Ein Eifel-Städtchen und der Outlet-Wahn

Von: Thorsten Pracht
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Einsamer Kran in der Altstadt:
Einsamer Kran in der Altstadt: Wo heute gebaut wird (eingekreist), sollen schon ab März eine Million Besucher jährlich einkaufen. Noch fehlen Parkplätze, in die Stadt führt von der Autobahn lediglich eine zweispurige Straße. Es regt sich Widerstand. Foto: Tom Steinicke

Aachen. Ihre Namen klingen - mit Verlaub - nach nordrhein-westfälischer Durchschnittsstadt. Wenn überhaupt. Duisburg, Remscheid, Werl, Bad Münstereifel und Ochtrup - wer denkt bei diesen Namen schon an pures Shopping-Erlebnis? Dabei ist es die Aussicht auf ausgedehnte Einkaufsbummel, die diese Standorte verbindet.

Denn hier sind große Factory-Outlet-Center (FOC) in Planung oder wie in Ochtrup bereits im Betrieb. In unserer Region dürften die Shopping-Dörfer im belgischen Maasmechelen und im niederländischen Roermond ein Begriff sein.

Maasmechelen und Roermond

In solchen Zentren wird Markenware häufig mit großen Preisnachlässen angeboten. Was den Kunden freut, ist den umliegenden Einzelhändlern sowie den benachbarten Kommunen indes ein Dorn im Auge. „Ich bin mir sicher, dass der Einzelhandel in Maasmechelen vom Outlet-Center überhaupt nicht profitiert hat”, sagt Manfred Piana, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Aachen-Düren-Köln. Diese Einschätzung teilen sie auch anderswo. So scheiterte die Stadt Gronau jüngst mit einem gerichtlichen Eilverfahren, um den Ausbau des bisher einzigen Outlet-Centers in NRW zu stoppen. Jetzt wird in Ochtrup wieder gebaut und die Verkaufsfläche von 3500 auf 11.500 Quadratmeter erweitert. Sogar 31.000 Quadratmeter sollen es im „Douvil” im Duisburger Norden werden. In Remscheid und Werl werden zumindest 18.000 Quadratmeter angepeilt. Zum Vergleich: Das „Maasmechelen-Village” umfasst 19.700 Quadratmeter, das „Designer-Outlet” Roermond gar mehr als 35.000.

In der Regel liegen die Zentren „auf der grünen Wiese”, meist nahe an der Grenze zur Nachbarkommune. „Städtebaulich ist das mit Sicherheit nicht zu befürworten”, sagt Piana. „Tatsache ist, dass die regionale Gliederung auf den Kopf gestellt werden kann.” Will heißen: Kleinere Städte wie Ochtrup oder Bad Münstereifel werden attraktiver als umliegende Großstädte Münster und Bonn. Genau aus diesem Grund sind in der Vergangenheit viele Vorhaben bereits im Planungsstadium gescheitert. Auch Fritz Rötting, Geschäftsführer der IHK Aachen, stellt klar: „Generell gilt, dass wir die Innenstädte in ihrer Vielfalt stärken wollen.”

Umso spannender ist in diesem Zusammenhang das Projekt „EifelCity-Outlet” in Bad Münstereifel. Denn im Gegensatz zu den übrigen Vorhaben sollen die Kunden hier ab März 2013 mitten in der Innenstadt einkaufen. „Dadurch gibt es keine planerische Handhabe, dem nicht zuzustimmen”, sagt Rötting. Dennoch hat die IHK in einer Stellungnahme Zweifel angemeldet.

In den sogenannten Verträglichkeitsgutachten zu geplanten Outlet-Centern wird deren Attraktivität in der Regel so hoch eingeschätzt, dass der Einfluss auf den Einzelhandel in der unmittelbaren Umgebung dadurch wieder geschmälert wird. Bei einer angenommenen durchschnittlichen Anfahrtszeit von einer Stunde gilt das Motto: Es werden viele geschädigt, aber keiner so richtig. Die wahren Auswirkungen eines FOC werden sich erst im Nachhinein zeigen. Harte Fakten gibt es noch nicht. Auch der IHK Aachen liegen keine Studien zum Einfluss von Maasmechelen oder Roermond auf die Kaufkraft-Entwicklung vor.

In Bad Münstereifel rätselt man derweil, wie das Städtchen mit der zu erwartenden Verdopplung - an Samstagen sogar Verdreifachung - der Verkehrsbelastung fertig werden soll. Zu jährlich einer Million Tagestouristen soll sich ab 2013 eine weitere Million Outlet-Kunden gesellen. So jedenfalls hoffen es die Investoren, die Münstereifeler Geschäftsleute Georg Cruse und Marc Brucherseifer. Deren Ziele sind ehrgeizig: In drei zusätzlichen Parkhäusern, davon eines direkt neben einem Kindergarten, sollen bis März 1000 neue Stellplätze geschaffen werden. Dafür hat der Stadtentwicklungsausschuss Ende Juni die Planfeststellungsverfahren auf den Weg gebracht. Während die örtliche Politik das Projekt wohlwollend unterstützt, formiert sich der Widerstand. „Mit dem Outlet können wir als normaler Einzelhandel nicht konkurrieren”, sagt Rainer Löhr, Mitarbeiter eines Damenmode-Geschäftes im benachbarten Rheinbach, wo die Fäden des Protestes zusammenlaufen. Grund seien die völlig verschiedenen Kostenstrukturen.

„Hier in Rheinbach liegen 30 bis 40 Prozent der Geschäfte knapp an der Rentabilitätsgrenze. Wenn die nur fünf Prozent ihres Umsatzes verlieren, ist das der sichere Tod. Und dann? Wer übernimmt schon ein Geschäft, wenn es im Nachbarort ein riesiges Outlet-Center gibt?” Die Geschäftsleute haben Angst um ihre Existenz und haben der übermächtigen Konkurrenz den Kampf angesagt. Auf die Unterstützung der Münstereifeler Politik, die sich bis vor kurzem vehement gegen das Outlet-Center im nahen Grafschaft gewehrt hatte, werden sie wohl verzichten müssen: „Für die Politiker ist die Gewerbesteuer das einzige Argument. Was danach kommt, interessiert niemanden.”
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