Aachen - Ebola: Hilfe in Europa nur aus Aachen

Ebola: Hilfe in Europa nur aus Aachen

Von: Lukas Weinberger
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Pflanzen gegen das Ebola-Virus: Das experimentelle Medikament ZMapp wird mit der Hilfe von Tabakpflanzen hergestellt. Ihnen werden Gen-Informationen zugeführt, der Wirkstoff anschließend aus den Pflanzen herausgezogen. Europaweit könnte das nur in Aachen geschehen. Foto: dpa
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„Wir haben das Know-how, wir haben die Möglichkeiten, um zeitnah zu helfen“: Rainer Fischer, Leiter des Fraunhofer-Instituts in Aachen. Foto: Lukas Weinberger

Aachen. Das Ebola-Virus grassiert unaufhaltsam auf dem afrikanischen Kontinent, über 1500 Tote hat es bereits gefordert, Einheimische, Ärzte, Helfer haben sich infiziert. Ebola verläuft in über 80 Prozent der Fälle tödlich, ein Medikament oder gar einen Impfstoff gegen das Virus gibt es nicht.

Klar, dass da die Heilung zweier Amerikaner nach ärztlicher Behandlung für großen Wirbel gesorgt hat. Dem Mediziner Kent Brantly und der Krankenschwester Nancy Writebol wurde Mitte August ZMapp injiziert. Beide hatten sich zuvor in Liberia mit Ebola infiziert.

ZMapp ist ein experimentelles Medikament, das nicht auf dem Markt zugelassen ist, ein experimentelles Medikament, das auch das Aachener Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie herstellen könnte – „als einzige Einrichtung in Europa“, sagt Institutsleiter Rainer Fischer, der auch den Lehrstuhl für Molekulare Biotechnologie an der RWTH Aachen innehat.

Probleme und offene Fragen

ZMapp ist begehrt, obwohl es zuletzt auch Todesfälle bei Ebola-Patienten gegeben hat, die mit dem Mittel behandelt wurden. Was das experimentelle Medikament angeht, gibt es ohnehin eine ganze Menge Probleme und genauso viele offene Fragen. Klar ist nur, dass die kleine US-Forschungseinrichtung „Mapp“, die ZMapp bislang hergestellt und lizenziert hat, nur eine geringe Anzahl an Dosen produzieren konnte. So war es in einem Infozettel des Unternehmens zu lesen. Und diese Dosen seien mittlerweile allesamt vergeben, nur eine Handvoll Menschen konnte behandelt werden. Mapp arbeite zwar mit der Regierung zusammen, um die Produktion schnellstmöglich hochzufahren, im Moment ruht sie aber. An allen Orten, an denen ZMapp produziert werden könnte.

Die Herstellung ist teuer, sie ist kompliziert, „wenn es um das pflanzenbasierte System geht, gibt es drei Institutionen in den USA, die ZMapp produzieren können – alle mit gewissen Vor- und Nachteilen“, sagt Fischer. Und in Europa gebe es eben nur das Fraunhofer-Institut. „Mit unserer Produktionsplattform wäre das möglich“, sagt Fischer, der als Institutsleiter mit Blick auf einen größeren Auftrag und eventuelle Drittmittel naturgemäß daran interessiert ist, ZMapp in Aachen herzustellen. Zwar sei die produzierbare Menge limitiert, weil das Institut eine angewandte Forschungsorganisation ist, aber technisch gebe es keinerlei Probleme, im Gegenteil: Die Anlage in Aachen sei zertifiziert, sagt Fischer. „Wir könnten den Wirkstoff produzieren und ihn relativ zügig bereitstellen.“

Fischer benutzt den Konjunktiv, weil dem Fraunhofer-Institut etwas Entscheidendes fehlt – die Gene, die nötig sind, um den Wirkstoff herzustellen. Um diese zu bekommen, müsste ein Rahmenvertrag mit der US-Einrichtung geschlossen werden, sagt Fischer. In den vergangenen Tagen war er in Amerika, er hat mit Kollegen gesprochen. Mehr kann er im Moment aber nicht tun, auch weil – selbst wenn seiner Einrichtung die Gene zur Verfügung stehen würden – die Produktion von ZMapp aus finanziellen Gründen kaum möglich wäre. „Da bräuchten wir ein Projektbudget“, sagt Fischer. Anders sei ein solches Vorhaben nicht zu stemmen.

