Ehemaliger: Missbrauch auch am Aloisiuskolleg

Von: dpa
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Bonn. Im Missbrauchsskandal an Schulen und Einrichtungen des katholischen Jesuiten-Ordens hat sich ein weiteres Opfer gemeldet.

Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung” erklärte ein früherer Schüler des Bonner Jesuiten-Gymnasiums Aloisiuskolleg, er sei Anfang der 60er Jahre von einem inzwischen gestorbenen Pater missbraucht worden. Ein Anwalt von Opfern am Berliner Canisius-Gymnasium will eine Sammelklage gegen den Jesuiten- Orden in den USA prüfen. Die Deutsche Bischofskonferenz (DKB) setzte das Missbrauchsthema kurzfristig auf die Tagesordnung ihrer nächsten Vollversammlung Ende Februar und kündigte eine öffentliche Stellungnahme an.

Erste Missbrauchsfälle aus den 70er und 80er Jahren wurden vor einer Woche in Berlin bekannt. Dann kamen weitere Taten von drei Jesuiten-Patern in Hamburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover und dem Schwarzwald ans Licht. Ein Pater hatte die Taten bereits 1991 eingeräumt, ein weiterer hatte Übergriffe auf Jugendliche in Hannover gestanden. Auf einen Geistlichen, der zunächst im Canisius-Kolleg und später in Göttingen und Hildesheim eingesetzt war und dem ebenfalls sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, hatte es in den 1980er Jahren eine Messerattacke gegeben. Laut Medienberichten verübte ein ehemaliger Schüler die Tat, später beging dieser Selbstmord.

Das Bonner Aloisiuskolleg ist neben dem Berliner Canisius-Kolleg und dem Kolleg St. Blasien im Schwarzwald das dritte Jesuiten- Gymnasium in Deutschland. In St. Blasien ging etwa der spätere CDU- Politiker Heiner Geißler zur Schule, in Bonn-Bad Godesberg waren unter den Schülern Johannes B. Kerner, der jetzige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Moderator Stefan Raab.

Weiteres Opfer meldet sich

Der frühere Schüler des Aloisiuskollegs sagte der „Süddeutschen Zeitung”, aus Angst habe er nie über den Vorfall gesprochen. Der Rektor des Kollegs, Pater Theo Schneider, sagte auf Anfrage, er habe von dem Fall erst aus der Zeitung erfahren. Er bot dem ihm bisher unbekannten Betroffenen Anonymität und Diskretion an, wenn er mit ihm sprechen wolle.

Der Berliner Rechtsanwalt Lukas Kawka sagte am Donnerstag der dpa zu den Vorfällen am Canisius-Gymnasium, „sollte sich bestätigen, dass ehemalige Schüler die amerikanische Staatsbürgerschaft haben, wäre eine Sammelklage in den USA, anders als in Deutschland, möglich.” Weiter erklärte er: „Die finanziellen Konsequenzen wären dann für den Jesuitenorden desaströs.” Zunächst werde eine außergerichtliche Einigung geprüft. Um Wiederholungen vorzubeugen, müsse es „spürbare, schadenersatzrechtliche Sanktionen” geben.

Debatte um Zölibat

Der Missbrauchsskandal entfachte die Debatte über den Zölibat neu. „Es spricht nichts dafür, dass die pädophile Tendenz durch den Zölibat entsteht”, sagte Prof. Norbert Leygraf vom Institut für Forensische Psychiatrie an der Universität Duisburg-Essen der dpa. Das Institut begutachtet im Auftrag der Kirche Mitarbeiter der Kirche, die im Verdacht eines Sexualdeliktes stehen. In den vergangenen sieben Jahren seien das etwa 20 Fälle gewesen. „Der Verzicht auf Sexualität führt nicht dazu, dass die Sexualität sich ändert”, stellte Leygraf klar.

Der Psychiater warnte vor der Annahme, dass Kindesmissbrauch kirchenspezifisch ist. „Das wird immer behauptet, obwohl es keine Statistik darüber gibt.” Pädophilie komme in allen Berufsgruppen vor. In pädagogischen Berufen bestehe allerdings eher die Möglichkeit, die sexuellen Fantasien umzusetzen. „In anderen Berufen gibt es wahrscheinlich eine Menge Leute mit pädophilen Ader, die das aber nie ausleben.” Nach Ansicht von Leygraf tut die Kirche heute sehr viel, um Missbrauchsfälle zu verhindern. Allerdings sei es nicht möglich, im Vorfeld festzustellen, ob jemand sexuell an Kindern interessiert ist.

War das die Spitze des Eisbergs?

Das Bistum Hildesheim will nach möglichen weiteren Fällen in der Vergangenheit suchen. „Im Punkt sexueller Missbrauch ist das ein Stück Vergangenheitsbewältigung”, sagte Bistumssprecher Michael Lukas am Donnerstag. „Wir überlegen noch, wie wir damit umgehen, wir können schlecht 400 Priester-Akten durchgehen.” Bischof Norbert Trelle habe mögliche Opfer und Kirchenmitarbeiter gleichermaßen aufgerufen, sich zu möglichen Vorfällen in zurückliegenden Jahren zu melden. „Die Frage ist, war das die Spitze des Eisbergs?”

Der Missbrauchsskandal setzt die deutschen Bischöfe unter Druck. Das Thema sei kurzfristig auf die Tagesordnung der nächsten Vollversammlung gesetzt worden, teilte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) am Donnerstag mit. Das Treffen findet vom 22. bis zum 25. Februar in Freiburg statt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verwies am Donnerstag auf ihre strenge Handhabe bei sexuellem Missbrauch. Schon bei einem Verdacht werde der betroffene Kirchenmitarbeiter sofort suspendiert, sagte EKD-Sprecher Reinhard Mawick. Eine bloße Versetzung komme nicht infrage. „Bei uns ist es so, dass wir Anschuldigungen und dem Verdacht von Missbrauch oder Pädophilie unverzüglich nachgehen und eng mit der Justiz zusammenarbeiten.” Gefeit gegen Missbrauch sei die evangelische Kirche dennoch nicht, Einzelfälle habe es in der Vergangenheit gegeben.

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