Aachen - Egidius Braun, der „Glücksfall“ für den Fußball

Egidius Braun, der „Glücksfall“ für den Fußball

Von: Bernd Mathieu
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Einer seiner zahlreichen Wegbegleiter und Fußballfreunde: DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun mit dem Ehrenspielführer der deutschen Fußballnationalmannschaft, dem legendären Idol Uwe Seeler. Foto: Bernd Mathieu
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Im Gespräch mit zwei Fußball-Ikonen: Egidius Braun, Rudi Völler und Franz Beckenbauer. Foto: Michael Jaspers
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Freundliche Begrüßung: Egidius Braun und Bundeskanzlerin Angela Merkel beim CHIO in Aachen. Foto: dpa

Aachen. Als er 2001 beim DFB-Bundestag in Magdeburg offiziell verabschiedet und zum DFB-Ehrenpräsidenten gewählt wurde, nannte ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder einen „Glücksfall für den deutschen Fußball“. Das war keine leere Worthülse, sondern ist auch heute noch eine schöne Zusammenfassung des Lebenswerkes von Egidius Braun.

An diesem Freitag wird er 90 Jahre alt.

Der „Glücksfall“ beschreibt in einem Wort die außergewöhnliche jahrzehntelange Tätigkeit für diesen Sport in Deutschland und in Europa. Egidius Braun hat sich stets als Gegenentwurf zu den grellen Dreh- und Angelpunkten des immer rasanter werdenden Kommerzkarussells empfunden. Einer seiner wichtigsten Sätze lautet in diesem Zusammenhang: „Fußball ist nicht nur Geldvermehrung. Popularität verpflichtet auch zur sozialen Verantwortung.“

Der Präsident aus Aachen war ganz oben und hat nie die Basis unten vernachlässigt – ob bei Jugendturnieren, am „Würselener Tor“ am alten Tivoli, bei zahlreichen Jubiläen und Turnieren von Kreisliga- und Bezirksligavereinen oder über viele Jahre sonntags an der Orgel der Walheimer Klosterkirche. Dennoch hat er sich nie auf den „guten Menschen aus Breinig“ reduzieren lassen. Kein harmonisierender Ja-Sager. Einer, der öffentlich erklärte: „Wer mir eine gibt, bekommt eine zurück.“ Bei ihm wusste und weiß man stets, woran man ist. Das zeichnet ihn aus, auch das.

Neun Jahre, von 1992 bis 2001, war er Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, ein individueller und unkonventioneller Spitzenfunktionär, dessen souveräne Persönlichkeit sich nicht erst durch den Kontrast zu seinem etwas seltsamen unmittelbaren Nachfolger Gerhard Mayer-Vorfelder definiert. Niemals gab es bei Braun eine Politik der fuchtelnden Hand, sondern stets klare Entscheidungen, die ihm mehr als einmal das Etikett „autoritär“ einbrachten. Na und? Gegen latente Oberflächlichkeit setzte er gezielt Instinkt, Strategie, Rhetorik und natürlich Macht. Für einen Verband mit über sechs Millionen Mitgliedern kann das nicht ganz falsch gewesen sein.

In der Retrospektive auf diese Jahre nennt er seinen größten Fehler „Unduldsamkeit“. Ach ja: Das sagen sie alle, als sei alleine mit Geduld Großes zu bewirken. Da gehört wohl mehr dazu!

Mehr als nur 1:0

Folglich hat sich Egidius Braun auf keiner Bühne dieser Welt auf der Breiniger Nase herumtanzen lassen. Der von einigen eher hämisch gemeinte Titel „Pater Braun“ trifft da die Persönlichkeit nicht ganz. Den „Pater“ akzeptiert er vor allem in Zusammenhang mit seinem Bekenntnis zur Kirche. „Dann fühle ich mich mit diesem Namen geehrt, besonders, wenn damit auch die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen gemeint ist.“

Auf der einen Seite ein Manager mit hoher Verantwortung und 20 Mark Tagesspesen, auf der anderen Seite ein Sportfunktionär, der in seiner Antrittsrede als DFB-Präsident den legendären Satz sprach: „Fußball ist mehr als 1:0.“ Für den Slogan wurde er zunächst belächelt von den Fußball-Granden dieser Welt und von einer Medien-Melange aus „taz“ und „Süddeutscher Zeitung“. Altmodisch stand auf dem Etikett, das ihm angeklebt wurde.

