Ein Brautkleid als liturgisches Gewand

Von: Verena Müller
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Das Aushängeschild der Schatzkammer: Die Reliquiarbüste des Heiligen Lambertus, die vom Aachener Hans von Reutlingen angefertigt wurde. Foto: Verena Müller

Lüttich. Liturgische Gewänder, die einst aus kostbaren seidenen Brautkleidern geschneidert wurden, die größte Reliquiarbüste ihrer Art und eine beeindruckende Sammlung barocker Goldschmiedekunst in Form von Kerzenständern und Kelchen sind ab diesem Freitag wieder in Lüttich zu sehen.

Lange waren diese einzigartigen Stücke der Domschatzkammer Lüttich in einem Tresor weggesperrt, seit zehn Jahren ist zumindest ein Teil ausgestellt. Jetzt, nach fünf Jahren Vorbereitungszeit und einem Jahr Umbauarbeiten, wird die Sammlung überwiegend liturgischer Gegenstände über dem Kreuzgang der Kathedrale St. Paul mit mehr Exponaten, frischer Farbe an den Wänden und in neuem Licht präsentiert.

Beim Gang durch die einzelnen Abteilungen erfährt der Besucher fast beiläufig viel Wissenswertes über die Geschichte der Stadt, des Bistums und des Fürstentums Lüttich. Beispielsweise, dass die alte Diözese Lüttich, Teil der Kirchenprovinz Köln, bis rund 1800 die Grenzen Aachen, Venlo, Bergen op Zoom, Leuven, Bouillon und Malmedy hatte und das Fürstentum zum Heiligen römischen Reich gehörte.

Schon seit der Karolingerzeit ist Lüttich Sitz des Bischofs von Tongeren, die ältesten Stücke der Domschatzkammer stammen aus dieser Epoche, ein Stück ist sogar noch älter. Ein unscheinbares Stück Stoff ist es, in das vermutlich einmal eine Reliquie eingewickelt war. Der Stoff aus dem 6. Jahrhundert ist im Dachstuhl des Kreuzgangs, der auch den verheerenden Brand von 1468 überlebt hat, in großen abgedunkelten Vitrinen zu finden.

Auch der unangefochtene Höhepunkt der Sammlung befindet sich hier: Die Reliquiarbüste des Heiligen Lambertus, die vom Aachener Hans von Reutlingen 1512 in Aachen angefertigt wurde und rund 90 Kilogramm wiegt. Sie ist zwar noch der spätgotischen Tradition zuzuordnen, in ihrem Sockel, in den einzelnen Szenen aus dem Leben des Heiligen dargestellt sind, findet man aber schon erste Renaissance-Elemente wie ungewöhnlich verrenkte Körper.

In der Reliquie befindet sich der Schädel des Heiligen, der um 700 Bischof von Maastricht war und auf seinem Hofgut in Lüttich ermordet wurde. An der Stelle der Ermordung wurde später eine Kirche gebaut, nachdem sich dort verschiedene Wunder ereignet hatten. Lambertus´ Nachfolger ließ auch die Leiche dort beisetzen. Im Laufe der Zeit gewann Lüttich an Bedeutung, der Bischofssitz wurde nach Lüttich verlegt.

Die Kirche St. Lambertus ist allerdings heute nicht mehr erhalten. Als Symbol der weltlichen Macht der Kirche - das Fürstentum Lüttich befand sich im Besitz des Bischofs - war die alte Kathedrale nach der Französischen Revolution und der Vertreibung des Fürstbischofs abgerissen worden. Das Bistum Lüttich wurde zwar wieder hergestellt, St. Lambertus aber nicht neu errichtet. Stattdessen wurde eine der sieben Stiftskirchen zur neuen Kathedrale ernannt: St. Paul.

Deren Bausubstanz hatte im Laufe der Jahrhunderte stark gelitten - der Westflügel beispielsweise war abgesackt - weshalb dringende Sanierungsarbeiten anstanden. 2,7 Millionen Euro von EU, der Wallonie und der Provinz Lüttich flossen. In diesem Zuge wurde auch die Domschatzkammer neu dimensioniert, zusätzliche Informationen über die Region, den Palast des Fürstbischofs, in dem damals wie heute auch das Parlament untergebracht ist, und zahlreiche Exponate sind außerdem neuerdings an Infopunkten audiovisuell abrufbar.

Unbedingt anschauen sollte man sich beispielsweise „Die drei Auferweckungen durch Christus” in Elfenbein, wahrscheinlich als Buchdeckel Anfang des 11. Jahrhunderts angefertigt, das kaum Konkurrenz in vergleichbarer Qualität findet. Die liebevoll gestalteten Miniaturfiguren stehen in dem Relief fast frei. Zurzeit auf „Tournee”, nach Bern auf dem Weg von Brügge nach Wien, ist die Goldstatue von Karl dem Kühnen (1467). Sie ist Teil einer gleichnamigen Ausstellung - wodurch auch ihre Restaurierung bezahlt wird. „Ab dem 21. Juli dieses Jahres wird sie erst wieder in Lüttich sein”, sagt der Leiter der Domschatzkammer, Philippe George.

Öffnungszeiten, Eintrittspreise und Adresse

Ab Freitag, 27. März, wird die Domschatzkammer Lüttich wieder dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet sein. In sieben Sälen auf drei Ebenen (mit dem Aufzug erreichbar) werden die Schätze gezeigt und erklärt, nach Reservierung auch außer montags täglich um 15 Uhr mit Führung. Audioguides gibt es in französischer, niederländischer, englischer und deutscher Sprache. Der Eintritt kostet zwischen 1,25 Euro und 5 Euro.

Adresse: Rue Bonne-Fortune 6 in Lüttich. Das Museum befindet sich im Kreuzgang von St. Paul. Kontakt: 0032/42326132, E-Mail: info@tresordeliege.be
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