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Ehefrau, Mutter und Teilzeitauszubildende: Alles unter einem Hut

Von: Katharina Menne
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Wie man Beruf mit Privatem gut verbinden kann: Sara Antunez lebt mit ihrer Familie in Aachen. Damit sie genügend Zeit vor allem für ihre beiden Töchter hat, macht sie eine Berufsausbildung in Teilzeit. Foto: Katharina Menne
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Wie man Beruf mit Privatem gut verbinden kann: Sara Antunez lebt mit ihrer Familie in Aachen. Damit sie genügend Zeit vor allem für ihre beiden Töchter hat, macht sie eine Berufsausbildung in Teilzeit. Foto: Katharina Menne

Aachen. Um 6.10 Uhr klingelt der Wecker. Für Sara Antunez heißt das: aufstehen, fertigmachen, die Kinder wecken und anziehen, frühstücken, Tasche packen und ab aus dem Haus. Getrödelt wird hier nicht. Alles ist minutiös geplant und muss funktionieren, so wie in vielen Haushalten. Aber bei den Antunez‘ geht es nicht nur darum, dass die Kinder pünktlich aus dem Haus kommen.

Auch die Mutter muss pünktlich zur Schule, denn sie macht seit sechs Monaten eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement – in Teilzeit. Schon lange hatte die 33-jährige Aachenerin die Idee, einen Berufsabschluss zu machen, um einen guten Arbeitsplatz und ihr eigenes Geld zu bekommen. Doch wegen ihres Alters und der Kinder dachte sie immer, das sei ein unerfüllbarer Traum.

Dabei hatte die gebürtige Peruanerin sogar schon mal angefangen zu studieren, das Studium aber mit der Heirat abgebrochen. Jahre später stieß sie im Internet durch Zufall auf das Stichwort „Teilzeitausbildung“. Und plötzlich erschien der Traum etwas erreichbarer.

„Mein Mann war anfangs total überrascht von meiner Idee und auch etwas skeptisch, aber dann war schnell klar, dass er mich dabei voll unterstützt. Ohne seine Hilfe wäre es auf jeden Fall schwieriger“, sagt sie. Denn sie möchte auf keinen Fall, dass ihre beiden Töchter durch ihre Ausbildung zu kurz kommen. „Das ist zwar eine tägliche Herausforderung, aber mit einem guten Zeitmanagement kann man es schaffen. Zum Glück bin ich in meiner Arbeitszeiteinteilung sehr flexibel.“

Alle Beteiligten profitieren

Zwei Berufsschultage und 20 Arbeitsstunden muss sie dennoch in der Woche unterbringen. Das ist manchmal etwas stressig. Doch falls sie es mal nicht rechtzeitig schafft, ihre Töchter vom Spanischunterricht oder der Gitarrenstunde abzuholen, ist meistens ihr Mann zur Stelle. Er arbeitet Vollzeit als Maschinenführer. Da die jüngere Tochter bis in den frühen Nachmittag im Kindergarten bleibt und die ältere schon in die Schule geht, merken sie auch kaum, dass ihre Mutter weniger zu Hause ist als vorher.

Das Konzept, in allen Berufen eine Ausbildung in Teilzeit machen zu können, wurde bereits vor mehr als zehn Jahren gesetzlich verankert. Während der Teilzeitausbildung wird die effektive Arbeitszeit im Betrieb zwar reduziert, die gesamte Ausbildungsdauer aber nach Möglichkeit nicht verlängert. Das soll vor allem jungen Müttern, Vätern und Menschen, die Angehörige pflegen, Chancen eröffnen. Natürlich ist es möglich, sich auf eigene Faust auf die Suche nach einem Ausbildungsbetrieb zu machen. Da allerdings viele Unternehmen das Konzept noch immer nicht kennen, ist es oft leichter, sich vorher beraten und sogar betreuen zu lassen.

Sara Antunez stieß bei ihren Internetrecherchen auf das sogenannte TEP-Projekt. TEP steht für „Teilzeitberufsausbildung, Einstieg begleiten, Perspektiven eröffnen“. Im Rahmen dieses Förderprogramms werden die Teilnehmer, die in den meisten Fällen Frauen sind, ein Jahr lang bei der Arbeitsplatzsuche, der Bewerbung, der Kinderbetreuung und den ersten Schritten in Schule und Ausbildung begleitet. Der Region Aachen Zweckverband fördert den Informationsaustausch zwischen den Netzwerkteilnehmern und den TEP-Trägern.

Karin Wieder, Koordinatorin des TEP-Projekts in der Städteregion Aachen, ist davon überzeugt, dass nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Unternehmen und der gesamte Arbeitsmarkt von dem Teilzeitmodell profitieren. „Es ist auch eine Antwort auf den Fachkräftemangel, wenn nach neuen Möglichkeiten Ausschau gehalten wird, Frauen und Männer auszubilden, die an regulären Konzepten aus diversen Gründen nicht teilnehmen können“, sagt sie. Außerdem seien Teilzeitauszubildende meist über ihre hohe Motivation hinaus mit tollen Kompetenzen ausgestattet: Sie seien reifer und wüssten, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und sich zu organisieren.

Das dachte sich auch Nina Rau. Die Leiterin der Aachener Geschäftsstelle der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands stellte von sich aus Kontakt zum Sozialwerk her, als sich abzeichnete, dass eine Kollegin bald in Rente gehen wird. In Sara Antunez fand sie daraufhin eine motivierte und verantwortungsbewusste Auszubildende.

„Ich halte es für selbstverständlich, dass man als Unternehmen auf Familiensituationen Rücksicht nimmt“, sagt Rau, die selbst zwei kleine Kinder hat. „Indem man jemandem die Möglichkeit zu einer Ausbildung in Teilzeit gibt, zeigt man sich als Unternehmen von einer sehr familienfreundlichen Seite.“ Sie könne das Modell jedenfalls uneingeschränkt weiterempfehlen.

Damit, dass sie ihren Berufsabschluss nachholt, möchte Sara Antunez auch ihren Töchtern ein Vorbild sein. „Es ist nie zu spät, eine Ausbildung zu machen“, findet sie. Die Zustimmung ihrer Töchter hat sie jedenfalls. „Die Ältere hat sich sogar so für mich gefreut, dass sie mir eine Schultüte gebastelt hat“, sagt sie lächelnd – und stellt den Wecker für den nächsten Morgen.

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