Da hatte er schon etliche Jahre seine guten Erfahrungen mit der von ihm während der WM 1986 initiierten Mexiko-Hilfe und Vereinen wie seinem Heimatclub SV Breinig. Mit Jugendfußball und mit Amateuren. Das soziale und gesellschaftspolitische Engagement hat er beim DFB konsequent durchgesetzt. Es wurde bei seiner neunjährigen Präsidentschaft die dritte Säule neben Profifußball und Amateurbereich.

Kinder und Jugendliche

Das Schöne am Fußball ist für Egidius Braun vor allem die Fürsorge für Kinder und Jugendliche. Das weit darüber hinaus gehende Bemühen, sich für Kinder in aller Welt einzusetzen, auch gemeinsam mit dem Kindermissionswerk, gehört zu den wesentlichen Merkmalen der Egidius-Braun-Stiftung.

Eine schwere Krankheit drohte ihn vor Jahren aus der Bahn zu werfen. Er und seine Frau Marianne nahmen diese Herausforderung unverdrossen an. Und so sah man beide wieder regelmäßig in der Öffentlichkeit, zum Beispiel beim Aachener Reitturnier. Sein soziales Engagement hat er nie aus den Augen verloren: „Die Kinder, wir müssen doch etwas für die Kinder tun. Es gibt so viel Elend auf der Welt, sind wir eigentlich verrückt geworden, das zuzulassen?“

Viele Menschen aller Einkommensklassen, junge und alte, haben ihm über die Jahrzehnte seit 1986 mit Spenden für seine Mexiko-Hilfe, die Waisenkinder unterstützt, geholfen.

Das sind schöne Erfahrungen, die weit über den Fußballplatz hinausreichen und doch ursächlich mit diesem Sport zu tun haben. Aber es gibt leider auch die matte Kehrseite dieser glänzenden Medaille, das negative Element. Für Braun ist das eindeutig die Gewalt rund um den Fußball. Tiefpunkt waren für ihn persönlich die Ausschreitungen deutscher Fans während der Fußball-WM in Frankreich 1998, als sie in Lens einen Polizisten fast tot prügelten. Braun: „Das war die schlimmste Stunde, die ich in meinem Fußballerleben mitgemacht habe.“

Die große Gefahr der Kommerzialisierung des Volkssports Fußball hat er immer gesehen, ständig davor gewarnt, aber die internationale Entwicklung hat er nicht aufhalten können. Keiner hat sie aufhalten können.

Egidius Braun ist auch nach seiner Präsidentschaft fast trotzig weiter eigene Wege gegangen. Die Mexiko-Hilfe ist ihm nach wie vor uneingeschränktes Herzensanliegen. Das gilt auch für: die kleinen Vereine, die Kinder- und Jugendabteilungen, die vielen ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuer, Vereinsvorstände, Trainer.

Als junger Mann wollte er Philosophie studieren und hat viele Jahre später tatsächlich einige Semester nachgeholt. „Was habe ich dabei gelernt? Etwas ganz Wichtiges: Das größte Glück des Menschen ist die Fähigkeit zur Einsicht, nicht nur zuzuhören, wenn einer eine andere Meinung hat, sondern bereit zu sein, die Argumente des anderen, wenn sie besser sind, anzuerkennen.“

Jede Begegnung mit Egidius Braun ist ein Gewinn. Nicht nur wegen der Argumente, sondern vor allem wegen der liebenswürdigen Atmosphäre, die er und seine Frau dem Gast in ihrem Haus jederzeit bieten. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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