Durchs Feuer gehen: Stuntman zeigt, wie es mit Sicherheit funktioniert

Von: Nina Leßenich
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Früher stand der Stuntman füs Fernsehen mitten im Feuer, sprang von Autos oder inszenierte wilde Verfolgungsjagden... Foto: Sacha Leyendecker

Mönchengladbach. Ein Jetski jagt einem Motorboot im Duisburger Binnenhafen hinterher, schlägt scharfe Kurven, springt über wogende Wellen, um das Boot einzuholen. Dann rast das Jetski ans Ufer, kracht in ein Auto, der Fahrer fliegt über das explodierende Fahrzeug und landet im Hafenbecken.

Soweit die Theorie zum Stunt in Folge 188 von „Alarm für Cobra 11“. Die Actionserie wird seit 2005 auch regelmäßig auf der FTL Teststrecke in Aldenhofen gedreht und ist derzeit wieder mit aktuellen Folgen im Fernsehen zu sehen. Was der Zuschauer in der Folge aus dem Jahr 2008 sieht, ist Schauspieler Erdogan Atalay, der sich als Kommissar Semir Gerkhan eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit einem Bösewicht liefert. Was der Zuschauer nicht sieht: Wie der Stunt bei den Dreharbeiten fürchterlich schief geht und der damals 29-jährige Stuntman Holger Schumacher mitten in der Explosion landet.

„Ich habe nie gesagt: ‚Nach dem Abitur werde ich Stuntman‘“, erzählt der heute 36-Jährige in einem modernen Café in seiner Wahlheimat Mönchengladbach. „Wenn man aus einem soliden und eher konservativen Elternhaus kommt, passt das nicht so ganz“, erklärt er sich. Nach dem Abitur macht er deshalb zunächst eine Ausbildung zum Physiotherapeuten – „was Vernünftiges eben“. Doch der Gedanke an das Thema Stunt lässt den gebürtigen Kölner nicht los. „In meiner Jugend gab es gerade die ersten großen Actionserien im Fernsehen. Außerdem habe ich immer viel gemacht: Snowboarden, Skifahren, Surfen.“

Der Reiz, selbst einmal Stunts auszuprobieren, sei entsprechend immer dagewesen. „Irgendwann habe ich gedacht: Ich mache einfach einmal ein Action-Wochenende, wo ich vom Auto angefahren werde und irgendwo runter springe. Ich hatte einfach Bock darauf.“ Also macht er sich schlau, sieht bei CenterTV einen Beitrag über die Stuntschule der Produktionsfirma Action Concept. „Da habe ich dann angerufen“, erzählt Schumacher. Mit zunächst ernüchterndem Ergebnis: Die Stuntschule gab es nicht mehr.

Gutes Timing

Allerdings hatte Holger Schumacher ein gutes Timing. „Am Telefon wurde mir gesagt, dass es in zwei Wochen ein Casting gebe“, erinnert er sich. „Wer genommen wurde, konnte zwei Wochen ein Praktikum bei Cobra 11 machen.“ Gesagt, getan, genommen: Er fährt zum Casting, überzeugt das Team und darf als einer von zwei Praktikanten bei der Produktionsfirma anfangen. „Da war ich noch immer der Meinung, dass ich zwei Wochen Praktikum machen und danach wieder zurück in meinen Betrieb gehen werde“, sagt Schumacher. Aber dabei sollte es nicht bleiben.

Zurück in der Praxis ist der Alltag für Schumacher ernüchternd. „Du sitzt um 10 Uhr in der Pause, trinkst deinen Kaffee und denkst: Die anderen sind gerade am Set und drehen!“ Dieses Gefühl lässt ihn nicht mehr los, er trifft eine Entscheidung. „Ich musste es ausprobieren“, sagt er heute. Also „schmeißt er alles hin“, von einem auf den anderen Tag, und geht zu einem kleinen Stuntteam. Dort sammelt er erste Erfahrungen, arbeitet auf kleinen Messen, Shows und Events. „Und so bin ich in den Beruf reingerutscht“, sagt er.

