Ein Einsiedler mitten in der Großstadt

Von: Jürgen Schön
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„Mehr-Zimmer-Wochnung” aus Euro-Paletten, Fenstern, Balken, Teerpappe, Liegestühlen, Eisenrahmen, Fliesen: Rolf „Ketan” Tepel hat sich in Köln sein persönliches Paradies geschaffen. Bald muss er weg. Denn dort, wo er jetzt lebt, soll der Ersatz für das eingestürzte Stadtarchiv entstehen. Foto: ddp

Köln. Das persönliche Paradies von Rolf „Ketan” Tepel befindet sich auf einem brachliegenden Grundstück im Schatten des Kölner Gerichtshochhauses. Inmitten der Innenstadt hat sich der Lebenskünstler ein Stück persönlichen Freiraum erobert, ein Idyll auf Zeit, wie er weiß.

Denn demnächst soll hier der Ersatz für das Anfang März 2009 eingestürzte Stadtarchiv entstehen.

Als Tepel vor vier Jahren dieses Grundstück fand, war es von dichtem Brombeer überwachsen, darunter Müll und Schrott. Er rodete es, legte einen Garten an und baute sich Schritt für Schritt seine „Mehr-Zimmer-Wochnung”: zwei Zirkuswagen, zwei Küchen, eine gläserne „Jurte”, eine Werkstatt, ein Wohnzimmer im ersten Stock. Das alles gezimmert aus Euro-Paletten, Fenstern, Balken, Teerpappe, Liegestühlen, Eisenrahmen, Fliesen - alles Sachen, die andere Menschen weggeworfen haben. Eine malerische, auch innen gemütliche Idylle voller Fantasie und Überraschungen.

Der gelebte Traum der 70er

Beim Architektur-Festival „passagen” zählte Tepel im vorigen Jahr über 700 Besucher in seinem ungewöhnlichen Domizil. Der 53-Jährige lebt mit Konsequenz, wovon in den 1970er Jahren viele junge Menschen nur geträumt haben: aussteigen aus dem Trott eines geregelten Arbeitslebens und ein naturnahes Leben leben. Kurz vor dem Abitur schmiss er die Schule, dem Zivildienst folgten fünf Jahre „Studium” der Arbeitswelt in wechselnden Jobs. Dann zog er 13 Jahre lang mit einem Zirkuswagen durch Deutschland, verdiente sein Geld mit der Herstellung von Bleiglasfenstern - „das habe ich von meiner Frau gelernt” - und einem Zelttheater. „Die Arche” hieß das Stück, das er mit Gleichgesinnten aufführte und in dem es um das Überleben in dieser Welt ging.

In seiner Lebensphilosophie beruft er sich auf den Künstler Joseph Beuys und den Schriftsteller Michael Ende. In deren Sinn zog er mit einem „Rollenden Stein” als Friedensbotschaft von der ehemaligen US-Airbase Hahn im Hunsrück zum Truppenübungsplatz in der Ruppiner Heide oder nahm am Wettbewerb um das Denkmal für die Deutsche Einheit teil.

Mit Bürokratie hat er nicht viel am Hut. Lachen kann er über die Absurdität eines Einkommensteuerbescheids: Der belief sich auf 0,00 Euro. Weil ihm der aber persönlich zugestellt wurde - der Briefkasten war wohl gerade zugewachsen - soll er eine Bearbeitungsgebühr von 30 Euro zahlen. Skurril auch die Auflagen, mit dem ihm die Kölner Behörden eine Duldungserlaubnis für das Grundstück erteilten. So wurde ihm das Singen verboten. „Das hat wohl den Unterricht in der benachbarten städtischen Desinfektionsanstalt gestört”, amüsiert sich der Lebenskünstler. Dann durfte er keinen Wagenpark ansiedeln und musste von Strom und Wasser abgeschnitten bleiben.

Einmal erhielt er „zwangsweise” Sozialhilfe und musste in eine Sozialwohnung ziehen - lange gehalten hat ihn das nicht. Er lebt lieber von dem, was er findet, von „unverhofften Zuwendungen” oder von dem, was ihm „nette Menschen” vorbeibringen.

„Ich verursache keine Kosten”, stellt er klar. Inzwischen speist eine kleine Solaranlage einen Akku, Regenwasser wird in Kanistern gesammelt und ein Mäzen zahlt ihm ein Dixi-Klo. Sollte die Stadt mit dem Bau des neuen Archivs beginnen, wird er dem „nicht im Wege stehen” und weiterziehen, denn „das einzig Beständige in dieser Welt ist das Unbeständige”. Sein Motto: „Nach mir das Paradies” und da schwingt doch ein bisschen Hoffnung mit, vielleicht doch etwas länger bleiben zu können. Hat er doch gerade mit dem Bau eines Teichs und einer Bühne für Theater und Konzerte angefangen.
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