Ein Fall, der einen ganzen Ort in Atem hält

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
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Ist Dorota Galuszka-Granieczny tot? Oder was wurde aus ihr? Die Suche nach der vermissten Frau aus Süsterseel gönnt den Menschen im Ort kaum eine Verschnaufpause. Foto: Roeger
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Dorota Galuszka-Granieczny wird seid dem 18. Oktober vermisst. Ihre Angehörigen haben viele Zettel mit ihrem Foto verteilt und hoffen auf Hinweise auf ihren Verbleib. Foto: Gerhards

Selfkant. In Süsterseel ist es an diesem Nachmittag ruhig. Viel ruhiger als in den vergangenen Wochen. Keine Polizei, keine Spurensicherung, keine Kamerateams. Es regnet. Auf den Straßen ist kaum jemand zu sehen.

Der Ort im Selfkant mit 1600 Einwohnern wirkt verschlafen. So als müsse er sich von all dem Rummel der vergangenen 25 Tage erholen. So lange wird Dorota Galuszka-Granieczny, 29 Jahre alt, bereits vermisst. Ein Besuch in Süsterseel.

Dass Dorota Galuszka-Granieczny noch lebt, scheint auch die Mordkommission nicht mehr zu glauben. Zu lange fehlt jedes Lebenszeichen von der Frau. Seit Anfang dieser Woche sucht die Polizei mit einem Großaufgebot im Wald zwischen Tüddern und Süsterseel nach der Leiche der Frau. Mit einer Hundertschaft, mit Spürhunden, mit Tauchern. Bislang ohne Erfolg. Konkrete Hinweise, dass die Leiche tatsächlich in diesem Waldstück oder in einem der Seen dort liegt, gebe es nicht, sagt Katja Schlenkermann-Pitts, Oberstaatsanwältin und Sprecherin der Staatsanwaltschaft Aachen. Dass die Polizei nun genau dort sucht, habe nur mit „der räumlichen Nähe“ zum Wohnort der vermissten Frau zu tun, sagt Schlenkermann-Pitts.

Spurensicherung findet nichts

Dem Haus an der Annastraße, in dem Dorota Galuszka-Granieczny lebte, sieht man nicht an, ob ihr Ehemann noch darin wohnt. Es brennt kein Licht. Im Garten steht ein Trampolin, das schon bessere Tage gesehen hat. Darauf könnte der siebenjährige Sohn des Ehepaars im Sommer noch gespielt haben. Die Spurensicherung habe in dem Haus nichts gefunden, das darauf hindeutet, dass Dorota Galuszka-Granieczny umgebracht wurde, sagt Schlenkermann-Pitts. Kein Blut, keine anderen Spuren.

Von den wenigen Leuten, die an diesem Tag auf den Straßen Süsterseels unterwegs sind, will kaum einer öffentlich über den Fall sprechen, der den Ort so sehr in Atem hält. Dabei gibt es im Dorf derzeit kaum ein anderes Thema. Überall hängen die Zettel mit dem Bild der vermissten Frau. An Bushaltestellen, an Bäumen, an Straßenlaternen, an Zigarettenautomaten und an einem Briefkasten, der offensichtlich seit Monaten nicht geleert wurde. „Es wird viel darüber geredet“, sagt eine Frau, die Dorota Galuszka-Granieczny flüchtig kenne. Dass sie verschwunden ist, dass sie getötet worden sein könnte, „das ist ein komisches Gefühl. Das belastet die Leute hier sehr“, sagt die Frau. Eine andere Frau sagt, dass sie sich viele Gedanken über den Fall mache. „Wir rätseln alle, was passiert sein könnte. Aber wir wissen ja nichts. Niemand weiß etwas“, sagt sie.

Die vielen Berichte im Fernsehen, in Zeitungen, im Radio verhelfen dem Ort zu einer Bekanntheit, die er so nicht haben wollte. Hat das Dorf jetzt einen schlechten Ruf? „Naja, schön ist das nicht. Aber ich glaube nicht, dass Süsterseel in Verruf gerät. Wir können ja nichts dafür, dass das hier passiert ist“, sagt ein Mann, der in einem der vielen großen, gepflegten Vorgärten, die es in Süsterseel gibt, das heruntergefallene Herbstlaub zusammenträgt.