„Nach ein paar Jahren wurde bei mir aber das Geld knapp“ erzählt Schumacher. „Es gibt nicht viele Stuntleute, die nur von diesem Job leben können.“ Also orientiert er sich um, landet schließlich bei einer Stunshow in einem Freizeitpark. „Ich habe aber schon nach einem Monat gemerkt, dass das nicht meine Welt ist“, sagt Schumacher. Also kündigt er. Nur zwei Tage danach klingelt sein Telefon: ein Jobangebot von Action Concept. „Zwei Wochen später habe ich dann bei Alarm für Cobra 11 angefangen.“ Dort arbeitet er sich hoch, wird nach einem dreiviertel Jahr das Hauptdouble für Erdogan Atalay. Die Arbeit bei der Serie ist für ihn ein Traumjob – bis zu seinem Unfall.

„Man weiß, dass immer etwas passieren kann. Trotz aller Vorbereitung gibt es immer ein Restrisiko“, sagt Schumacher rückblickend. Damit gerechnet habe er aber nie. Im Moment seines Unfalls reagiert er trotzdem genau richtig, schützt sein Gesicht mit den Händen, bleibt ruhig, springt in das Hafenwasser, als er merkt, dass er brennt. Schumacher hat Glück im Unglück: Mit Verbrennungen dritten Grades an Armen und Händen und zweiten Grades im Gesicht kommt er in die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Duisburg, liegt dreieinhalb Wochen steril auf der Intensivstation, an seinem Armen muss Haut aus dem Oberschenkel transplantiert werden. Aber er lebt.

Daran, seinen Job an den Nagel zu hängen, denkt er zunächst trotzdem nicht. „Mein erster Gedanke war: Ich mache weiter. Er ist halt ein geiler Job“, sagt er. Aber seine Freundin ist dagegen, dass er wieder in den Stunt-Job einsteigt und auch seine Hände werden nicht wieder zu 100 Prozent fit. Also orientiert Holger sich um, studiert in Köln Videoproduktion, gründet erfolgreich eine eigene Firma, sammelt Erfahrungen im Bereich der Unternehmenskommunikation.

Parallelen zum Stunt

„Mit der Zeit habe ich immer mehr Parallelen zwischen meinen Stunt-Erfahrungen und der Realität in Unternehmen bemerkt“, sagt Schumacher. Teamarbeit, Projekt-, Krisen- und Risikomanagement – alles Dinge, die für einen guten Stunt unerlässlich sind. „Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich meine Erfahrungen nicht weitergebe, wo sie mir selbst im Alltag doch so viel nutzen“, sagt er. „Mit diesem Gedanken habe ich dann den ersten Schritt zurück Richtung Stunt gemacht und eine Brücke zu meiner aktuellen Tätigkeit geschlagen.“

Inzwischen coacht Holger Schumacher Start-ups sowie lang bestehende Unternehmen, auch Schulen, Universitäten und Vereine laden ihn für Vorträge und Seminare ein. Zuletzt habe er einen Workshop für die Kinder im Erich-Kästner-Kinderdorf in Oberschwarzbach nähe Würzburg gegeben. „Ich will anderen Menschen dabei helfen, sich bewusst mit Problemen auseinanderzusetzen, sie animieren, auch einmal quer zu denken und ihnen so zeigen, dass es immer zahlreiche Lösungswege gibt“, sagt Schumacher. Das sei sein Weg, in dieser Welt etwas Gutes zu tun.

Mit seiner Geschichte ist er inzwischen auch Botschafter für die Kampagne „Ein Unfall ändert alles“ der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM). Im Rahmen der Kampagne für junge Berufstätige wirbt Holger mit seinen Erfahrungen für die Bedeutung von Sicherheit am Arbeitsplatz. „Die BG ETEM hat mich in der Zeit nach meinem Unfall unterstützt“, erzählt Schumacher. „Als ich dann von der Kampagne gehört habe, wollte ich unbedingt ein Teil davon sein und helfen, diese wichtige Botschaft zu verbreiten.“

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