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Ein Feuer, das auch ein Stück Zukunft zerstört

Von: Heiner Hautermans, Thomas Thelen und Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Ein unübersehbarer Rückschlag für das Werkzeugmaschinenlabor der RWTH: Die große Versuchshalle am Rande des Campus Melaten (im Hintergrund das Uniklinikum) ist niedergebrannt, der Schaden wird in ersten Schätzungen mit 50 Millionen Euro beziffert. Versuchsaufbauten von laufenden Forschungsprojekten sind vollkommen zerstört worden. Foto: Your-Aerial-Pic

Aachen. „Wir waren heute Nacht den Tränen nahe, das war so fürchterlich“, ist Professor Günther Schuh, der geschäftsführende Direktor des Werkzeugmaschinenlabors (WZL), gegen 10.30 Uhr noch sichtlich von der Nacht gezeichnet.

Mehrfach ist er nach dem Ausbruch des Feuers zur Steinbachstraße am Campus Melaten gefahren und hat mitbekommen, wie ein großer Teil der Halle, die zu zwei Drittel vom WZL genutzt wird, den Flammen zum Opfer gefallen ist. Dennoch lobt er die Arbeit der Brandbekämpfer über alle Maßen: „Was die Feuerwehr geleistet hat, ist großartig. Was sie retten konnte, hat sie gerettet.“ Offenbar sei relativ früh das Dach eingestürzt, so dass die Flammen viel Sauerstoff erhielten. „Die sind von allen vier Seiten grandios bekämpft worden.“

So sei es immerhin gelungen, fast die Hälfte der insgesamt 6000 Quadratmeter großen Halle so zu wässern, dass sie zumindest äußerlich unbeschädigt scheinen, etwa die Lehrwerkstatt, Büroräume und Sozialräume des WZL und die Räume des Instituts für fluidtechnische Antriebe und Steuerungen (IFAS), das etwa ein Drittel des Gebäudes belegt. „Das war ein generalstabsmäßiges Vorgehen.“

IFAS-Chef Professor Hubertus Murrenhoff überprüft mit seinen Mitarbeitern am Vormittag die Versuchsanordnungen, darunter millionenteure Antriebe für Windkraftanlagen und eine in der Welt einmalige Anlage zur Rückgewinnung von Wellenenergie, deren Bestandteile und Fundamente bis in den Keller reichen. „Wir können froh sein, dass der nicht vollgelaufen ist.“ Murrenhoff hofft, dass möglichst rasch ein Notbetrieb aufgenommen werden kann, schließlich hat man auch gemeinsame Messräume mit dem WZL, die hinter der Brandschutzwand zerstört sind. Elektrizität, Heizung und Lüftung sind ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen.

Schlimmer hat es das WZL erwischt, erklärt Professor Schuh. „Eine Herzkammer des WZL ist betroffen, es tut sachlich und emotional weh. Das war der Nukleus des WZL. Es ist ein totales Drama!“ Schuh schätzt den Gesamtschaden auf etwa 50 Millionen Euro, allein die zerstörten Maschinen seien rund 35 Millionen Euro wert. Die Gesamtsumme könne aber durch noch nicht absehbare Folgeschäden noch größer werden.

In dem völlig zerstörten Hallenteil befanden sich vorwiegend Anlagen der Fertigungstechnologie beim Drehen, Bohren und Fräsen: „Die Versuche haben vor allem das Ziel, die Produktivität der Teilefertigung systematisch zu erhöhen.“ Zum Teil handele es sich um ganz neue Maschinen, die von den großen Werkzeugmaschinenherstellern zur Verfügung gestellt würden. Er hoffe jetzt darauf, dass diese Entwicklungspartner in der Not einspringen und neue Maschinen bereitstellen: „Für uns ist das Wichtigste, dass die Versuchsreihen so schnell wie möglich fortgesetzt werden können.“ Man werde sich nach Kräften bemühen, den Ausfallschaden zu begrenzen.

Etwa 120 der 830 WZL-Mitarbeiter seien betroffen, für die aber rasch Ausweichmöglichkeiten gefunden werden sollen.

Auch TH-Kanzler Manfred Nettekoven spricht in einer Pressekonferenz am Nachmittag im Hauptgebäude davon, dass die Hilfsbereitschaft in Aachen und darüber hinaus sehr groß sei: „Es gibt einen großen Willen, dass es rasch weitergeht.“ Rektor Professor Ernst Schmachtenberg bezeichnete das Feuer als einen Rückschlag für eine der großartigsten Forschungseinrichtungen in Deutschland: „Wir raufen uns die Haare, aber wir hoffen, dass der Schaden für die Forschung reparierbar ist.“

Professor Fritz Klocke vom Lehrstuhl für Technologie der Fertigungsverfahren deutete an, dass es Verzögerungen geben werde, aber alle Versuche sollten zu Ende gefahren werden: „Alle stehen bereit zu helfen.“

Wer einmal in der nun großflächig zerstörten Versuchshalle war, der hat eine Ahnung, wie das WZL aufgestellt ist und welche Werte hier höchstwahrscheinlich verloren gegangen sind: Roboter setzten hier in der Vergangenheit in groß angelegten Versuchsreihen Windschutzscheiben auf Lastwagenführerhäuser – während die sich bewegen. Und das mit einer unfassbaren Präzision.

