah (18) aus Afghanistan und Samia (17) aus Eritrea haben aus den unterschiedlichsten Gründen Heimat und Familie verlassen. Sie flohen vor Bürgerkrieg, Taliban-Terror, drohendem Kriegsdienst, politischer Verfolgung oder einem Leben ohne Perspektive.

Jeder hat die schrecklichen Nachrichten-Bilder im Kopf: Flüchtlinge krallen sich in den Grenzzaun der spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla oder treiben im Mittelmeer vor Lampedusa. Andres Rump will „die Menschen aus der Anonymität der Medienbilder herausholen“. Wenn er Birans Erzählung an seinem Laptop vorspielt, bleibt der Bildschirm derzeit aber noch schwarz.

„Es ist noch ein Hörspiel mit Untertiteln“, sagt der 44-Jährige. Bisher hat er vor allem Tonaufzeichnungen gemacht. Alle zwei Wochen trifft er seine Protagonisten: In ein eigens konstruiertes Mikrofon, das sie selbst in der Hand halten, erzählen sie Geschichten von sich, von ihrer Kindheit und Jugend, vom Alltag in ihrem Land. Sie sprechen die Monologe in ihrer Muttersprache Paschtu, Fula oder Tigré, ein Dolmetscher übersetzt sie für Rump. Er möchte den technischen Aufwand in diesen intimen Situationen minimal halten. „Ich bin Produzent, Kameramann, Autor – alles in einer Person.“ Sein Ziel: „größtmögliche Ungestörtheit, Authentizität“.

Seine Recherche in Aachener Flüchtlingsunterkünften begann Rump Ende 2013. Monatelang habe er ein Vertrauensverhältnis zu den drei Jungs und dem Mädchen aufgebaut – auch mit Hilfe einer Traumatherapeutin. „Mich beeindruckt ihre große Offenheit“, sagt Rump – und betont gleichzeitig: „Ich möchte niemandem zu nahe treten!“ Er wolle keine Befangenheit oder Beklommenheit abbilden. Es sei aber auch befreiend für sie, schlimme Erlebnisse auszusprechen.

Der Filmemacher begleitet die vier zur Schule, in die Moschee, ins Möbelhaus, zum Fußballtraining. Seine Kamera hat er bisher aber nur selten ausgepackt. Noch bis Anfang 2016 sollen die Dreharbeiten laufen.

Die Dramatik der Flucht interessiert Rump also weniger – auch wenn der Arbeitstitel „Lampedusa, Lichtenbusch“ das vielleicht nahe legt. Über die Insel Lampedusa hat die Flucht der vier gar nicht geführt, aber am Ende ihrer Odyssee sind sie alle an der deutsch-belgischen Grenze in Lichtenbusch von der Bundespolizei aus einem Bus geholt worden. Bis zu ihrer Volljährigkeit genießen sie einen besonderen Schutz und werden vom Aachener Jugendamt betreut. 413 sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben zurzeit in Aachen, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.

Lange Recherche, ruhig im Stil

Durch einen Freund, der eine Einrichtung für traumatisierte Kinder leitet, ist ihm das Problem bewusst geworden, erzählt Rump. Bei Dreharbeiten habe er auch die Anfänge des Bürgerkriegs in Syrien erlebt, aber er wollte sich dem Thema „vor der eigenen Haustür“ nähern. Man dürfe aber keinen „Reportage-Film, wie man ihn im WDR sieht“, erwarten, sagt Rump. Er versteht sich als Autoren-Dokumentarfilmer. So was entdeckt man höchstens manchmal nachts auf Arte. Also: journalistischer Hintergrund, aber künstlerischer Anspruch.

„Man könnte die politische Brisanz sicherlich stärker ausschlachten“, weiß Rump und verweist auf seinen Film „Scheich Ibrahim – Bruder Jihad“ über die Freundschaft zwischen zwei Geistlichen verschiedener Religionen. Da habe ein 3sat-Redakteur auch moniert: zu wenig politische Brisanz, zu wenig Bomben. „Aber mich interessiert das menschliche Miteinander“, sagt Rump. Da könne ein Gespräch zwischen Sufi und Mönch eben auch mal zwölf Minuten ohne fernsehgerechte Schnitte verfolgt werden.

Auch jetzt gilt: „Der Film nimmt sich sehr viel Zeit.“ Mit langer Recherche, ruhigen Bildeinstellungen. „Es soll ein poetischer Film sein, der Menschen berührt“ – aber auch ein politisches Statement: „gegen das Klischee der Wirtschaftsflüchtlinge, die nur profitieren wollen“. Rump will zeigen, „was für einen Mut junge Menschen aufbringen“, „was für einen Reichtum an Kultur sie mitbringen“. Eben auch die positiven Aspekte ihrer Flucht.

Positive Erfahrungen hat der Filmemacher bei seiner Arbeit bisher gemacht: Er erkennt eine „gewisse Toleranz“ in Aachen, vor allem aber einen „guten Geist“ und „beeindruckendes Engagement“ bei den Menschen, die sich für die jungen Flüchtlinge einsetzen.

Bei Form und Verlauf des Films „ist noch relativ viel offen“. Die Dramaturgie wird das Leben mitschreiben. Nasratullah aus Afghanistan ist in Aachen bereits volljährig geworden, ihm wurde Asyl gewährt. Für die drei anderen bleibt die drängende Frage noch offen: Was passiert, wenn sie 18 sind? Hierbleiben oder Abschiebung?

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