Dzenan Dzafic zeigt es allen

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Region. Als Dzenan Dzafic 1992 mit seiner Familie vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland flieht, ist sein Fall für die Behörden klar. Er spricht kein Deutsch und sitzt im Rollstuhl, weil seine Arme und Beine von Geburt an gelähmt sind. Tetraspastik lautet der Befund.

Die Beamten stufen ihn als geistig behindert ein. Sie schicken den Neunjährigen auf eine Sonderschule. Heute, 21 Jahre später, feilt der 30-jährige an der RWTH Aachen an seinem Master-Abschluss in Informatik. Wenn alles so läuft, wie er sich das vorstellt, folgt noch die Promotion.

In einem Raum im Erdgeschoss des RWTH-Informatikzentrums schauen Dzenan Dzafic und Mit-Masterstudent Danni Baumeister konzentriert auf den Bildschirm ihres Laptops. Hinter ihnen wirft ein Beamer einen Straßenplan der Aachener Innenstadt auf die Wand. Sie arbeiten am Projekt eNav, das in der Fachwelt schon für Aufsehen gesorgt hat. Die Abkürzung bedeutet „Navigationssystem für Elektrorollstühle“. Mit anderen Studenten und Wissenschaftlern am Lehrstuhl für Informatik 11 entwickeln sie einen energiesparenden Routenplaner für Elektrorollstuhlfahrer, der zudem vor Hürden und Orten warnt, die nicht rollstuhlgerecht sind.

Die beiden Studenten diskutieren. Begriffe wie „Bodenbelag“, „Höhendaten“ und „Temperatur“ fallen. Danni Baumeister macht Notizen auf einem Block. Er ist Dzenan Dzafics Studienassistent. Dzenan kann zwar Wischgesten auf seinem iPad machen, aber nicht schreiben oder tippen. Das übernimmt Danni für ihn. Der 30-Jährige unterstützt auch bei allem anderen, was Dzenan nicht alleine kann. Er hilft ihm zum Beispiel beim Essen oder aus der Jacke. Ein Nebenjob, mit dem er sich seit August 2009 das Studium finanziert. Möglich machen das der Landschaftsverband Rheinland und der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte. Im Studentenwohnheim hat Dzenan ein behindertengerechtes Zimmer. Das Nachbarzimmer hat er dazugemietet. Dort kann ein Student umsonst wohnen, wenn er ihm abends unter die Arme greift. Bisher funktioniert das prima. Morgens kommt ein Pflegedienst, dann holt Danni Baumeister Dzenan Dzafic ab.

Wer die beiden erlebt, merkt schnell: Dort ist nicht nur ein eingeschworenes Team bei der Arbeit. Das sind zwei gute Freunde, die genau wissen, wie der andere tickt. Als Dzenan um eine Cola bittet, holt Danni eine Dose aus dem Rucksack, der immer an der Rückseite des Rollstuhls hängt. Er öffnet sie, steckt einen Strohhalm hinein und stellt sie vor Dzenan auf das Rollstuhltablett. Ein eingeübter Handgriff. Danni: „Ich kenne niemanden, der so viel Cola trinkt.“ Dzenan: „Ohne Fleisch und Cola könnte ich nicht leben.“ Danni: „Da kannst Du aber noch jede Menge Schokolade und bosnischen Kuchen drauflegen.“

Stefan Kowalewski leitet den Lehrstuhl für Informatik 11. „Herr Dzafic beeindruckt mich sehr“, sagt er. Schon in einem seiner ersten Semester suchte der Student den Professor in seinem Büro auf und erzählte vom Problem, dass die Akkustandanzeige seines elektrischen Rollstuhls nicht zuverlässig sei. Er wisse nie, ob er es mit der aktuellen Akkuladung noch von der Mensa in den Hörsaal schaffen würde. Also fragte er Stefan Kowalewski, ob man dieses Problem nicht mit Methoden aus der Informatik lösen könne. „Das war sehr ungewöhnlich, denn die meisten Studenten kommen nicht so auf einen zu.“

Der Professor bot Dzenan Dzafic an, sich in einem Praktikum am Lehrstuhl damit zu beschäftigen, wie es möglich sein kann, Elektrorollstühle effizienter zu navigieren. „Man könnte verstehen, wenn Herr Dzafic wegen seiner starken Behinderung eine weniger positive Einstellung zum Leben hätte. Stattdessen sprüht er geradezu vor Optimismus und ist hoch motiviert.“ Gleichzeitig erhebe er für sich keinen Anspruch auf Sonderrechte, weil er behindert ist.

