Aachen - Ein Abschluss, zwei Positionen, viele Forderungen

Ein Abschluss, zwei Positionen, viele Forderungen

Von: Thorsten Karbach
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G8-Schülerin Annika Pütz nennt eine Rückkehr „Quatsch“. Sie ist froh, studieren zu können – Medizin in Bonn. Foto: Jaspers

Aachen. Eines hat die Umstellung auf das Turboabitur gelehrt: Ärger lässt sich über Schulreformen in Rekordzeit entfachen. Heftiger denn je wird über die Frage, ob die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun Jahren (G9) auf acht Jahre (G8) Sinn macht, gestritten.

Und weil Niedersachsen nun die Rolle rückwärts macht und die Gymnasialzeit ab 2015 wieder um das gekürzte Jahr verlängert ist die Rückkehr zu G9 auch in Nordrhein-Westfalen nicht mehr ausgeschlossen. Bei einem „Runden Tisch“ mit Vertretern von Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik will sich Schulministerin Sylvia Löhrmann vergewissern, ob der Konsens über die verkürzte Schulzeit im Land überhaupt noch besteht. Vieles scheint möglich. Aber macht es auch Sinn?

Es ist nun fast ein Jahr her, dass der doppelte Abiturjahrgang in Nordrhein-Westfalen die Schulen verließ. 130 000 Schüler – die letzten, die nach neun Jahren Abitur und die ersten, die nach acht Jahren Abitur machen – hatten sich den Prüfungen gestellt, darunter waren die G8-Schülerin Annika Pütz und die G9-Schülerin Inés Rogge vom Aachener Couven-Gymnasium. Unsere Zeitung hatte sie im Rahmen der Serie „Doppelabi“ durch ihr letztes Schuljahr begleitet. Die beiden Schülerinnen berichteten von den Höhen und Tiefen auf dem Weg zum Abitur, von Nachmittagsunterricht, Klausurstress und Engagement in der Schülervertretung. Vom Lernen und Klausuren schreiben und von dem guten Gefühl, das Abitur in der Tasche zu haben.

All das liegt hinter ihnen. Annika Pütz war anderthalb Monate in Italien und Griechenland unterwegs und ist dann nach Bonn gezogen, um dort Medizin zu studieren. Inés Rogge besuchte von Oktober bis Mitte Dezember Onkel und Tante in Venezuela, reiste später sechs Wochen und 3000 Kilometer mit einer Freundin durch Südafrika. Vor ein paar Woche kehrte sie zurück, jobbt und blickt voraus: Ende April macht sie ein Praktikum bei einem Aachener Energieversorgungsunternehmen, im Oktober will auch sie studieren. Es soll Management und Spanisch in Reutlingen werden. Die Schulzeit mag ein für alle mal vorbei sein, die Diskussion um das Wohl und Wehe des Abiturs nach acht beziehungsweise neun Jahren verfolgen beide mit großen Interesse. Schließlich zählten sie zu dem Jahrgang, der die Unterschiede im täglichen Miteinander erlebte. Und jetzt? Wie bewerten die beiden Abiturientinnen des Jahres 2013 die Kontroverse, während ab Dienstag die ersten Abiturprüfungen für die 91 000 Schülerinnen und Schüler des Abschlussgangs 2014 anstehen?

„Es wäre Quatsch“

„Meiner Meinung nach wäre es großer Quatsch, nach gerade fertiger Umstellung wieder zurückzuwollen und noch mehr Geld zum Fenster rauszuwerfen, statt zu optimieren“, sagt Annika Pütz. „Dass Niedersachsen zurück auf G9 umstellt, finde ich fantastisch. Daran sollten sich alle Bundesländer ein Beispiel nehmen“, erklärt Inés Rogge. Tatsache: Die ehemalige G8-Schülerin plädiert gegen die Rückkehr, die ehemalige G9-Schülerin für die Rückkehr zur längeren Schulzeit.

Inés Rogge hat gute Gründe für ihre Einschätzung. Sie findet es nicht sinnvoll, dass junge Menschen mit 17 oder 18 bereits entscheiden müssen, in welche Richtung sie studieren wollen. Sie nennt den Stress ein großes Problem, viele Schüler seien dem Lernpensum nicht gewachsen. Sie sieht die Belastung bei ihrer jüngeren Schwester, die mehr lernen muss, mehr Hausaufgaben macht und später von der Schule nach Hause kommt, als sie es erlebte. „Wir hatten mehr Zeit für Hobbys, weil wir nicht jeden Nachmittag Unterricht hatten. Jeden Tag sehe ich, dass die Lernplanentschlackung zu gering ausgefallen ist“, sagt sie.