Es geht um die Zukunft der Produktion, um Lastwagen genauso wie um Flugzeuge. Die Liste der Industriepartner ist lang, das WZL als Forschungspartner gefragt. Aktuellen Megathemen wie Industrie 4.0 werden hier behandelt. Schon vor zwei Jahren stand das viel beachtete Werkzeugmaschinen-Kolloquium des WZL mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie im Zeichen dieser Industrie 4.0. Mit dem selbstbewussten Zusatz: Aachener Perspektiven. Nun sind die Aussichten insgesamt eingetrübt.

Umgehende Hilfe stellt das Land Nordrhein-Westfalen in Aussicht. Thomas Grünewald, Staatssekretär des Wissenschaftsministeriums, macht sich vor Ort ein Bild von den verheerenden Folgen des Brandes. „Natürlich werden wir tun, was wir tun können“, erklärt er unserer Zeitung. Das Problem: Für ein solches Szenario gibt es keine vergleichbaren Erfahrungen. Grünewald spricht von einer „großen Katastrophe“, die es so an NRWs Hochschulen wohl noch nicht gegeben habe.

Wie eine schnelle Hilfe am Ende aussehen kann, lässt sich gestern nicht konkreter fassen. Grünewald betont aber: „Die Wiederherstellung der Gebäude und Anlagen wird nicht am Geld scheitern. Um die Mittel werden wir uns kümmern, soweit wir das können.“ In einem ersten Gespräch mit dem Rektorat sichert Grünewald zu, dass das Land finanzielle Hilfe für entsprechende Notfall- und Überbrückungsmaßnahmen bereitstellen wird.

Möglicherweise wird an derselben Stelle ein neues Gebäude errichtet. Zunächst solle aber die Statik der stehengebliebenen Gebäudeteile geprüft und untersucht werden, wie hoch die Schäden durch Löschwasser sind: „Wir brauchen nicht nur diesen Platz wieder sondern noch mehr, die Fertigungstechnik ist die Edelzunft im WZL“, sagt Günther Schuh.

„Ich glaube nicht, dass das Geld sondern viel mehr die Zeit das zentrale Problem darstellt. Sie sollte unsere Hauptsorge sein. Wir müssen sehen, wie wir die Nachwuchswissenschaftler, Promotionsstudenten, Professoren, Industriepartner und alle anderen Beteiligten schnell in die Lage versetzen, ihre Kooperationsprojekte möglichst unbeeinflusst fortzuführen“, sagt er weiter. Über das Wie müsse nun gesprochen werden. Schnell.

Manifestierte wissenschaftliche Ergebnisse im großen Stil scheinen nicht verloren gegangen zu sein. In dem Gebäude befanden sich zwar auch Teile eines Rechenzentrums, die andere Hälfte aber befindet sich in einem angrenzenden Gebäude mit einer Datenspiegelung, so dass wahrscheinlich nur Daten seit der letzten Sicherung am Dienstag verloren gegangen sind. Auch die Homepage des WZL war gestern lahm gelegt.

Wer die Ausmaße des Schadens wie Grünewald und Schuh mit eigenen Augen sieht, dem fällt es schwer, sich vorzustellen, dass an dieser Stelle wieder Alltag einkehren, zur wissenschaftlichen Tagesordnung übergegangen werden kann. Nach diesem Flammenmeer, das in der Nacht an der Steinbachstraße wütete. Feuerwehrchef Jürgen Wolff sagt, dass rasch klar gewesen sei, dass es sich um ein nicht alltägliches Szenario handele und es eine hohe Brandintensität und Ausbreitungsgeschwindigkeit gegeben habe, gefördert auch durch starke Winde auf der Anhöhe, auf der die Halle liegt. Zur Brandursache will er sich aber nicht äußern.

Dutzende TH-Beschäftigte stranden am Morgen vor den Absperrungen. Das Gelände um die weitgehend zerstörte Halle ist weiträumig abgesperrt, auch angrenzende Gebäude sind wegen der Verrauchung nicht zugänglich. „Zutritt wegen Brandschaden verboten“, prangt etwa ein Aushang am Haupteingang der Produktionstechnologie. Flatterbänder mit der Aufschrift „Betreten verboten – Einsturzgefahr“ warnen Mitarbeiter und Studenten der Universität.„Wir sind nach Hause geschickt worden. Es hat keinen Zweck, da läuft nichts mehr, weil teilweise die Infrastruktur zerstört ist“, berichtet ein wissenschaftlicher Mitarbeiter gegen 8.30 Uhr. Ein Vertreter des Baumanagements erklärt den vergeblich angerückten Beschäftigten wenig später, dass wahrscheinlich vor Mittwoch in den betroffenen Gebäuden nicht wieder gearbeitet werden kann.

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