Stefan Kowalewski beschreibt seinen Studenten auch als ausdauernd und hartnäckig. An einigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat er bereits mitgearbeitet. Er bestand darauf, bei einer Tagung in Wien selbst einen Vortrag über das Projekt eNav zu halten. Um den genauen Akkuverbrauch seines Elektrorollstuhls zu ermitteln, drehte er mit dem rund 200 Kilogramm schweren Gerät unzählige Runden auf dem Sportplatz der Hochschule.

Erst Sonderschule, dann Abi

Seiner Hartnäckigkeit verdankt der Informatik-Student auch, dass er jetzt nicht in einer Behindertenwerkstatt am Niederrhein arbeitet. Dort sah ihn das Arbeitsamt nämlich nach zehn Jahren Sonderschule. Stattdessen besuchte er für zwei Jahre die Handelsschule am Aachener Vinzenzheim und schloss mit dem 10B-Abschluss, der mittleren Reife, ab. Nach drei weiteren Jahren machte er Abitur – an einem Regelgymnasium in Kleve, in der Nähe von Goch, dem Wohnort seiner Eltern.

Zur Informatik ist Dzenan Dzafic über die Mathematik gekommen. „Mathe hat mir schon als Kind Spaß gemacht, und ich war immer gut darin. Aber in der zwölften Klasse habe ich angefangen, Dreien zu schreiben, und dachte, dann studiere ich lieber etwas anderes.“ Auch Architektur und Grafik-Design interessierten ihn. Aber dafür hätte er gesunde Hände gebraucht. „Also habe ich mich für Informatik entschieden.“

Dzenan Dzafic und Danni Baumeister gehen gerne zusammen ins Kino. „Dann schultere ich Dzenan, und wir suchen uns Plätze in den oberen Reihen.“ Auch Studentenpartys oder die Disko besuchen sie mit anderen Freunden. Das ist allerdings problematisch, denn oft kommt Dzenan mit dem Rollstuhl nicht in die Räume. „Das ist halt so“, sagt er. Danni Baumeister runzelt die Stirn. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass Dzenan sich viel weniger über so was ärgert als ich oder andere Menschen ohne Behinderung“, sagt er.

Ihn macht es zum Beispiel wütend, wenn sein Freund bei der Rückfahrt aus Goch am Aachener Westbahnhof nicht aus dem Zug steigen kann. Mit dem Rollstuhl sind die Treppen, die vom Gleis herunterführen, nämlich nicht zu bewältigen. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als die nächste Station zu nehmen, das Gleis zu wechseln und wieder zurück zum Westbahnhof zu fahren. Dort kann er dann auf der barrierefreien Seite aussteigen.

Danni: „Das ist schon ein Skandal, es gibt ja viele Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen keine Treppen benutzen können.“ Dzenan: „Am Westbahnhof steigen doch eh nur Studenten aus, und darunter sind nicht viele Behinderte. Mir macht das nichts aus. Dann winke ich den normalen Leuten halt zu und komme ein paar Minuten später von der anderen Seite wieder.“

Dass er an die RWTH wollte, sei ihm übrigens in dem Moment klar gewesen, als er hörte, dass das Studium dort besonders schwierig sei, sagt er. 2007 schrieb er sich in Aachen ein. „Das schaffst Du nie“, habe es von einigen Seiten geheißen. Dzenan Dzafic hat es allen gezeigt. Er lacht, was er ohnehin viel und gerne tut. Auch dann, wenn anderen das Lachen schon längst vergangen wäre.

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