2004 hatte Schulministerin Barbara Sommer mit der schwarz-gelben Landesregierung die Schulzeitverkürzung beschlossen, weil die Schüler schneller studieren und vor allem schneller danach arbeiten sollten. Deutschlands Absolventen waren im europäischen Vergleich, so die schwarz-gelbe Sicht, zu alt. Der Gedanke ist schon der rot-grünen Vorgängerregierung gekommen. Sie wollte ein Jahr Oberstufe abbauen. Doch Schwarz-Gelb kürzte dann in der Mittelstufe und quasi bei laufendem Schulbetrieb.

Nur 13 wollten zurück

Als die rot-grüne NRW-Landesregierung mit Schulministerin Sylvia Löhrmann 2010 den Schulen die Möglichkeit gab, in einem sogenannten Schulversuch wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückzukehren, war die Begeisterung bescheiden: Von 630 Gymnasien in Nordrhein-Westfalen haben nur 13 das Angebot wahrgenommen.

Doch seitdem ist der Unmut gerade unter den Eltern offenkundig gewachsen. Und er wird wahrgenommen – auch von der NRW-CDU, die einst die Umstellung verantwortete: Deren Vorsitzender, der Aachener Armin Laschet, hatte sich zuletzt durchaus offen für eine Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit gezeigt. Wenn sich zwei Drittel aller Eltern gegen den achtjährigen Bildungsgang (G8) an den Gymnasien aussprächen, „dann müssen wir über jede Option nachdenken“, sagte Laschet.

Es ist eine müßige Diskussion, ob früher, sprich mit G9, alles besser war. Und es wäre fatal zu denken, eine Rückkehr würde wieder zu alten Verhältnissen führen – sprich: zu Schule von 8 bis 13.15 Uhr.

Und ist es nicht auch der Ganztagsunterricht mit sportlichen, kulturellen oder musischen Momenten, der von einer modernen Schule eingefordert wird? Ist es nicht höchste Zeit, den Lehrplan mit seinem klassischen Fächerkanon interdisziplinär zu modernisieren? Daran gibt es wenige Zweifel und deswegen sind umso mehr angebracht, dass eine Rückkehr zu G9 wieder mehr Freizeit und weniger Belastung bedeuten würde. Auch wenn dies oft besonders lautstark gefordert wird: Die Liste derer, die zu G8 stehen, ist lang: Schulleitervereinigungen, Philologen-Verband, FDP, auch Elternvertreter. Und die Ansturm auf die Gymnasien ist unverändert groß.

Annika Pütz hat im ersten Semester erfahren, dass es gut ist, Lernen zu können und sich auch großen Belastungen stellen zu können. In der zurückliegenden Klausurphase musste sie noch mehr Lernen als für das Abitur. Das Wintersemester sei anstrengend gewesen. „Von der Schule zum Studium ist schon ein ziemlicher Unterschied. Trotzdem möchte ich nicht zurück in die Schule!“, erzählt sie. Ja, als G8-Schülerin hat sie gelernt, mit Stress fertig zu werden.

Die ersten drei Monate Pflegepraktikum im Krankenhaus und damit das erste Semester liegen hinter ihr, im zweiten Semester stehen Physik, Biochemie, Histologie und Biologie auf dem Stundenplan. Darüber hinaus engagiert sie sich weiter politisch – statt in der Schülervertretung nun eben in der Fachschaft. „Im Großen und Ganzen läuft alles so, wie ich es mir vorgestellt habe, und mir geht es in Bonn super“, sagt sie.

Fürs Leben lernen

Ihr Weg mag dabei nicht charakteristisch sein, anderen G8-Absolventen mag der Übergang schwerer gefallen sein, ungezählte haben zunächst ein Jahr im Ausland eingelegt oder vor das Studium Praktika geschoben. Dies mag am Ende kostbarer sein als ein weiteres Jahr auf der Schulbank. Nach dem Abitur lernen diese jungen Menschen, wie es so schön heißt, fürs Leben. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein Jahr zu spät anfange zu studieren. Ich bin froh, obwohl ich ‚schon‘ 20 Jahre alt bin, mir die Zeit zu nehmen“, sagt Inés Rogge. In Venezuela hat sie erlebt, wie die Inflation ein Land in die Knie treibt. Vor drei Jahren war sie zuletzt dort. Nun wurde sie mit leeren Regalen in den Supermärkten, mangelnden Medikamenten und Gewalt konfrontiert. Solche Erfahrungen kann ihr weder Schule noch Studium liefern.

Zuhause hat sie im Zuge der Diskussion um G8 und G9 einfach mal eine Liste gemacht. Was spricht für und was gegen die verkürzte Schulzeit? Die Argumente gegen G8 waren in deutlicher Überzahl. Bei Annika Pütz mag das anders aussehen. Kein Wunder, dass überall im Land weiter gestritten wird.

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