Düsseldorfs „Tausendfüßler”: Denkmal wird abgerissen

Von: Ulrike Hofsähs, dpa
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Die umstrittene Hochstraße aus den Wirtschaftswunderjahren darf abgerissen werden. Um einen Abriss zu verhindern, hatten Denkmalschützer das Bauministerium eingeschaltet. Foto: dpa

Düsseldorf. Die Autos brausen meterhoch über die Köpfe hinweg, die ebene Erde gehört den Fußgängern. Wer den 1962 eingeweihten Düsseldorfer „Tausendfüßler” erblickt, fühlt sich in einer Zeitmaschine, zurückversetzt in die Wirtschaftswunderjahre, als die Städte eine Straße nach der anderen bauten.

Als Symbolbau für die „autogerechte Stadt” wurde die mehr als 500 Meter lange Hochstraße im Zentrum der Landeshauptstadt schließlich zum Denkmal. Doch nun darf Düsseldorf mit Erlaubnis des nordrhein-westfälischen Bauministeriums das umstrittene Betonband niederreißen. Das hat Minister Harry Voigtsberger (SPD) entschieden und sich damit gegen Denkmalschützer gestellt.

Die Begründung klingt zunächst paradox: Die nötige Generalüberholung würde das Bild der Hochstraße so sehr verändern, dass das „Gesamtkunstwerk Tausendfüßler” wichtige Merkmale seiner Eigenschaft als Denkmal verlöre. Eine vergleichbare Erfahrung hatte die Stadt Bonn mit dem historischen Kino Metropol gemacht: Nach mehreren Umbauten war der Denkmalschutz weitgehend weggefallen.

Der als elegant und transparent gerühmte Lindwurm aus Beton in Nähe der Prachtmeile „Kö” hat viele Freunde in der Landeshauptstadt. „Ich halte das für ein großes Unglück für die Stadt Düsseldorf”, sagt der Verleger Manfred Droste. Er spricht für die Initiative „Lott Stonn” (Lass stehen), die seit Jahren für den Erhalt des eleganten Bauwerks ficht. Die Stelzenstraße bildet - noch - ein Trio mit dem Dreischeibenhochhaus und dem Schauspielhaus: Alle drei Bauwerke sind markante Vertreter der Nachkriegsarchitektur.

Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) kann mit dem Okay des Ministers nun weitermachen wie geplant: Ein „wichtiger Schritt für die zukunftsweisende Entwicklung unserer Innenstadt”, lautete sein Kommentar. Der Autoverkehr, der derzeit ampelfrei über den „Tausendfüßler” dröhnt, soll in einen 132 Millionen Euro teuren Tunnel unter die Erde kommen. Über der Oberfläche entsteht derzeit direkt nebenan das Vorzeigeprojekt „Kö-Bogen” von US-Stararchitekt Daniel Libeskind, ein nobles Geschäfts- und Bürozentrum.

Andrea Pufke ist die neue Chef-Denkmalpflegerin im Rheinland und natürlich nicht glücklich über die Ministerentscheidung. „Man hätte das Gutachten auch anderes interpretieren können”, sagt die Landeskonservatorin. Ihr Vorgänger Prof. Udo Mainzer wollte die Hochstraße erhalten und hatte den Bauminister als letzte Instanz in Sachen Denkmalschutz eingeschaltet.

Die Kunsthistorikerin weiß um die oft geringe Akzeptanz für Bauten der 50er und 60er Jahre. „Viele empfinden die Architektur als eher kalt und etwas abweisend.” Aber die Hochstraße sei ein avantgardistisches Projekt und höchst modern gewesen, meint sie und appelliert an Stadtplaner, zu Lösungen zu kommen, die mehr als eine Generation halten.

Vermutlich im Februar 2013 beginnen die Abrissarbeiten. Der Verkehr auf der Hochstraße soll mit Rücksicht auf das Weihnachtsgeschäft erst Anfang 2013 eingestellt werden. „Da fahr ich dann gleich mal drüber”, erklärte ein Düsseldorfer am Dienstag prompt - denn Fahrten über den „Tausendfüßler” haben etwas von Fliegen.
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