„Wir müssen den Dialog mit Ministerien suchen“, sagt Fischer. „Alle Regierungen müssten sich überlegen, ob man nicht einen Notfallplan aufstellen und beispielsweise 1000 Dosen bereithalten sollte, um im Fall der Fälle zu verhindern, dass sich der Ebola-Virus im jeweiligen Land ausbreitet.“ Fischer denkt da beispielsweise an Szenarien, bei denen gleich mehrere mit Ebola infizierte Menschen per Flugzeug in Deutschland einreisen würden – unbemerkt und nicht so detailgenau geplant wie die Ankunft des Patienten am Mittwoch in Hamburg. Viel tun könnten Ärzte in diesem Fall nicht, sagt Fischer. „Ich denke, da sollte man als Regierung schon bereit sein, die notwendigen Finanzmittel in die Hand zu nehmen, um sich abzusichern.“ Auch im Hinblick auf die Situation in Afrika wünscht sich Fischer eine Aufstockung der Produktion von ZMapp an den drei US-Standorten und auch am Fraunhofer-Institut, um zu verhindern, dass sich noch mehr Menschen mit dem tödlichen Virus infizieren. „In Europa und Amerika haben wir eine Verpflichtung, den Menschen in Afrika zu helfen“, sagt er. „Wir haben das Know-how, wir haben die Möglichkeiten.“

ZMapp ist allerdings mindestens genauso umstritten wie es begehrt ist. Während die eine Seite der Experten das mögliche Heilmittel für vielversprechend hält, wundern sich andere Fachleute, die ZMapp für zu wenig erforscht halten. Die Nebenwirkungen des Mittels sind nicht bekannt, auch ist unklar, ob das experimentelle Medikament überhaupt allen Menschen hilft.

Auf Anfrage unserer Zeitung äußerte auch das Bundesgesundheitsministerium seine Bedenken gegenüber ZMapp. „Das Medikament befindet sich in einem frühen Entwicklungsstadium, es ist bislang nicht ausreichend getestet worden“, sagte ein Sprecher. „Aus diesen Gründen denken wir, dass ZMapp nicht für einen flächendeckenden Einsatz zur Verfügung gestellt werden sollte.“ Das Ministerium pocht auf die Zulassung, die Notfallsituation würde den Einsatz des experimentellen Medikamentes nicht rechtfertigen. Falls Infizierte unbemerkt einreisen würde, könnte schnell ein „Höchstmaß an Sicherheit“ gewährleistet werden, sagte der Sprecher des Ministeriums weiter.

Fischer ist anderer Meinung . Er sieht ZMapp zwar nicht als Allheilmittel an, weil keine ausreichenden Mengen hergestellt werden könnten, um in Afrika spürbar zu helfen, und das Virus, das vor allem von Flughunden übertragen wird, nicht abgetötet werden könnte. Trotzdem plädiert er für einen Einsatz von ZMapp. Er sei generell dafür, dass die Sicherheit eines Medikaments komplett überprüft würde, wenn es aber um eine Notfallsituation gehe und kein anderes Heilmittel oder ein Impfstoff zur Verfügung stehe, habe man eben nur zwei Möglichkeiten: „Entweder ich gehe ein gewisses Risiko ein und setze das experimentelle Medikament ein, oder ich muss verantworten, dass über 80 Prozent der Infizierten wahrscheinlich sterben.“ Für ihn sei die Entscheidung klar. „Wenn es um mich oder meine Familie ginge, würde ich einer Behandlung mit ZMapp zustimmen.“ Es sei zwar nicht die nachhaltigste Lösung, aber die einzige, die es gebe. Die Suche nach einem Impfstoff werde noch lange dauern, andere Medikamente, die gegen Ebola helfen, seien nicht in Sicht, sagt Fischer.

Wie es nun weitergeht, ob die Produktion von ZMapp hochgefahren wird und es vielleicht auch in Aachen hergestellt wird, müssen die nächsten Tage zeigen. Fischer jedenfalls sucht den Kontakt zu den Ministerien. Das Ebola-Virus breitet sich derweil weiter aus, jeden Tag wird von neuen Todesopfern berichtet.

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