Der Fall ist wie gemalt für den Boulevard. Dorota Galuszka-Granieczny ist jung, attraktiv und ihre Verwandten und Freunde suchen auf eigene Faust nach der Frau – mit teils skurrilen Methoden. Verschiedene Medien berichteten, dass die Angehörigen eine Hellseherin beauftragten und erst diese Woche riefen sie erneut öffentlich zur Suche im Wald auf. Bekannte der Vermissten sammeln via Facebook seit einigen Tagen Spenden. Sie wollen damit einen Privatdetektiv aus Polen beauftragen, der den Fall lösen soll. Es scheint, als hätten Freunde und Familie keinerlei Vertrauen in die Ermittlungsarbeit der Behörden. Es scheint, als dächten sie nicht darüber nach, was es mit ihnen macht, wenn sie die Leiche tatsächlich irgendwo im Unterholz fänden. Und gleichzeitig schütten sie Boulevardreportern regelmäßig ihr Herz aus. Ein gefundenes Fressen. Gerüchte, Vermutungen, Emotionen.

Fakten sind bislang wenige bekannt. Die Heinsberger Polizei hatte am 21. Oktober bekanntgegeben, dass Dorota Galuszka-Granieczny ihr Haus, in dem sie mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn wohnte, drei Tage zuvor, am 18. Oktober um 23 Uhr, verlassen habe. Das jedenfalls sei die Version, die ihr Ehemann erzählt habe. An dem Abend soll sie hochhackige Schuhe und eine Lederjacke getragen haben. Wenige Tage später wurde eine Mordkommission gegründet. Der Ehemann, der kurzfristig festgenommen worden war, aber mangels dringend und hinreichenden Tatverdachts wieder freigelassen wurde, wird weiterhin beschuldigt, seine Frau umgebracht zu haben. Totschlag lautet der Vorwurf, sagt Schlenkermann-Pitts. Trotzdem werde weiter in alle Richtungen ermittelt.

Viel blumiger sind da schon die Gerüchte, die sich um den Fall ranken. Ihr Ehemann soll der „Bild“-Zeitung erzählt haben, dass Dorota Galuszka-Granieczny ihm an diesem Abend offenbart habe, einen Liebhaber zu haben. Der Ehemann habe sich damit abgefunden, dass sie ihn verlassen wolle, soll er gesagt haben. In einer Kurznachricht an ihre Zwillingsschwester soll Dorota Galuszka-Granieczny aber sinngemäß geschrieben haben, dass ihr Mann Probleme mache, seit sie ihn mit dem Trennungswunsch konfrontiert habe. Und weil die Frau ohne Handy, Brille und ihr Kind gegangen sein soll, werden gleich wieder die nächsten Theorien in Umlauf gebracht.

Hoffen auf den Zufallstreffer

Andere Gerüchte besagen, dass Nachbarn gesehen haben wollen, wie zwei Männer am Abend des Verschwindens vor dem Haus an der Annastraße etwas Schweres in ein Auto geladen haben. Wie groß der Wahrheitsgehalt solcher Gerüchte ist, weiß derzeit niemand.

Ob die Polizei nun einen Zufallstreffer im Wald zwischen Süsterseel und Tüddern landet? Ob die Leiche an einer vollkommen anderen Stelle liegt? Ob es überhaupt eine Leiche gibt? All das ist vollkommen offen.

Nur einer – und jetzt wird es wieder skurril – glaubt zu wissen, wo Dorota Galuszka-Graniecznys Leiche ist. Hellseher Michael Schneider aus Siegburg. Er habe sich das Bild angeschaut. Er sei sich sicher, dass die Frau tot ist. Und die Leiche liege im Wegberger Wald. Er habe bei Vermissten schon oft Recht behalten. Solchen Hinweisen gehe die Staatsanwaltschaft nicht nach, sagt Katja-Schlenkermann-Pitts. „Wir führen die Ermittlungen schon noch selber.“

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