Ein ehrlicher Blick auf die Euregio

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Redner beim Festakt zu 40 Jahren Euregio Maas-Rhein und 25 Jahren Interreg im Krönungssaal in Aachen: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD, links), die künftige Vorsitzende der EMR, Regierungspräsidentin Gisela Walsken, und der bisherige EMR-Vorsitzende Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Foto: Jaspers
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Die Vennbahn ist ein Interreg-Projekt: Der Fernradweg auf der alten Bahntrasse ist zur Hälfte mit EU-Mitteln finanziert worden. Foto: Krömer

Aachen. Festakte dienen üblicherweise dazu, das Erreichte im hellsten Licht erstrahlen zu lassen und jeden Misston und jedes mögliche Problem zumindest an diesem Tag nicht mit in den Festsaal zu tragen. Der Festakt zur Feier von 40 Jahren Kooperationsverbund Euregio Maas-Rhein (EMR) und 25 Jahren Interreg-Förderung am Freitag im Aachener Krönungssaal war überraschend anders.

Er wurde vor allem vom bisherigen EMR-Vorsitzenden Oliver Paasch, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, und von Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp zu einer ungewöhnlich ehrlichen Bestandsaufnahme der grenzüberschreitenden Arbeit genutzt.

Kölns Regierungspräsidentin Gisela Wals­ken, die den EMR-Vorsitz am Freitag turnusmäßig von Paasch übernahm, legte zwar den Schwerpunkt deutlich mehr auf die Stärken und die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit in dieser Grenzregion, verschwieg aber ebenfalls nicht, dass die EMR bei den Menschen nicht bekannt genug ist. Mit einem verstärkten Auftritt in sozialen Netzwerken soll sich das ändern.

Und: „Wir müssen unsere Aktivitäten auf konkrete und machbare Aktionen konzentrieren.“ Sie plant, die Grenzinfopunkte zu Kompetenzzentren für alle Fragen grenzübergreifender Mobilität auszubauen.

Die Mühen der Ebene

Natürlich war von vielen Dingen die Rede, die in den vergangenen Jahrzehnten geschafft wurden – und die für die Menschen in dieser Region so selbstverständlich geworden sind, dass sie wohl vergessen haben, wie mühsam der Weg dorthin war. Feuerwehren und Notdienste überqueren heute täglich die Grenzen im Dreiländereck, um im anderen Land Leben zu retten; 16.000 grenzüberschreitende Ermittlungen im Jahr werden über das trinationale polizeiliche Zentrum EPICC in Heerlen koordiniert; 40.000 Berufspendler überschreiten täglich eine Grenze in der EMR, was durch im jeweils anderen Land anerkannte Berufsabschlüsse immer leichter wird.

Aber Aachens OB ließ über die Formulierung der „Mühen der Ebenen“ erkennen, wie schwer es eben auch sein kann, in einem Grenzraum mit drei Staaten und fünf Regionen angesichts verschiedener Sprachen, Verwaltungsebenen und kulturellen Verständnissen zu Lösungen zu kommen. Philipp stellte die selbstkritische Frage: „Was sind die für die Bürger sichtbaren Projekte?“ Und gab zu, dass das, was am Ende herausgekommen ist, „nicht immer so war, wie man es sich vorher vorgestellt hat“.

Er wünschte sich auch eine stärkere Einbindung der Oberzentren in die EMR. Bislang organisieren die Städte ihre Kooperation in verschiedenen Zusammensetzungen außerhalb der EMR. Eine Parallelstruktur, die man sich laut Philipp „ersparen“ könne.

Paasch berichtete vom angespannten Verhältnis zwischen den Mitgliedsstaaten im Interreg-Ausschuss auf der einen und den Partnerregionen der EMR auf der anderen Seite. Sie hätten darum kämpfen müssen, überhaupt als Kooperationsgebiet erhalten zu bleiben und eine Stimme im Ausschuss zu erhalten. Ergebnis: Sie nehmen beratend teil. Die Mühen der Ebene.

Doch deswegen die europäische Idee aufgeben? Für Festredner Martin Schulz (SPD), Präsident des EU-Parlaments, natürlich keine Option. Die EMR sei ein Musterbeispiel dafür, wie es gehen könnte. Die früheren Generationen, von Kriegen gebeutelt, hätten uns mit der EU ein Friedensprojekt vererbt. Und dieses Erbe gelte es zu verteidigen. Grenzzäune lösten kein Problem. „Am Ende bedeutet Nationalismus immer Krieg.“

Walsken bot den anwesenden Repräsentanten aus der gesamten Euregio für ihre Zeit als EMR-Vorsitzende glaubhaft „Offenheit, viel Vertrauen und ein faires Miteinander“ an. Ein bemerkenswerter Festakt.

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